Claus Hipp

Ich bin für ein Mindesteinkommen.

Claus Hipp zum 75. Geburtstag: Der Unternehmer im Gespräch über die Rente mit 67, Vereinbarkeit von Familie und Beruf in seinem Unternehmen, Mindestlohn und Mindesteinkommen und Studentenjobs als Stuntman

Claus Hipp

© HiPP

[Ein Telefon-Interview.]
Guten Morgen Herr Hipp, wo erwische ich Sie denn gerade?
Hipp: Ich sitze in meinem Wagen und bin auf dem Weg zur Arbeit.

Wann stehen Sie morgens eigentlich auf?
Hipp: Mein Tag beginnt jeden Morgen um halb fünf!

Frühaufsteher aus ökonomischen Gründen, oder können Sie einfach nicht länger schlafen?
Hipp: Auf jeden Fall ökonomische Gründe, ich würde gern jeden Tag länger schlafen, vielleicht so bis sechs Uhr.

Sie gehen nach dem Aufstehen in die Kapelle…
Hipp: Ja, ich bin Mesner in der Kapelle, danach gehe ich in die Firma und arbeite, abends male ich.

Eher abstrakt oder eher figürlich?
Hipp: Porträts male ich keine. Jeder hat da so seine Richtung, jeder spezialisiert sich irgendwann. Bei mir ist es die gegenstandslose Malerei.

Was war der höchste Preis, den Sie mit einem Bild erzielen konnten?
Hipp: Das kann ich jetzt nimmer sagen, es waren sicher ein paar Tausend, aber wie viel genau, das weiß ich nicht mehr.

Stuntman waren Sie angeblich auch mal.
Hipp: In meiner Studentenzeit, ja.

Irgendwelche Stunt-Spezialitäten gehabt? Sprung durchs Fenster, Autounfall?
Hipp: Pferdesachen! Ich habe zum Beispiel Curd Jürgens gedoubelt und mit Lieselotte Pulver zusammen gedreht. Als Student macht man ja vieles, um Geld zu verdienen.

Hatten Sie nicht genug finanzielle Unterstützung vom Elternhaus?
Hipp: Ich bin sehr streng erzogen worden.

Keine monatlichen Zuwendungen?
Hipp: Natürlich habe ich monatlich was bekommen, aber Studenten brauchen immer etwas mehr, als sie von ihren Eltern bekommen.

Apropos Eltern, macht Ihnen die sinkende Geburtenrate wirtschaftliche Sorgen?
Hipp: Wenn wir mehr Geburten hätten, könnten wir mehr verkaufen, das ist richtig. Wir hatten mal doppelt so viele Geburten wie heute, das ist eine Tatsache, die wir nicht beeinflussen können. Damit müssen wir leben.

Wie geht es wohl weiter?
Hipp: Es werden wohl immer wieder Kinder geboren werden, nicht wahr? Ich wäre für ein Wahlrecht für Kinder, das von den Eltern für die minderjährigen Kinder ausgeübt wird.

Was würde das bringen?
Hipp: Dadurch werden die Interessen der nächsten Generation entsprechend stärker gewahrt.

Werden diese Interessen derzeit denn nicht stark genug gewahrt?
Hipp: Es ist sicher verbesserungswürdig. Wenn es ein Kinderwahlrecht gäbe, würde sich der Staat mehr um Eltern und Kinder kümmern.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Bundeskanzler mit umfassender Macht. Mit welchen weiteren Maßnahmen würden Sie die Geburtenrate steigern?
Hipp: Darauf kann ich Ihnen keine umfassende Antwort geben, das Kinderwahlrecht wäre sicher eines davon, das andere würde sich daraus ergeben.

Ach, so einfach?
Hipp: Das ist mein Plan, ja.

Haben Sie darüber schon mit Parteien geredet?
Hipp: Ja, habe ich immer mal wieder, die finden das auch ganz interessant, aber sie haben dann immer andere Prioritäten. Doch ich gebe nicht auf, steter Tropfen höhlt den Stein, irgendwann mal werden die Idee vielleicht mehrere als richtig anerkennen.

Zitiert

Ich wäre für ein Wahlrecht für Kinder, das von den Eltern für die minderjährigen Kinder ausgeübt wird.

Claus Hipp

Wie fördern Sie in Ihrem Konzern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Hipp: Wir haben in unserem Konzern über sechzig verschiedene Arbeitszeitmodelle. Mütter können mittags das Essen mit nach Hause nehmen, sie brauchen also nicht zu kochen und müssen nicht einkaufen gehen. Wir arbeiten an einem Modell zur Hausaufgabenbetreuung, da haben wir noch keine Lösung, aber wir sind dran. Wir sind daran interessiert, zu erfahren, wo unseren Mitarbeitern der Schuh drückt.

Dann müsste bei Hipp die Geburtenrate recht hoch sein.
Hipp: Habe ich noch nie nachgerechnet, aber ich werde dem mal nachgehen.

Sie sind selbst in einer Großfamilie aufgewachsen, haben fünf Geschwister. Denken Sie, die Großfamilie kommt mal wieder in Mode?
Hipp: Das kann man so nicht sagen, vielleicht in anderen Ländern. Das ist immer eine kulturelle Entwicklung, in Hochkulturen sinken die Geburtenzahlen immer.

Hochkultur zu sein hat auch gewisse Vorteile.
Hipp: Ja, und wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen, dann müssen wir mit mehr Zuwanderung rechnen. Das war früher auch immer so. Als die Etrusker ihre Hochkultur hatten, kamen die Griechen und später dann die Römer.

Aber wer wird zu uns kommen?
Hipp: Das werden wir sehen. Die klassischen Einwanderer werden ihre eigenen Länder weiter entwickeln, die werden es nicht sein, es werden also andere sein. Welche, das weiß ich auch nicht.

Wählen Sie als Bio-Hersteller eigentlich grün?
Hipp: Ich verstehe mich mit allen Parteien, weil alle Parteien meine Produkte nehmen.

Sie wollen keine Käufer verschrecken.
Hipp: Ich werde jedenfalls niemals öffentlich erzählen, was ich wähle, dafür haben wir ja das Wahlgeheimnis.

Wie stehen Sie zum Mindestlohn?
Hipp: Wenn Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten, dann sehe ich darin eine Problematik. Ich bin aber dafür, dass die Menschen ein Mindesteinkommen haben.

Eine Art bedingungsloses Grundeinkommen?
Hipp: Ich meine nicht das, was Götz Werner (Gründer der Drogeriekette dm) sagt. Ich meine: Wer zu wenig Lohn bekommt, der muss von der Gesellschaft einen Rest dazubekommen. So, dass es schlussendlich zu einem Mindesteinkommen kommt. Ich kenne Statistiken, die sagen, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten würden, das halte ich für schlecht.

In Ihrem Buch „Agenda Mensch“ steht der Spruch: In der Jugend einen Ofen bauen, damit man es im Alter warm hat. Irgendwie muss der Ofen aber doch finanziert werden.
Hipp: Dann muss man früh anfangen, Werte zu schaffen! Wir dürfen nicht alles heute konsumieren, sondern müssen auch an die Zukunft denken. Wer zu wenig Einkommen hat, kann natürlich keine Werte schaffen, das sehe ich auch. In diesem Fall muss ihm später die Allgemeinheit helfen.

Sozusagen eine Solidarrente.
Hipp: Ja.

Da sind Sie auf SPD-Linie.
Hipp: Die Rente kann ja auch dreiteilig sein. Ein Teil Eigenleistung, ein Teil vom Staat, ein Teil vom Arbeitgeber.

Sie haben auch geschrieben, dass 2060 auf einen Rentner ein Arbeitnehmer kommen wird. Wird die Welt 2060 eine bessere oder eine schlechtere sein?
Hipp: Das ist noch zu weit weg, aber die Verpflichtung für die Allgemeinheit wird steigen, wenn sich das Verhältnis derer, die verdienen und derer, die ernährt werden, dermaßen ändert, ist die Sozialverpflichtung höher.

Also von Oben nach Unten umverteilen.
Hipp: Nein, so würde ich es nicht sehen. Die, die verdienen, müssen mehr Leute ernähren als heute.

Werden wir ärmer?
Hipp: Der Reichtum eines Volkes hängt immer von der Gesamtarbeitsleistung ab. Wenn weniger Menschen arbeiten können, wird die Gesamtarbeitsleistung weniger werden. Wenn weniger was leisten, kommt weniger raus.

Was sagen Sie zur Rente mit 67?
Hipp: Wenn jemand ins Rentenalter kommt, ganz gleich wie hoch es angesetzt ist, und nicht mehr arbeiten kann, oder will, dann soll er seinen Ruhestand genießen. Aber diejenigen, die im Rentenalter noch arbeiten können und wollen und deren Arbeitskraft noch gefragt ist, die sollten dann, wenn sie auf ihre Rente verzichten und weiter arbeiten, von den Abgaben befreit werden. Denn für ihre Altersversorgung haben sie ja schon alles geleistet, sie nehmen sie eben nur später in Anspruch.
Dadurch würden sie mehr verdienen und ihre Arbeitskraft wäre auch für die Wirtschaft interessanter, weil sie günstiger wären. Auf diese Weise würde man diese Menschen begeistert und auf freiwilliger Basis im Arbeitsprozess haben.

Sie werden heute 75, wie lange wollen Sie noch begeistert im Arbeitsprozess sein?
Hipp: So lange meine Kinder es für vernünftig halten. Wenn sie sagen, dass sie mich nicht mehr brauchen, habe ich kein Problem damit, aufzuhören.

© Hipp GmbH

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In Ihrem Buch „Agenda Mensch“ steht, wir müssen wieder mehr dienen. Wie lernt man dienen?

Hipp: In einer Ausbildung gibt es ja immer die Bandbreite zwischen dienen und verdienen. In einer Gesellschaft muss auch jeder dienen, denn sie funktioniert eben nur, wenn wir einander gegenseitig helfen. Der Dienst am Mitmenschen ist für jeden zu leisten.

Wie dienen Sie der Gesellschaft?
Hipp: Indem ich arbeite und für meine Mitmenschen da bin.

Wie soll ein Rentner dienen?
Hipp: Je nachdem, er hat in seinem Arbeitsleben der Gesellschaft ja schon gedient. Wenn er ein Enkelkind betreut, dient er seinen Kindern, wenn eine Frau im Krankenhaus eine Geschichte vorliest, dient sie. Jeder findet irgendwo irgendwas wo er gebraucht wird, wenn er es will. Auf freiwilliger Basis, das soll keine Pflicht sein.

Und wie soll ein junger Arbeitsloser dienen?
Hipp: Der wird vielleicht etwas finden, wenn er sich umsieht. Mir geht es darum, dass jemand, der arbeitslos ist, eine Chance bekommt, seine Tüchtigkeit in der Arbeit zeigen zu können. Es gibt die Pflicht zu arbeiten, aber auch das Recht auf Arbeit.

Was sehen Sie eigentlich gerade, wenn Sie auf der Fahrt aus dem Fenster schauen?
Hipp: Ich habe das Auto geparkt um besser reden zu können. Ich sehe den Mond, der gerade hinter dem Berg verschwindet.

Ein Kommentar zu “Ich bin für ein Mindesteinkommen.”

  1. Michaela Sibeler |

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