Birgit Lohmeyer

Unser Dorf ist wie ein Freilichtmuseum des Neonazitums.

Seit 2004 lebt Birgit Lohmeyer in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, ein Ortsteil, der überwiegend von Neonazis bewohnt wird. Einmal im Jahr organisiert sie hier mit ihrem Mann das Festival „Jamel rockt den Förster“. Ein Gespräch über das Leben unter Rechtsextremen, Repressalien, die Rolle des Festivals und Auswirkungen eines möglichen NPD-Verbots.

Birgit Lohmeyer

@ Horst Lohmeyer

Frau Lohmeyer, Sie und Ihr Mann leben seit 2004 in Jamel, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern und engagieren sich dort gegen Rechtsradikalismus. Was war der Auslöser Ihres Engagements?
Birgit Lohmeyer: Wir haben gemerkt, dass wir hier die Einzigen sind, die es wagen, gegen die rechtsextreme Okkupation des Dorfes den Mund aufzumachen. Die anderen Nachbarn, die nicht zur rechtsextremen Szene gehören, ducken sich weg, ziehen sich ins Private zurück und möchten eigentlich mit dem ganzen Thema nichts zu tun haben. Im Lauf der vergangenen Jahre sind von einem hier ansässigen Rechtsextremen immer mehr Häuser aufgekauft worden. Und der hat sie dann als Vermieter an seine Gesinnungsgenossen weitervermietet, d. h. es zogen immer mehr Neonazis hier ins Dorf. Im Moment wohnen in sieben von elf Häusern bekennende Rechtsextreme. In den restlichen vier Häusern leben mein Mann Horst und ich, und noch drei andere Familien, die schon vor uns hier gewohnt haben.

Sie waren also die letzten Nicht-Rechtsextremen, die zugezogen sind?
Lohmeyer: Nein, nicht ganz. Nach uns ist noch ein älteres Ehepaar hierher gezogen. Das hat aber nach ein paar Jahren aufgegeben, ist wieder weggezogen und hat dann leider sein Haus auch an Nazis verkauft. Unser Bürgermeister hat versucht, das zu verhindern, und wollte das Haus für die Gemeinde erwerben, ist aber von den Nazis immer wieder überboten worden. So läuft das hier. 

Unter anderem berichtete „Der Spiegel“, dass Neonazis seit 1992 Einwohner, die nicht ihrer Linie entsprechen mit „Terror“ aus Jamel vertreiben. Warum sind Sie trotzdem 2004 dorthin gezogen?
Lohmeyer: Wir haben unseren Forsthof bei der Immobiliensuche gefunden und uns sofort in ihn verliebt. Der war einfach genau das, was wir uns als Stadtflüchter vorgestellt hatten. Und damals, 2004, war es außerdem schon mehrere Jahre lang sehr ruhig geworden um Sven Krüger, den bekanntesten Neonazi hier in Jamel. Er hatte sich offiziell nichts mehr zu schulden kommen lassen und schon länger keine Randale mehr gemacht. Deswegen haben wir uns nach einer relativ langen Überlegungszeit dann doch entschieden, hierher zu ziehen. Auch weil damals die einzigen Neonazis im Dorf Sven Krüger, seine Mutter und seine Schwester waren, die anderen Häuser standen teilweise leer. Wir haben es uns einfach zugetraut, mit solchen Nachbarn in irgendeiner Form zusammenzuleben.

Wann hat sich die Situation dann wieder verschärft?
Lohmeyer: Relativ schnell. Nachdem wir nach Jamel gezogen sind, gab es hier große Zusammenkünfte der Nazi-Szene. Da kamen dann 200 bis 300 Menschen aus ganz Deutschland zu Krüger auf das Grundstück und auch auf den Dorfplatz, um lautstark zu feiern. Das hat uns dann natürlich die Augen geöffnet, dass hier immer noch was passiert und Krüger seine Aktivitäten einfach verlagert hat. Er ist etwa zu der Zeit in die NPD eingetreten, hat sich als Kreistagskandidat aufstellen lassen, wurde auch gewählt und saß bis zu seiner letzten Inhaftierung hier im Kreistag als Abgeordneter der NPD. Außerdem hat er in seinem kleinen Abrissunternehmen ein paar Leute beschäftigt und geriert sich als sozialer Arbeitgeber für seine Gesinnungsgenossen und als seriöser Geschäftsmann.

Mit welchem Ziel?
Lohmeyer: Er wollte hier im Ort die NPD-Doktrin umsetzen und ein „nationalsozialistisches Musterdorf“ schaffen, wie wir es in Anlehnung an die NS-Zeit ausdrücken. Diese gezielte Besiedelungspolitik ist ein Teil des Viersäulenkonzepts, dem sich die NPD seit ihrem Bundesparteitag 1997 verschrieben hat.

Das Konzept sieht unter anderem einen „Kampf um die Dörfer“ mittels „Stützpunktgründungen“ vor. In einem so kleinen Ort lässt sich diese Strategie ganz gut durchziehen.
Lohmeyer: Genau. Dazu kommt, dass Krüger das Dorf in den Neunzigerjahren ja extrem in Verruf gebracht hat. Viele Menschen haben nach wie vor Angst, überhaupt nach Jamel zu fahren. Auch wenn wir jetzt seit zehn Jahren an einem anderen Ruf des Dorfes arbeiten, ist immer noch in den Köpfen, dass es in Jamel gefährlich ist. Dafür hat Herr Krüger nachhaltig gesorgt.

Zitiert

Die NPD nicht mehr in Parlamente wählen zu können, wäre sehr wichtig.

Birgit Lohmeyer

Im August 2007 hat eine Delegation aus dem Schweriner Landtag Jamel einen Besuch abgestattet, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Danach kündigten die Politiker eine „Gesamtstrategie gegen Rechts“ an. Was ist daraus geworden?
Lohmeyer: Von dieser Gesamtstrategie haben wir nicht viel gespürt in all den Jahren (lacht). Aber immerhin haben die Politiker uns damals mit einer Anschubfinanzierung geholfen, unser Rockfestival zu realisieren und damit unseren Plan unterstützt, mehr Öffentlichkeit nach Jamel zu holen. Herr Krüger konnte ja bis dahin in diesem Dorf schalten und walten, wie er wollte. Das konnte man nur aufzubrechen, indem man möglichst viele Menschen nach Jamel lockt, damit er sich nicht so unbeobachtet fühlen kann.

Haben Sie denn nach Ihren persönlichen Erfahrungen den Eindruck, dass Politikern der Kampf gegen Rechts ein echtes Anliegen ist?
Lohmeyer: Da haben wir die Erfahrung gemacht, dass das immer extrem von den einzelnen Menschen abhängt, die an den entscheidenden Positionen oder Funktionen sitzen. Wenn die einen offenen Blick haben, und eben rechtsäugig nicht blind sind, dann kann man damit rechnen, dass sie wirklich gute Arbeit leisten. Aber es gibt eben auch viele Leute, die aus welchen Gründen auch immer, sich in dem Feld überhaupt nicht engagieren und das alles als gar nicht problematisch ansehen. Wenn die an entscheidender Position sitzen, passiert natürlich auch im Unterbau nichts.

Können Sie da ein konkretes Beispiel geben?
Lohmeyer: Was wir positiv gespürt haben in den letzten zweieinhalb Jahren, war der Führungswechsel in der Wismarer Polizeidirektion, die für uns zuständig ist. Wir hatten auch vorher schon Kontakt zu dem Leiter der Inspektion, der allerdings nicht sehr engagiert war, was dieses Thema betrifft. Er meinte nur, wir sollten doch mal mit Herrn Krüger reden, und dann würde sich das alles schon glattziehen, so als hätten wir hier einen Nachbarschaftsstreit. Der neue Polizeichef ist da völlig anders, der weiß um das Thema und ist auch bereit, seine Leute einzusetzen, wo es nötig ist. Konkret heißt das z.B., dass mittlerweile mehrmals am Tag Streifenwagen Kontrollfahrten durchs Dorf machen. Und bei jeder öffentlichen Veranstaltung, die wir anbieten, sind Polizeikräfte im Ort und passen auf, dass nichts passiert. Dadurch fühlen wir uns deutlich geschützter als in den Jahren zuvor.

Woran merken Sie in Ihrem ganz normalen Alltag, dass Sie in Jamel nicht erwünscht sind?
Lohmeyer: Wir müssen mit Repressalien leben. Es gibt da so Moden, wenn man das mal zynisch ausdrücken will. Eine aktuelle Mode ist, uns bei Ämtern anzuzeigen. Wir betreiben hier auf unserem Hof schon seit acht Jahren eine Ferienwohnung. Jetzt sind die Nazis auf die Idee gekommen, uns deretwegen beim Bauamt anzuzeigen. Auch die Festival-Bühne, die wir selbst gebaut hatten, mussten wir abreißen, weil wir auch dafür keine Baugenehmigung eingeholt hatten. Eine andere aktuelle Strategie ist es, uns zuzuwinken, wenn wir das Dorf verlassen. Es gab ja diese NPD-Plakate, wo drei ausländische Menschen auf einem fliegenden Teppich zu sehen waren. Darunter stand: Guten Heimflug! So fassen wir das Gewinke auch auf. Und es gab auch schon Sachbeschädigung, es gab verbale Bedrohung, es gab Nötigung im Straßenverkehr. Wir haben schon alles durch, was man sich so einfallen lassen kann, um uns hier zu vertreiben oder uns das Leben mies zu machen.

Wie halten Sie das aus?
Lohmeyer: Wir haben ja ein Gegengewicht. Wir haben unseren wunderbaren Hof und wir haben ganz nette Leute hier im Umfeld kennengelernt. Also nicht direkt ums Dorf herum, da gibt es so etwas wie eine Bannmeile. Aber im Umkreis, so ab zehn, 15 Kilometer, haben wir wirklich Freunde gefunden. Die haben auch den Mut, zu uns zu stehen, uns zu besuchen und bei unseren Veranstaltungen mitzumachen. Das gibt uns natürlich Kraft. Wir sind nicht allein, sondern leben nur ziemlich anonym, fast wie in einer Großstadt. Aber das kennen wir ja, wir sind ja aus Hamburg. Da hatte man in dem Haus, in dem man lebte, auch Nachbarn, mit denen man nicht so viel zu tun hatte. Und so ist das hier eben auch.

Gab es in all den Jahren Gesprächskontakt zwischen Ihnen und Ihren rechtsextremen Nachbarn?
Lohmeyer: Kurz nachdem wir hergezogen sind, gab es ein paar Pöbeleien über den Gartenzaun hinweg. Da hieß es dann, „verpisst euch“ und solche Sachen. Und dann kamen beim zweiten Festival Herr Krüger und ein anderer NPDler nachts um zwölf zu uns und wollten mal „mit dem Lohmeyer reden“. Aber es war sehr schnell klar, dass das kein Dialog werden sollte. Wir kamen uns in diesem Gespräch sehr verhört vor. Deshalb gab es danach auch keinen Kontakt mehr auf dieser Ebene. Außerdem sind diese Menschen ideologisch dermaßen gefestigt, dass man auch nicht über Inhalte diskutieren kann. Das lohnt nicht.

Gab es auf einer anderen Ebene näheren Kontakt?
Lohmeyer: 2010 hatten wir einen Übergriff der Nazis hier auf dem Festival. Im Lauf des Abends, so gegen elf Uhr, haben sich zwei von ihnen hier auf unser Gelände geschlichen und haben einen unserer Gäste krankenhausreif geschlagen. Seitdem gibt es bei jeder unserer Veranstaltungen, nicht nur beim Rockfestival, die Ausschlussklausel, dass Menschen, die aus dem rechtsextremen Umfeld oder aus Organisationen dieser Szene kommen, keinen Zutritt haben.

Wie verhalten sich denn die nicht-rechtsextremen Anwohner Ihrem Engagement gegenüber?
Lohmeyer: Da gibt es eine sehr große Distanz, niemand hier redet mit uns. Man will mit uns nichts zu tun haben, weil wir Unruhe stiften im Dorf. Das geht soweit, dass ein Nachbar mit der Lokalpresse gesprochen und in diesem Interview deutlich gemacht hat, dass er überhaupt nicht schätzt, was die Lohmeyers hier machen. Die machen einfach zu viel Wirbel, man wolle aber nur seine Ruhe, und die NPD wäre ja eine ganz normale Partei. Das war so sein Statement.

Hat sich diese Haltung Ihnen gegenüber im Lauf der Jahre verändert, oder hatten Sie schon 2004 das Gefühl, dass sich die Nachbarn Ihnen gegenüber distanziert verhalten?
Lohmeyer: Nein, gerade dieser eben erwähnte Nachbar und seine Frau haben am Anfang ganz normale nachbarschaftliche Kontakte zu uns gepflegt. Wir haben Gespräche über den Gartenzaun hinweg geführt, und die beiden waren auch zu Gast bei unserem Sommerfest. Dann haben wir 2007 unser erstes Rockfestival für Demokratie und Toleranz organisiert. Seitdem sprechen diese beiden Menschen nicht mehr mit uns und ignorieren uns. Bis wir dann in der Zeitung lesen mussten, was sie von uns halten.

Ist ein so schlechtes nachbarschaftliches Verhältnis nicht sehr belastend?
Lohmeyer: Ja, es beschäftigt und belastet uns schon sehr, dass es hier Menschen gibt, die mit ihrer Haltung im Grunde den Rechtsextremen in die Hände spielen. Und billigend in Kauf nehmen, dass es diese Terrorherrschaft der Nazis im Landkreis gibt. Das ist auch ein Grund, weshalb wir mit unserem Engagement immer offensiver geworden sind und mittlerweile auch in Schulklassen und anderen Organisationen Referate über das Thema halten. Es ist für uns ein Herzensanliegen geworden, weil wir merken, dass es hier viele Leute gibt, die den Kopf in den Sand stecken.

Denken Sie, dieses Verhalten ist vergleichbar mit dem vieler Menschen im Dritten Reich?
Lohmeyer: Ja, genau so ist Hitler an die Macht gekommen und konnte sich so lange halten. Wegen Menschen, die glauben, dass sie ja sowieso nichts ausrichten können und die Politiker eh tun, was sie wollen. Und es egal ist, ob man zur Wahl geht oder nicht. Ich finde das beschämend.

Was sagen Sie Leuten, die sicher sind, dass es nie wieder etwas Vergleichbares wie das Dritte Reich geben wird, weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben?
Lohmeyer: Das mit dem Lernen funktioniert ja leider nicht, das hat die Geschichte ja immer wieder gezeigt. Die Menschheit tappt immer wieder in ihre eigenen Fallen, und vor allem auch immer wieder in die gleichen. Ich denke, wir müssen alle sehr, sehr wachsam sein. Damit dieses System einer demokratischen Regierung oder Gesellschaftsform, das die Mehrheit ja will, bestehen bleibt.

Nun setzen Sie seit 2007 einmal im Jahr mit einem Rockfestival auf Ihrem eigenen Grundstück ein Zeichen gegen Rechts…
Lohmeyer: Wir sprechen nicht von einem Anti-Rechts-Festival, sondern wollen mit dem Festival den Demokratie- und Toleranzgedanken in unserer Gesellschaft fördern. Egal wie klein Jamel auch ist, hier leben geballt auf engstem Raum NPD-Kader und Mitglieder der sogenannten Freien Kameradschaften, deren Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen ist. Unser Dorf ist wie ein Freilichtmuseum des Neonazitums.

Konzert beim Festival "Jamel rockt den Förster" (2012) © Georg Hundt

Konzert beim Festival “Jamel rockt den Förster” (2012) © Georg Hundt


Wie haben Sie Ihre Veranstaltung in den letzten Jahren finanzieren können?

Lohmeyer: Wir zapfen seit Jahren jegliches Bundesförderprogramm an, das es im Themenfeld Rechtsextremismus gibt. Leider haben diese Programme den Nachteil, dass man immer nur eine einmalige Förderung bekommt. Ansonsten werden wir von Stiftungen unterstützt, z.B. von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Und wir haben mit Sylvia Bretschneider, der Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, eine Schirmherrin und Fürsprecherin für unsere Sache gefunden, die viele Sponsoren aufgetan hat. Deshalb besteht dieses Jahr zum ersten Mal fast die Hälfte unseres Budgets aus Sponsorengeldern. Zusätzlich haben wir seit letztem Jahr mit Crowdfunding eine neue Finanzierungsquelle gefunden, d.h. Menschen können uns über eine Internetplattform Geld spenden.

Treten die Bands umsonst auf?
Lohmeyer: Nein, denn die meisten Bands, die hier auf der Bühne stehen, kommen ja aus der Region. Das sind Amateure oder Semiprofis, die wir auch fördern wollen. Das Festival ist ja ein kulturpolitisches Projekt. Das heißt für uns, dass wir die Musiker, die bei uns spielen und gute Arbeit abliefern, auch gut bezahlen. Anders sieht es aus, wenn, wie es in diesem Jahr zum ersten Mal passiert ist, eine namhafte Band wie Alphaville auf uns zukommt und sagt, wir finden toll, was ihr macht, wir wären gern dabei und wollen keine Gage. Da hoffen wir natürlich, dass das Schule macht.

Ist die Zahl der Festivalbesucher immer etwa gleich hoch oder variiert das?
Lohmeyer: Wir haben uns von Jahr zu Jahr gesteigert. Am Anfang kamen insgesamt etwa 100 Leute. Beim letzten Mal waren es knapp 500 Menschen, über das ganze Wochenende verteilt. Und wir erwarten in diesem Jahr durch den Auftritt von Alphaville nochmal eine deutliche Steigerung.

Bleibt ein Anti-Rechts-Festival trotzdem nicht eher ein symbolischer Akt?
Lohmeyer: Letztlich ist jede Veranstaltung mit politischem Hintergrund in gewisser Weise symbolisch, denn man wird nie die gesamte Zielgruppe erreichen, der man etwas demonstrieren will. Aber die Medienpräsenz und Ausstrahlung unseres Festivals auf ganz Deutschland ist enorm. Auch wenn nur drei- oder vierstellige Besucherzahlen erreicht werden, die Verknüpfung von Kultur und politischer Message bewirkt meiner Meinung nach mehr als ernsthafte Redeveranstaltungen. Vor allem bei Leuten, die vielleicht erstmal gar nicht politisiert sind, sondern nur ein tolles Konzert hören wollen. Aber vielleicht nimmt der eine oder andere ja doch etwas mit.

Kommen durch das Festival und Ihre anderen Aktivitäten eventuell vermehrt rechte Sympathisanten nach Jamel?
Lohmeyer: Sven Krüger zieht, unabhängig von unseren Aktivitäten, nach wie vor mit seinen Veranstaltungen mehrmals im Jahr mehrere hundert Menschen aus der rechten Szene ins Dorf. Während unseres Festivals haben die Neonazis nur eine relativ kleine Gegenparty auf der anderen Seite des Ortes. Da setzen sie sich dann ans Lagerfeuer, singen ihre Nazilieder und demonstrieren einfach Präsenz, um zu zeigen: Wir sind auch hier.

Die Journalistin Andrea Röpke, die die rechtsextreme Szene seit Jahren beobachtet, sagt, dass sich Neonazis gerne als „Kümmerer“ aufspielen und u.a. für Freizeitangebote sorgen. Deckt sich das mit Ihren persönlichen Erfahrungen in Jamel?
Lohmeyer: Ja, gerade für ihre Kinder machen sie eine Menge. Kinderbelustigung ist ein großes Feld, da sind die Nazis gut drin. Aber die Kehrseite ist ganz fürchterlich. Das ist sektenartig, dass schon die kleinen Kinder, mit fünf, sechs Jahren, völlig indoktriniert zu sein scheinen. Mit denen kommt man ja dann doch mal ins Gespräch, auf der Straße oder am Gartenzaun. Und dann erzählen sie, dass in Deutschland alles so schlimm ist, mit den hohen Arbeitslosenzahlen und so weiter. Ein normaler Fünfjähriger beschäftigt sich damit bestimmt nicht. Und wir merken auch, dass mehrmals im Jahr, oder zumindest in den Sommerferien, alle Kinder weg sind, obwohl die Eltern noch da sind. Das heißt, es muss eine Nachfolgeorganisation der Jugendorganisation HDJ geben, die ja verboten wurde. Oder irgendwelche Jugend- und Kinderlager, in denen die Kids auf die Ideologie der Nazis eingenordet werden.

Was könnte Ihrer Ansicht nach ein NPD-Verbot bewirken?
Lohmeyer: Auf jeden Fall könnten alle Bürger aufatmen, dass sie diese Menschen und ihre menschenfeindliche Agitation nicht mehr mit ihren Steuern finanzieren müssen. Das Gegenargument lautet ja immer, man kriegt die Ideologie aus den Köpfen dieser Menschen nicht raus, was wohl stimmt. Aber aktuell sind sie auch noch staatlich legitimiert in ihrem Tun, das ja oftmals letztlich verbrecherisch ist, da dürfen wir uns nichts vormachen. Bei einem Verbot würden sie zurechtgestutzt werden auf das, was sie sind: Menschen, die das System, das wir hier haben, umstürzen wollen. Und die sich in keiner Weise scheuen, dafür kriminelle Techniken anzuwenden.

Aber würde das Thema nicht vielleicht vom Radar der Öffentlichkeit verschwinden?
Lohmeyer: Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Aktionen der Neonazis, die jetzt auch schon illegal stattfinden, würden ja nicht aufhören. Anschläge, Plakatierungen, Schmierereien, Drangsalierung von Andersdenkenden, das würde ja nicht aufhören. Insofern wären sie ja nicht raus dem Fokus, auch der medialen Berichterstattung. Aber die NPD nicht mehr in Parlamente wählen zu können, das wäre schon sehr, sehr wichtig.

Wie bewerten Sie die Wahlerfolge der AfD bei den letzten Wahlen?
Lohmeyer: Ich denke, dass ein Teil der Wählerschaft der AfD bisher NPD gewählt hat. Das ist meiner Meinung nach ein Sammelbecken für Menschen, die nicht unbedingt diese terroristische Ausrichtung, die die NPD ja durchaus an den Tag legt, obwohl sie immer etwas Anderes behauptet, unterstützen mögen oder für sich als angemessen empfinden.

Ein andere, auch nicht unbedingt ausländerfreundlich eingestellte Wählergruppe könnte aber auch aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Alle, die mit der Politik der etablierten Parteien immer weniger einverstanden sind, aber nicht rechtsextrem wählen wollen, finden in der AfD ja wortwörtlich die passende Alternative…
Lohmeyer: Ja, es gab vor zwei Jahren auch Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung, wo es darum ging, dass diese rechtspopulistischen Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Und dass diese Partei jetzt Erfolg hatte bei den Wahlen, ist eben auch ein Anzeichen dafür.

Die Ergebnisse bei der Europawahl waren auch in vielen anderen EU-Mitgliedsländern alarmierend.Was glauben Sie, sind in erster Linie die Ursachen, dass rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien europaweit so einen großen Zulauf haben?
Lohmeyer: Ich sag mal, je größer die wirtschaftlichen Nöte eines Volkes sind, desto eher ruft es natürlich nach extremen Problemlösungen. Und durch diese ganzen sogenannten Wirtschaftskrisen, den Bankenskandal, Staaten, die vor der Pleite stehen, hat der einzelne Mensch wahrscheinlich schon häufig das Gefühl, hier läuft etwas extrem aus dem Ruder und da kann eigentlich nur etwas Extremes dagegen helfen.

Als gelernte Sozialwissenschaftlerin haben Sie früher verdeckte Milieustudien im Gefängnis, in der Drogenszene und im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli betrieben. Helfen Ihnen diese Erfahrungen im Kampf gegen die Neonazis?
Lohmeyer: Ich glaube schon, dass uns das geholfen hat, uns hier so zu beweisen. Damals hatten wir zwar noch keine Kontakte zu Neonazis, aber wir haben auch durchaus mit schwierigen Menschengruppen zu tun gehabt, und wussten uns da zu behaupten und mit denen umzugehen. Das ist sicher eine Voraussetzung dafür, dass wir das hier aushalten. Ich glaube, man muss dafür gebaut sein, man muss in der Lage sein, Dinge abstrahieren zu können und zu sagen, das hat eigentlich mit uns nichts zu tun, wir sind nur der politische Gegner und der Feind der Neonazis, und deswegen kriegen wir das jetzt ab. Wir sind auch gewachsen an dieser Aufgabe, die uns hier zugeflogen ist. Natürlich hat man ab und zu Zweifel, und das raubt auch Energien. Aber wir spüren auch, dass wir etwas erreichen mit unserem Engagement.

Was haben Sie erreicht?
Lohmeyer: Eigentlich kann niemand hier im Landkreis mehr die Augen verschließen vor dem Problem, das wir hier mit Neonazis haben. Wir haben das über die Jahre hinweg kommuniziert, wo wir nur konnten. Die Presse hier in der Region berichtet jetzt auch darüber, das war vorher nicht so. Das hat natürlich auch etwas mit der Aufdeckung der NSU-Verbrechen zu tun, das wirkt alles ineinander. Das ist nicht nur unser Verdienst.

[Auf betterplace.org kann für das Festival von Birgit Lohmeyer gespendet werden: https://www.betterplace.org/de/projects/19160]

Birgit Lohmeyer, geboren 1958, studierte Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kriminologie, arbeitete danach als Sozialwissenschaftlerin und hat 1998 ihren ersten Roman, einen psychologischen Thriller, veröffentlicht. Seitdem ist sie mehr

4 Kommentare zu “Unser Dorf ist wie ein Freilichtmuseum des Neonazitums.”

  1. DEMOKRATUS |

    Demokrat,
    Dass sie aufgrund Multikultis aus der Stadt aufs Land geflohen sind, dass ist deine Unterstellung.
    Vielleicht haben sie auch einfach kleine Kinder groß zu ziehen, denen sie den Streß und die schlechte Luft nicht zumuten wollen.
    Die Frau Lohmeyer erzählt ausserdem dass die zwei sich nicht der extremen Rechtsradikalität im Dorf sicher waren, dass stellte sich ja erst nach kurzer Wohndauer heraus.
    Für mich reicht es alleine schon dass(meinetwegen sogar, wie von dir dargestellt aus den falschen Gründen) gegen eine politische Strömung innerhalb des Dorfes demonstriert wurde, auf eine friedliche Art&Weise und ihnen mit Repressalien, Körperverletzung und Sachschaden geantwortet wurde.

    Antworten
  2. Demokrat |

    Hätte dieses Interview auch mit einem Rechtskonservativen (kein Neonazi!) geführt werden können, der gegen die Übermacht an Linksextremen in einem PDS-Wählerdorf kämpft?

    Und warum sind die Lohmeyers aus der Stadt geflüchtet? Weil Multikulti und Tohuwabohu ihnen nicht mehr gefallen haben? Sie kommen also in ein Dorf, von dem sie wissen, dass sie dort nicht willkommen sind und wollen aus diesem Dorf nun einen Ort machen, der so “tolerant” und “bunt” ist, wie die Stadt aus der sie flüchteten?

    So leicht wird man hier also zum “Helden” …

    Antworten
    1. c |

      nee, das ist in deutschland verboten, deshalb dürfen sarrazin und pirincci ja hier auch nicht publizieren und werden von allen zeitungen ignoriert.

      in jameln wohnen gewaltbereite nazis. und ob nazis irgendjemanden in ihrer nachbarschaft willkommen heißen oder nicht, sollte einen demokraten eigentlich nicht interessieren. weche überlegung steckt hinter deinem nickname?

      Antworten
    2. ivan |

      bau bau bau brauner hund

      Antworten

Kommentar schreiben

* Erforderliche Angaben. Emailadresse wird nicht veröffentlicht.