Andres Veiel

In dem, was ich herausfinde, bin ich unbestechlich. Ich schone niemanden.

Regisseur Andres Veiel über sein Theaterstück "Der Kick", den Dokumentarfilm, Einfluss von Gewalt in den Medien und rechtsextreme Demonstranten

Andres Veiel

© Wilfried Böing

Herr Veiel, Sie haben bisher mehrere Dokumentarfilme gedreht, mit Ihrem neuesten Projekt sind Sie aber auf die Theaterbühne gegangen – welche Darstellungsform hat Ihrer Meinung nach die größere Wirkung?
Veiel: Wenn ich für die Bühne nur mit Texten arbeite, entstehen die Bilder im Kopf. Und das finde ich bei einer so gewalttätigen Geschichte wie im Fall Potzlow stärker, als wenn ich die Bilder gleich mitliefere. Wir haben am Anfang mit Bildern auf der Bühne gearbeitet, Landschaften und Täter- bzw. Opfer-Dias projiziert. Aber diese Art von Illustrierung hatte nichts Erhellendes. In der Reduktion auf die Sprache wird der universelle Charakter dieser Geschichte viel sichtbarer, als wenn man es alles konkret nachstellen würde. Mit der Geschichte ist ja letzten Endes nicht nur der Fall von Potzlow gemeint.

Die Entscheidung für die Theaterbühne zieht aber auch ein anderes Publikum nach sich, oder?
Veiel: Das Stück ist für das Baseler Theater und das Maxim Gorki Theater in Berlin entwickelt worden. Aber ich hatte von Anfang an im Kopf, dass wir mit dem Stück auch auf’s Land gehen. Nach Schwedt oder Eberswalde, Brandenburg, Senftenberg, nach Sachsen… – wo auch immer dieses Stück eine Relevanz hat.
"Der Kick" ist kein enigmatisches Kunstwerk. Auch Leute, die jetzt nicht regelmäßig ins Theater gehen, verstehen diese Form. Das war mir auch wichtig, denn ich will nicht – bei aller Liebe zur Abstraktion – elitär Leute ausschließen.

Und dass Sie mit dem Stück auf’s Land gehen, ist das realisierbar?
Veiel: Ja, die Bundeszentrale für politische Bildung wird uns unterstützen, möglicherweise auch der Hauptstadt-Kulturfonds… – es gibt auf jeden Fall Fördermöglichkeiten. Ich glaube außerdem, dass in der Region die Theater selbst auch Interesse haben, das Stück entweder einzuladen oder vielleicht sogar selbst zu inszenieren. Auf die ein oder andere Weise wird das Stück also dorthin kommen, wo es nötig ist, dass die Leute es sehen.

Dennoch die Frage: wenn man ein Theaterstück macht über eine soziale Problematik, hat man dann nicht auch das Gefühl, am Ende nur diejenigen Leute zu erreichen, die über diese gesellschaftlichen Hintergründe und Missstände bereits Bescheid wissen, also das berühmt-berüchtigte "Preaching to the Converted"?
Veiel: Ich sehe durchaus die Chance, über die Feuilleton-Gemeinde hinaus das Stück auch ganz anderen Leuten zugänglich zu machen. Wenn zum Beispiel Lehrer mit ihrer Schulklasse so eine Vorstellung angucken, dann könnte das auch Leuten nahegebracht werden, die normalerweise nicht ins Theater gehen. Wobei da auch noch die Frage ist, wie so ein Theaterbesuch vorbereitet und später diskutiert wird.

Und als Dokumentarfilmer, wen erreichen Sie da?
Veiel: Der Dokumentarfilm war lange Zeit in einer pädagogisch elitären Nische und es war fast anrüchig, sich Gedanken zu machen, wie man mehr Leute erreicht. Das galt dann als Kotau vor dem Massenpublikum und es gab den Vorwurf des Mainstream und der Anpassung an Sehgewohnheiten. Ich finde schon, dass ein Dokumentarfilm immer auch innovativen Charakter haben muss. Er muss versuchen, für eine komplexe Wirklichkeit auch eine komplexe Form zu entwickeln. Wenn die elitäre Nische so eng wird, dass sich da niemand mehr gerne reinbegibt, schließen wir zu viele Leute aus. Das ist eine ganz schmale Gratwanderung.
Ich mache immer wieder im Entstehungsprozess einer Arbeit Testvorführungen. Bei "Black Box BRD" haben wir Leuten den Film gezeigt, die die 70er-Jahre in der Schule noch nicht behandelt hatten. Die Frage war, ob die mit den wenigen im Film gegebenen Hintergrundsinformationen dennoch folgen konnten. Interessanterweise war das der Fall. Gerade das Fernsehen macht oft den Fehler, von einem imaginären dummen Zuschauer auszugehen. Man muss bewusst entscheiden: was gebe ich vor, ohne einen Teil des Publikums damit zu langweilen? Und was riskiere ich dann eben auch, wenn ich etwas NICHT erkläre?

Mit "Der Kick" bringen Sie dem Zuschauer eine Region nahe, aus der man für gewöhnlich kaum etwas erfährt und über die man kaum etwas weiß.
Veiel: Das ging mir selbst ja genauso. Ich war zwar früher schon in der Gegend unterwegs gewesen, aber ich habe von den Menschen und den Strukturen relativ wenig gewusst. Ich kannte nur die paar Zeitungsmeldungen auf der Brandenburg-Seite des Tagesspiegel. Mein Motiv war, dass ich mir gesagt habe: da passieren Dinge, die sind so ungeheuerlich, damit muss ich mich mehr auseinandersetzen. Das Stück ist letztendlich der Versuch, diese Auseinandersetzung, die ich über acht Monate geführt habe, auf 90 Minuten zu bringen und die 1500 Seiten Interviews, die die Coautorin Gesine Schmidt und ich vor Ort geführt haben, zu komprimieren.

Hatten Sie auch die Absicht, der Region Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?
Veiel: Also, Gerechtigkeit widerfahren lassen heißt für mich vor allem auch die ökonomische, soziale Problematik zu benennen, also nicht nur Versöhnung anzustreben in dem Sinn "es war alles nicht so schlimm und euch ist nur Unrecht getan worden." Gerechtigkeit auszusprechen, das kann ich mir natürlich auch nicht anmaßen, weil ich keine Richter- oder Mediator funktion einnehme. Ich bin eher ein Diagnostiker, der in diese Gegend fährt, um bestimmte Dinge sichtbar zu machen, Widersprüche kenntlich zu machen und der das Urteil letzten Endes anderen überlässt. Ich bin in dem, was ich herausfinde auch unbestechlich, ich schone niemanden. Beispielsweise die Birgit Schöberl, die Mutter des getöteten Marino, wird zitiert, wie sie sagt "der Platzeck tut mehr für die Ausländer; ist denn ein Deutscher weniger Wert als ein Ausländer?" Sie wird also auch mit einem Ressentiment gezeigt. Gleichzeitig will man sich mit ihr als Mutter des Opfers identifizieren. Solche Widersprüche sind zum Teil schmerzhaft. Insofern tue ich mich mit der Formulierung schwer, "der Region Gerechtigkeit widerfahren lassen".

In Bezug auf den Mord an Marinus wurde in den Medien immer wieder hervorgehoben, die jugendlichen Täter hätten eine Szene aus dem Film "American History X" zum Vorbild genommen, in der ein Mord durch den sogenannten "Bordsteinkick" vollzogen wird. Wie wichtig war es Ihnen, diese Verbindung von Medien und Realität hervorzuheben?
Veiel: Auch das ist glaube ich nur über Widersprüche zu begreifen. Einerseits kursiert dieser Film in der rechten Szene und der sogenannte "Bordstein-Kick" ist dieser Szene auch schon fast in die Alltagssprache übernommen worden, als Drohung. Auf der anderen Seite ist es aber nicht so, dass ein Mord wie in Potzlow Nachahmer gefunden hat. Insofern kann man sagen, dass eine unmittelbare, stringente Verknüpfung zwischen Medieneinfluss und zunehmender Verrohung nicht so einfach hergestellt werden kann. Andererseits ist es in diesem speziellen Fall so, dass der Film sehr großen Einfluss auf den Täter Marcel gehabt hat. Er wäre in dieser Nacht wohl nicht auf den Kopf von Marinus gesprungen, wenn er nicht zehn Tage vorher den Film gesehen hätte. Es gibt in "American History X" auch eine ähnliche Brüderkonstellation und eine Ästhetisierung der Tat, die den Täter zum Helden macht. Und diese Heroisierung hat womöglich bei Marcel dazu geführt – in einer Form von "Blackout", wie er es genannt hat – tatsächlich zu springen. Es ist naheliegend, dass dieses Heldenbild sich durch den Film bei ihm eingefräst hat und er selbst dieser Held sein wollte. In diesem speziellen Einzelfall ist der Einfluss des Films jedenfalls nicht zu leugnen.

Lehnen Sie solche Filme denn generell ab?
Veiel: Ich finde "American History X" in seiner Grundaussage gefährlich, fast geheuchelt, weil er ja etwas anderes intendiert. Der Film will eigentlich eine Läuterung eines Skinheads erzählen. Aber in der entscheidenden Szene greift er zu ästhetisierenden Mitteln, die den Mörder als Helden zeigen. Das Opfer wird nicht gezeigt sondern ausgeblendet. Hier unterläuft der Film genau das, was er eigentlich vorgibt, zu sein: ein Film gegen rechte Gewalt.
Es geht für mich nicht um eine generelle Verurteilung von Gewaltfilmen, sondern man muss sich im Einzelnen angucken, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet. Es ist natürlich auch so, das kein Film zwangsläufig zu so einer Tat führt. Denn fast alle schaffen ja den Sprung von Videospielen oder solchen Filmen in die Wirklichkeit. Auch jugendlichen Zuschauern gelingt es, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Aber eine ganz kleine Minderheit schafft diesen Sprung nicht. Da ist dann an einem bestimmten Punkt ist die Grenze zwischen Größenphantasie und Todesrausch aufgehoben und die natürliche Hemmung, jemanden umzubringen, ist nicht mehr da. Man hat das ja am Fall des Amoklaufs in Erfurt gesehen. Der Täter war vollkommen isoliert, er hat niemanden mehr an sich ran gelassen. Seine Rache- und Größenphantasien haben so ein unreflektiertes Eigenleben entwickeln können. Aus einem Spiel wird dann grausame Realität.

Glauben Sie, dass sich die Programmierer gewalttätiger Videospiele einer Verantwortung bewusst sind?
Veiel: Das ist glaube ich die Ausnahme. Die argumentieren ja immer mit den 99,9 Prozent der Spieler, die die Unterscheidung zwischen Spiel und Wirklichkeit durchaus treffen können. Ich denke aber, man müsste umgekehrt argumentieren: selbst wenn es nur so wenige nachweisbare Fälle gibt, sind diese Fälle nicht schon zu viel? Wenn aufgrund von "American History X" drei Jahre später ein Marinus Schöberl sterben musste, ist dieser eine Fall dann nicht schon einer zu viel? Die Frage muss man auf jeden Fall stellen.

Der Mord in Potzlow war nicht von langer Hand geplant sondern entstand fast mehr aus einer ‚Laune’ der Jugendlichen heraus. Inwiefern glauben Sie, schlummert das Böse auch in uns allen und kann in bestimmten Situation unerwartet losbrechen?
Veiel: Interessant sind ja Untersuchungen wie das Milgram-Experiment, wo Menschen, die nie im Traum daran gedachten hätten, jemanden zu quälen, in einer bestimmten Autoritäts-Konstellation es doch tun und anderen Menschen auf Anordnung Stromstösse versetzen – bis zum (scheinbaren) Tod der Versuchsperson. Oder es gab die Untersuchung von Christopher Browning über ein Hamburger Polizeibataillon im Zweiten Weltkrieg. Ganz ‚normale’ Polizisten metzelten auf Anordnung jüdische Kinder und Alte nieder. Einige waren darauf noch stolz. Keiner wurde dazu gezwungen. Sie haben sich ohne Gewissensbisse in diesen Blutrausch reinbegeben. Die Frage ist also: unter welchen Bedingungen setzt die Tötungshemmung aus, wann setzt dieser archaische Todestrieb ein, wo die Menschen auf einmal zu Gewaltbestien werden? Da muss man sich immer den Einzelfall angucken. Ich bin dennoch sehr vorsichtig mit einer generellen These, dass der Mensch von Natur aus böse ist und ganz banale Bedingungen ausreichen, um diesen Todestrieb zu entfesseln.

Sie haben zur Berliner Premiere von "Der Kick" auch Bürger aus Potzlow eingeladen – glauben Sie, dass Sie als Regisseur von diesen Menschen verstanden wurden?
Veiel: Das war natürlich ein sehr heikles Unternehmen, aber die Reaktionen, die wir bekommen haben, waren sehr positiv. Viele fanden es gut, dass das Dorf nicht pauschal an den Pranger gestellt wurde, wie es zuvor in der Presse passiert ist, wo dann vom "Fascho-Dorf" usw. die Rede war. Einige der Zuschauer aus Potzlow haben uns gesagt, dass das Stück für sie eine Art kathartische Wirkung hatte. Indem wir uns damit beschäftigt haben, konnten sie sich zum ersten mal bei der Auseinandersetzung mit dem Mord zugucken. Eine Sozialarbeiterin meinte beispielsweise danach, dass sie sehr aufgewühlt war, aber dass sie durch das Stück auch von der Geschichte loslassen kann. Wenn sich so etwas als Begleiteffekt für einige der Potzlower ergibt, ist das natürlich eine wunderbare Reaktion.

Und werden Sie das Stück auch in Potzlow selbst zeigen?
Veiel: Nein, Potzlow selbst kommt nicht infrage. Ich selbst hätte das angeboten, aber ich kann das nicht über den Kopf der Protagonisten hinweg machen. Und einige wollten nicht, dass diese Geschichte so in das Dorf zurückkehrt.

Im Mordfall von Potzlow wurde in den Medien auch oft eine rechtsradikale Gesinnung der Täter thematisiert. Daher zum Schluss noch ein Frage zum Umgang mit dem Rechtsradikalismus in Deutschland. Wie kritisch sehen Sie es, dass Rechtsextreme hierzulande nach wie vor frei demonstrieren dürfen, obwohl in der Gesellschaft eine große Ablehnung dieser Gesinnung herrscht?
Veiel: Ich glaube nicht, dass eine Dämonisierung oder Tabuisierung der Rechtsextremen grundsätzlich sinnvoll ist. Denn durch die Ausgrenzung zelebrieren sich die Rechtsradikalen oft in einer Opferrolle, die ihnen neue Anhänger verschafft. Es gilt als heroisch, sich mit Leuten, die etwas Verbotenes tun, zu solidarisieren. Beispielsweise ist es so, dass die rechtsradikalen Lieder, die auf den Index gesetzt werden, automatisch in deren internen Hitparaden ganz oben stehen. Man erreicht durch die Verbote letztendlich, dass diese Gruppen eine Aufmerksamkeit bekommen, die sie nicht verdient haben. Für mich sind beide Wege deshalb wichtig: eine absolute Gnadenlosigkeit ("Null Toleranz") in der Reaktion auf jede Verletzung von Gesetzen und Werten, auf der anderen Seite aber auch die offensive Auseinandersetzung. Denn der Rechtsstaat hat die besseren Argumente und muss sich nicht schämen, diese Argumente auch offensiv vorzubringen.

Und was die Demonstrationsfreiheit anbelangt?
Veiel: Ich würde niemanden vor dem Holocaust-Mahnmal demonstrieren lassen. Wenn auf einer Demonstration Transparente gezeigt werden, die menschenverachtend sind, die Judenvernichtung infrage stellen usw., dann sollte man sofort dagegen vorgehen. Aber prinzipiell gilt auch für Rechtsextreme das Recht auf Demonstrationsfreiheit, so abstossend und ärgerlich das im Einzelfall auch sein mag. Es ist doch das Problem, dass eine verkappte rechtsextreme Gesinnung längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Deshalb denke ich, muss man dem Feind ins Auge sehen, man muss sich die Leute angucken, die da auf die Straße gehen. Verbote führen nur dazu, dass die Tarnung noch perfekter wird – und das finde ich viel gefährlicher.

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