Afshin Ghaffarian

Die Realität im Iran ist sehr viel komplexer.

Der iranische Tänzer und Choreograf Afshin Ghaffarian spricht im Interview über den Film „Wüstentänzer“, der auf seiner Geschichte basiert, über die einseitige Sicht des Westens auf den Iran und seine schwierige Position im französischen Kulturbetrieb.

Afshin Ghaffarian

© Senator

Herr Ghaffarian, der Film „Wüstentänzer“ erzählt die abenteuerliche Geschichte Ihrer Flucht aus dem Iran im Jahr 2009. Am Ende freut man sich einerseits mit Ihnen, andererseits sorgt man sich um Ihre Freunde und Helfer im Iran. Wie geht es denen?
Afshin Ghaffarian: Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Ich habe damals einen Monat später meine Kollegen und Freunde im Iran kontaktiert und sie haben mir gesagt: „Es ist alles okay. Man hat uns nichts getan.“ Mit dem Abstand von fünf Jahren muss ich zugeben, dass es aus professioneller und auch aus privater Sicht etwas unverantwortlich war, was ich damals getan habe. Ich habe niemandem gesagt, was ich vorhabe, ich habe niemanden gewarnt. Aber ich stehe nach wie vor dazu.

Im Film werden Sie unter falschem Namen von einer Theatergruppe Hals über Kopf nach Paris geschmuggelt, wo Sie eine Rolle in Shakespeares „Sturm“ übernehmen müssen. Allerdings hatten Sie gar nicht genug Zeit sie zu lernen.
Ghaffarian: Da muss ich zunächst sagen, dass der Film „Wüstentänzer“ zwar von meinem Leben inspiriert ist, aber er entspricht nicht unbedingt der Realität. Tatsächlich war ich ein normales Mitglied dieser Gruppe. Unsere Performance hieß „Unglaublich aber wahr“. Wir hatten sie zuvor schon mehrmals in Teheran aufgeführt und waren dann 2009 zu einem Festival nach Mülheim eingeladen worden.

Zitiert

Man kann mein Leben nicht darauf reduzieren, was in dem Film zu sehen ist.

Afshin Ghaffarian

Im Iran hatte es damals infolge der Präsidentschaftswahl und der Niederlage Mir Hossein Mussawis gegen Mahmud Ahmadinedschad monatelange Proteste gegeben. Im Theater in Mülheim haben Sie dann auf der Bühne für Mussawi und mehr Freiheit in Ihrem Land demonstriert.
Ghaffarian: Ich hatte schon zuvor ein paar Veränderungen an meiner Rolle vorgenommen, das war allein meine persönliche Entscheidung. Ich habe die Vorstellung dann aber nicht unterbrochen, wie es jetzt im Film passiert, ich habe das zunächst viel subtiler einfließen lassen. Ich habe mit Symbolen gearbeitet, auch mit Symbolen der Bewegung von 2009, um so einen anderen Schwerpunkt in dieser Aufführung zu setzen. Filme neigen eben dazu, ein Geschehen sehr zu dramatisieren. Das verstehe ich. Andererseits kann man mein Leben nicht darauf reduzieren, was in dem Film zu sehen ist.

Natürlich hat ein Spielfilm ganz andere Freiheiten, als eine Dokumentation. Aber „Wüstentänzer“ erweckt letztlich den Eindruck, im Iran sei es generell verboten, zu tanzen und wenn Sie nicht geflohen wäre, hätte man Sie umgebracht.
Ghaffarian: Das gehört in der Tat zum fiktionalen Teil dieser Geschichte.

Das sind aber doch Zuspitzungen, mit denen auch ein Propaganda-Film arbeiten würde.
Ghaffarian: Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass der Film anti-iranische Propaganda betreibt. Aber es handelt sich bei ihm um eine starke Schwarzweiß-Version, die in Europa eben sehr gepflegt wird. Die Medien neigen dazu, den Iran zu verteufeln, während die Realität im Iran eine sehr viel komplexere ist. Ich versuche mit meiner Arbeit jetzt ein neues Bewusstsein zu schaffen und eben auch ein komplexeres Iranbild zu zeichnen. Dabei geht es nicht darum, zu ignorieren was im Iran schlecht ist. Ich will die Dinge nicht weißer waschen, aber auch nicht schwärzer malen, als sie sind. Ich möchte eine ehrliche Sicht auf die Dinge und dazu gehört eben auch, dass es nicht nur finstere Herrscher sind, die bei uns das sagen haben.

ghaffarian_film_wueste1In einem Satz deutet „Wüstentänzer“ diese komplexe Realität an: „Tanzen ist nicht illegal, es ist nur nicht erlaubt.“ Wie steht es denn nun um den Tanz im Iran?
Ghaffarian: Der Tanz ist im Iran nicht verboten, auch wenn ich möglicherweise dazu beigetragen habe, dass man diesen Eindruck haben könnte. Als ich nach den Ereignissen in Mülheim nach Paris ging und auf englisch oder französisch die ersten öffentlichen Erklärungen abgab, war ich auch sprachlich noch nicht so bewandert; das hat vielleicht auch zu gewissen Missverständnissen geführt. Fakt ist, das kann ich aus der Distanz sagen: Es gibt kein Gesetz im Iran, dass Tanz verbieten würde.

Es gibt allerdings, wie es in „Wüstentänzer“ auch zu sehen ist, die radikal-islamische Moralpolizei, die massiv gegen das Tanzen im öffentlichen Raum vorgeht. Unter welchen Umständen wird das Tanzen im Iran toleriert?
Ghaffarian: Es wird überall getanzt, es wird auf Hochzeiten getanzt, es wird privat getanzt, auch in offiziellen Kreisen. Die Haltung zum Tanz im offiziellen Iran zeigt sich allerdings darin, dass man ihn nicht als Tanz bezeichnet. Man versteckt ihn hinter anderen Wortbegriffen. Beispielsweise wird meine Form des Tanzes als „Körpertheater“ bezeichnet. Hiphop nennt man Aerobic. Klassisches Ballett, das man auch in Teheran lernen kann, ist „Rhythmische Gymnastik“, also Sport. All diese Dinge gibt es, sie werden nur anders genannt.

Begründet sich dieses Unbehagen gegenüber dem Begriff Tanz allein in religiös geprägten Moralvorstellungen?
Ghaffarian: Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Ich werde auch noch einmal zurück zur Uni zu gehen, um mich in meiner Master-Arbeit damit zu beschäftigen, warum dieses Wort im Iran so schlecht konnotiert ist. Es ist eine sehr komplexe, auch soziologische Frage, denn es ist ja keineswegs so, dass nur die aktuelle Regierung ein Problem mit dem Wort hat. Das ist tief in der iranischen Gesellschaft verwurzelt und liegt historisch sehr weit zurück. Man assoziiert „Tanz“ mit Dingen wie Prostitution, Nacktheit und Vulgarität – nicht nur auf der politischen Ebene, sondern auch in großen Teilen der Bevölkerung. Viele haben dadurch ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Tanzen. Auf der einen Seite möchten sie aus sich herausgehen, sich gehen lassen. Gleichzeitig bremsen sie sich, um nicht in Verruf zu geraten.

Inwieweit man das Tanzen moralisch vertreten kann, ist allerdings nicht nur im Islam umstritten.
Ghaffarian: Ja, es gab auch in Westeuropa starke religiöse Bewegungen gegen das Tanzen, zum Beispiel im Calvinismus. John Calvin hat sich sehr dagegen ausgesprochen, das man auf Bälle geht, dass man tanzt. Es gibt eine ganze Literatur gegen das Tanzen, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts reicht. Und sogar 1979, in dem Jahr, in dem im Iran die Revolution stattgefunden hat, gab es in den USA eine Studentenbewegung, die sich LSD nannte. „Let’s stop disco!“ Die war der Meinung, Tanz sei komplett unnötig. Heute gibt es Schulen in Kalifornien, an denen gewisse Tanzstile wie der Crip-Walk verboten sind, weil man sie mit Gangs assoziiert. Im Internet kann man sich ansehen, wie vor ein paar Jahren die Polizei ziemlich brutal gegen Menschen vorgegangen ist, die vor dem Jefferson Memorial getanzt haben. Man muss diese Dinge in Relation zueinander sehen.

Die Choreographie in „Wüstentänzer“ hat der britische Choreograf Akram Khan übernommen. Warum nicht sie selbst?
Ghaffarian: Ich habe akzeptiert, dass der Film nicht in meiner Hand liegt, dass er seinen eigenen Weg geht und nach eigenen Regeln funktioniert. Ich habe das Team unterstützt, ich wusste über alles Bescheid. Aber ich hatte keinerlei Einfluss darauf, wie die Geschichte erzählt wird oder auf die Besetzung. Was der Choreograf da gemacht hat, finde ich sehr interessant. Aber meine eigene Arbeit sollte man sich eher auf der Bühne anschauen. Ich hoffe, dass ich mit meiner Kompanie bald auch mal in Deutschland auftreten werde.

Wie sieht Ihre Arbeit als Tänzer jetzt aus?
Ghaffarian: Auf ähnliche Weise, wie ich im Iran für gewisse Dinge gekämpft habe, tue ich das jetzt auch in Frankreich. Wir wollen an neuen Orten Theater spielen. Wir wollen raus aus den konventionellen, klassischen Theaterstätten. Wir wollen das Theater zu den Menschen tragen. Es geht mir immer noch darum, Grenzen auszuloten und jene zu überwinden, die einem aufgezwungen werden.

Die Umstände, unter denen Sie nun in Frankreich arbeiten, dürften sich allerdings im Gegensatz zu früher deutlich verbessert haben.
Ghaffarian: Natürlich ist der Kontext hier ein ganz anderer. Aber ich kämpfe weiter für meine Ideen. Für viele aus der französischen Tanzszene ist das, was ich mache, gar kein Tanz. Insofern ist es auch ein politischer Akt, dass ich meine Ideen da weiter verfolge, mir treu bleibe und mich gegen Kategorisierungen und Schubladendenken weiter wehre. In Frankreich gibt es eine ganz klare Grenze zwischen Tanz und Theater. Ich bin irgendwo dazwischen und kämpfe für meine künstlerische Freiheit.

4 Kommentare zu “Die Realität im Iran ist sehr viel komplexer.”

  1. Melinda Melcher |

    Ja, die authentische Version zu erleben, wäre fuer mich sehr interessant. Tanz ist Sprache, die das Bewusstesein transzendiert. Gerne würde ich Afshin erleben. mm

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  2. Reformances Company |

    For more information about Afshin Ghaffarian’s work, here’s the website of his company : http://www.reformances.com

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  3. B. Meyer |

    Die moralische Diffamierung des Tanzes findet durchaus nicht nur im Iran oder im islamischen Einflußgebiet statt. Wer solche Tänze wie im Film in Deutschland privat tanzt (also nicht die Rechtfertigung der Profession hat) muß mit massiver moralinsaurer Gegenwehr rechnen – zumindest in vielen ländlichen religiös geprägten Gegenden.

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  4. Barbara Siemens |

    Der Film “ Wüstentänzer “ hat mich tief beeindruckt .
    Ich würde Afshin Ghaffarian gerne life als Tänzer erleben dürfen.
    Wie komme ich an Informationen bezüglich seiner Bühnenauftritte
    in Frankreich, in Deutschland oder wo auch immer ?
    Ich möchte ihn einfach life in seinem Tanz erlebt haben !
    B. Siemens

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