08. Dezember 2008
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Jakob von Uexküll über den alternativen Nobelpreis, Klimawandel, Hungerkrisen und notwendige Formen des Verzichts

© Hinrich Franck/rightlivelihood.org
Jakob von Uexküll (*19. August 1944 in Uppsala) ist der schwedisch-deutsche Stifter des "Right Livelihood Award", auch bekannt als „Alternativer Nobelpreis“. Ursprünglich hatte von Uexküll der Nobelstiftung vorgeschlagen, einen Preis für ökologische Themen zu verleihen. Als diese ablehnte gründete er selbst eine Stiftung und organisierte die Preisverleihung. Seit 1985 findet diese im schwedischen Parlament statt. Im Mai 2007 gründete von Uexküll den World Future Council, dessen Mitglieder weltweit Politiker bei der Bewältigung ökologischer und sozialer Herausforderungen beraten.

"Markt ohne Staat ist ideologischer Unsinn."
Voriges Zitat
"Die Ursache für Hunger ist nicht in erster Linie Knappheit an Nahrung sondern Armut und der mangelnde politische Einfluss der Armen."
Voriges Zitat"Wenn sie aufs Autofahren verzichten, ist es sehr demotivierend, wenn die Fabrik in der Nachbarschaft weiter CO² ausstoßen darf."
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Herr von Uexküll, wie schlägt sich der von Ihnen gestiftete alternative Nobelpreis gegenüber dem „konventionellen“ Vorbild?
von Uexküll : Immer besser! Die Nobel-Stiftung hat einen großen Fehler gemacht, als sie keine Auszeichnung für Leistungen auf den Gebieten Armutsbekämpfung und Umwelt schaffen wollte, das Geld dazu hätte ich ja gestiftet. Diese Themen werden aber immer wichtiger. Eine schwedische Politikerin hat einmal gesagt: Der Nobelpreis war der Preis für das vergangene Jahrhundert, der Alternative Nobelpreis ist der Preis für das beginnende Jahrtausend.
Dieses Jahr wurden Menschen aus den Bereichen Friedensarbeit, Landrecht, Frauenrechte und unabhängiger Journalismus ausgezeichnet. Warum sind gerade diese Themen so wichtig?
von Uexküll : Unser Preis für Journalismus geht an Amy Goodman in die USA. Gegenwärtig werden alternative Meinungen der neue Mainstream und sie werden als Orientierung dringend gebraucht, denn die alten Rezepte funktionieren nicht mehr. Die Medien sind noch in der Hand des alten Systems und blenden Alternativen aus, ohne die wir aber im Chaos landen werden.
In Indien weist unsere Auszeichnung darauf hin, dass die Vision Gandhis hoch aktuell ist. Dort wurde unter Beteiligung hoher Regierungsmitglieder eine Konferenz zu Gandhis Bedeutung im Zeitalter des Klimawandels durchgeführt. Unsere Preisträger Krishnammal und Sankaralingam Jagannathan arbeiten seit Jahrzehnten an dieser Vision von sozialer Gerechtigkeit und nachhaltiger menschlicher Entwicklung
Die deutsche Preisträgerin ist die Gynäkologin Monika Hauser von Medica Mondiale...
von Uexküll: Sie und ihre Organisation treten für die individuelle und gesellschaftliche Aufarbeitung schlimmster Verbrechen an Frauen ein und haben unter anderem erreicht, dass Massenvergewaltigungen heute als Kriegsverbrechen geahndet werden. Und Asha Hagi aus Somalia hat in den Konflikt zwischen fünf verfeindeten Männerclans eingegriffen, in dem sie mit den Frauen aller Clans einen sechsten Clan gründete, den Clan der Frauen, und damit Frauen erstmals gleichberechtigt mit den Männern am Tisch sitzen und Konflikte schlichten konnten.
Vier weibliche Preisträger – liegt die Zukunft der Welt in der Hand der Frauen?
von Uexküll : Das ist sicher übertrieben, auch wenn Frauen vielleicht doch mehr Einfühlsamkeit mit Menschen und Ökologie an den Tag legen. Wir setzen aber auch ein Gegengewicht zu der männerdominierten Riege der Nobelpreisträger. Deswegen gibt es Jahre, in denen wir auch mal nur Frauen auszeichnen.
Die Finanzkrise zeigt uns deutlich, dass das alte System und insbesondere die sogenannte freie Marktwirtschaft nicht funktionieren. Wo sehen Sie die Alternativen und wo die Menschen, die sie vertreten?
von Uexküll: Der Nobelpreis für Wirtschaft erscheint uns schon lange ideologisch verengt und deswegen haben wir bereits verschiedentlich Preise auf diesem Gebiet ausgelobt. Etwa für Manfred Max-Neef und die Graswurzelökonomie, Leopold Kohr für ein menschliches Maß in der Wirtschaft und Hermann Daly für die Konzeption eines Wirtschaftssystems, das nicht auf Wachstum angewiesen ist. Gerade er wird in der gegenwärtigen Krise durchaus zitiert.
Markt ohne Staat ist ideologischer Unsinn. Wenn das funktionieren würde, dann müsste die Wirtschaft in Somalia sich ja bestens entwickeln, wo der Staat einfach zusammengebrochen ist. Das Gegenteil ist der Fall. Die Vertreter der freien Marktwirtschaft sind durchaus am Staat interessiert, er soll ihnen ja - und hat das auch getan - ihre fantasievollen aber völlig intransparenten und für die Gemeinschaft schädlichen Finanzprodukte rechtlich absichern. Es wird an der Zeit, dass der Staat den Markt wieder im Sinne der Menschen und der Ökologie reguliert und nicht mehr im Sinne des Casinos.
Auf welchen Gebieten wünschen Sie sich Auszeichnungen in der Zukunft?
von Uexküll : Mit dem Problem des Klimawandels werden wir uns noch lange herumschlagen müssen, wenn wir es überhaupt lösen können. Also werden wir da wie in der Vergangenheit sicher immer wieder Preisträger ausloben. Auch unabhängiger Journalismus wird weiterhin sehr wichtig sein. Ich wünsche mir außerdem Auszeichnungen auf dem Gebiet der Politik aber auch der Gesetzgebung. Dort werden ja die Spielregeln gemacht. Martin Luther sagte: Gesetze bewegen nicht das Herz, aber sie begrenzen die Macht der Herzlosen. Dafür ist es höchste Zeit.
Meine Wünsche sind allerdings völlig bedeutungslos. Als Mitglied der Jury gehöre ich zu den zwölf Menschen auf dieser Erde, die keine Preisträger vorschlagen dürfen.
Was haben denn die Preisträger von so einer Auszeichnung?
von Uexküll : Der Preis kann ihr Leben und ihre Freiheit schützen, genauer gesagt die Bekanntheit, die sie dadurch bekommen. Das hat der Preis in etlichen Fällen schon geleistet. Außerdem öffnet er Türen. Oder wie ein Preisträger aus Kolumbien sagte: Ohne den Preis war ich ein einfacher Bauer und wurde vom Pförtner abgewiesen. Mit dem Preis machte mir der Minister persönlich die Türe auf.
Einige Ihrer Preisträger engagieren sich derzeit in Sachen Hungerkrisen. Haben wir wirklich nicht mehr genug zu essen?
von Uexküll : Es sieht so aus. Das Klimachaos verschärft in vielen Gebieten der Erde die Wasserknappheit und die Ernten gehen zurück. Und es gibt eine neue Konkurrenz. Bisher haben die Menschen der dritten Welt mit den Rindern konkurriert, für deren Futter ihre Nahrungsmittel knapp wurden. Jetzt müssen sie auch noch mit unseren Autos konkurrieren, wenn der Export von Bio-Treibstoffen mehr bringt als der Anbau von Nahrung.
Gilt der Ausspruch Ihrer Preisträgerin Francis Moore-Lappé noch, dass nicht der Mangel an Nahrung das Problem ist, sondern der Mangel an Demokratie?
von Uexküll : In jedem Fall. Es wird auch gesagt: „Gib dem Armen keinen Fisch, sondern ein Netz zum Fischen“. Das aber nützt ihm nichts, wenn in seinen Gewässern die Trawler internationaler Konzerne allen Fisch wegfischen. Die Ursache für Hunger ist nicht in erster Linie Knappheit an Nahrung sondern Armut und der mangelnde politische Einfluss der Armen. Es ist genug da, aber viele Menschen können es sich nicht leisten. Es gibt zwar ein Menschenrecht darauf, täglich etwas zu Essen zu bekommen, aber es ist praktisch nirgends umgesetzt.
Wäre es denn umzusetzen?
von Uexküll : Schon 3% weniger Fleischkonsum in den Industrieländern würde dazu führen, dass eine Milliarde Menschen weniger hungern. Das Futter für eine Katze in den USA braucht soviel Anbaufläche, wie das Essen für einen Menschen in Costa Rica.
Jahrzehntelang haben wir von der umweltfreundlichen, pflanzlichen Energie vom Acker geträumt. Kaum wird ernsthaft damit begonnen, bekommen wir eine Hungerkrise. Ist der Traum ausgeträumt?
von Uexküll : Vielleicht nicht ganz. Wo Essen wachsen kann, sollte man Essen anbauen. Aber wo Standorte für die Nahrungsmittelproduktion nicht geeignet sind, kann man durchaus Energieträger anbauen.
Das sind dann aber doch eher wenige Flächen und wenig Ertrag. Wie sollen wir denn sonst unseren Energiebedarf klimaschonend decken?
von Uexküll : In erster Linie durch Sonnenenergie, aktiv durch Photovoltaik, passiv durch die Erhitzung von Wasser. Ergänzt durch Wind- und Gezeiten-Kraftwerke. All diesen Energieformen ist gemeinsam, dass verschwendet ist, was wir nicht nutzen. Die Sonne von heute kann ich morgen nicht mehr einfangen. Bei den fossilen Energieträgern ist es umgekehrt: Verschwendet ist, was wir nutzen, denn wir können es nicht ersetzen.
Theoretisch gibt es genug Sonnenenergie, können wir sie auch mit dem erforderlichen Wirkungsgrad einfangen? Mit der Atomkraft schöpfen wir ja auch nur einen sehr kleinen Bruchteil der theoretisch vorhandenen Energie aus. Nach 60 Jahren Entwicklung.
Die Atomkraft ist jedenfalls keine Alternative. Wenn sie eine relevante Entlastung des Klimas bringen soll, dann wäre das vorhandene Uran bald verheizt, es ist eben keine erneuerbare Energie. Was die Konkurrenzfähigkeit der Sonnenenergie betrifft, so wird ihr die Zerstörung von Industriekapital zugerechnet, etwa nicht amortisierte Kohlenkraftwerke. Der fossilen Energie wird die Zerstörung von Naturkapital jedoch nicht zugerechnet und das verzerrt den Vergleich erheblich. Im Übrigen können wir nicht warten.
Worauf?
von Uexküll : Dass Solarenergie durch technologischen Fortschritt so billig wird, wie wir das gerne hätten. Der Übergang auf die Solarwirtschaft verschlingt nämlich erst mal mehr Energie in der Produktion der Anlagen, als Solarenergie bereitstellen kann. Dafür brauchen wir die fossilen Energieträger. Wenn wir zu lange warten, haben wir nicht mehr genug davon und dann wird der Übergang unmöglich.

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Gibt es einen Zusammenhang zwischen Artenvielfalt, Klimawandel und Hungerkrise?
von Uexküll : Auf jeden Fall. Vielfalt bedeutet, dass Ökosysteme widerstandsfähiger und flexibler sind. Wir haben doch oft genug die Erfahrung gemacht, dass Monokulturen durch Schädlinge viel mehr geschädigt werden als Mischkulturen. Mit dem Klimawandel werden wir eine Menge Veränderungen erleben, wo wir vielfältig besetzte Ökosysteme und eine große Auswahl an Kulturpflanzen und Sorten brauchen, die sich diesen Veränderungen anpassen können. Andernfalls droht uns die Versteppung und Verwüstung vieler Gebiete und damit auch Hunger.
Können wir uns denn Bioanbau noch länger leisten, immerhin erbringt er deutlich geringere Erträge?
von Uexküll : Die Erträge sind doch oft vergleichbar.
Nur auf sehr guten Böden.
von Uexküll : Böden können auch besser gemacht werden – gerade durch Bioanbau. Die konventionelle Landwirtschaft ist jedenfalls keine Lösung, die grüne Revolution ist am Ende angekommen, die Erträge steigen auch bei immer größeren Düngergaben nicht mehr, sinken sogar. Die Bauern können sich in vielen Teilen der Welt Dünger und Pestizide längst nicht mehr leisten, mit Bioanbau hingegen können sie oft die Wirtschaftlichkeit wieder erreichen. Die Klimakosten der energieintensiven konventionellen Landwirtschaft können wir uns auch nicht mehr leisten. Bioanbau hingegen kann durch Aufbau der Humusschicht sogar CO² binden. Es kann auch mit Bio genug Nahrung für alle erzeugt werden, wenn sie fair verteilt wird. Unseren Fleischkonsum allerdings werden wir reduzieren müssen.
Müssen wir im Norden verzichten, damit es für alle reicht?
von Uexküll : Mit Sicherheit.
Welche Regierung würde mit einer solchen Botschaft noch gewählt?
von Uexküll : Die Alternative ist die Katastrophe.
Die ist aber noch nicht so greifbar, dass sie sich in Wahlbereitschaft manifestiert. Andererseits läuft uns die Zeit davon.
von Uexküll : In Australien werden wegen zunehmender Trockenheit ganze Städte aufgegeben. Barcelona muss Wasser per Schiff beziehen. Die Auswirkungen sind sehr wohl greifbar. Es fehlen aber der politische Wille und die Führung. Churchill hätte sich im Zeiten Weltkrieg mit Deutschland durchaus einigen können. Stattdessen hat er den Briten Blut, Schweiß und Tränen zugemutet. Roosevelt hätte ebenfalls einen Separatfrieden mit Deutschland schließen können. Stattdessen hat er Deutschland den Krieg erklärt, die amerikanische Wirtschaft wurde in wenigen Monaten auf Kriegswirtschaft umgestellt und es war Ehrensache für jeden Amerikaner, dazu beizutragen. Mit dem entsprechenden Willen sind also große Veränderungen in kurzer Zeit möglich, auch wenn Menschen dafür materiellen Lebensstandard hergeben müssen.
Auf was müssten wir denn noch verzichten, außer auf Fleisch?
von Uexküll : Zum Beispiel weitgehend auf Flugreisen, einen großen Teil des Individualverkehrs. Ein Teil müsste hoch besteuert werden, ein Teil direkt verboten. Im Übrigen muss materieller Verzicht nicht bedeuten, auf Lebensqualität zu verzichten. Wir müssen auf schlechte Angewohnheiten verzichten mit denen wir uns schaden oder die ethisch nicht länger akzeptabel sind. Die Römer hatten die Angewohnheit, sich im Kolosseum mit der Quälerei von Menschen und Tieren unterhalten zu lassen. Darauf verzichten wir heute. Und die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sich ihr Verzicht lohnt und sie Teil einer großen Anstrengung aller sind. Wenn sie aufs Autofahren verzichten, ist es sehr demotivierend, wenn die Fabrik in der Nachbarschaft weiter CO² ausstoßen darf.
Was trägt denn Ihr 2007 gegründeter World Future Council zur Veränderung bei?
von Uexküll : Große Änderungen kamen, wenn bestimmte Praktiken ethisch nicht länger akzeptabel waren. Die Abschaffung der Sklaverei, Bürgerrechte und Frauenwahlrecht waren ökonomisch nicht notwendig. Dennoch kam es zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens, einem Wertewandel und zivilisatorischen Sprung. Wir glauben, dass sich eine Mehrheit auf den Wert einigen könnte, dass wir unseren Kindern keine schlechtere Welt hinterlassen als wir sie vorfinden. Also organisieren wir zum Beispiel, dass sich Kinder an verantwortliche Politiker wenden können. Solche Aktionen gab es auch im Kalten Krieg und Gorbatschow hat später erzählt, dass ihn die zehntausende Briefe von Kindern mit der Bitte um Frieden und Abrüstung mehr bewegt haben als alle anderen Gründe.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=989 | © planet-interview.de | Foto: Hinrich Franck/rightlivelihood.org
21:46 Uhr, am 10. November 2010 | Sahar
Ich finde Silvio Gesell sollte nachträglich den \"Alternativen Nobelpreis\" verliehen bekommen.
22:41 Uhr, am 16. Dezember 2008 | Kazeleiw
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