23. August 2010
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Sister Bliss von Faithless über multikulturelles Miteinander, das neue Album, die heilende Wirkung des Tanzens und Musik als Religion

© PIAS
Gegründet wurde Faithless 1995 in London von Maxi Jazz, Rollo, Sister Bliss und Jamie Catto, besteht seit Cattos Weggang 1999 jedoch nur noch als Trio. Über 12 Millionen Tonträger hat die Band seither verkauft, mehrere Hit-Singles wie „Insomnia“ oder „God Is A DJ“ haben die Charts und Tanzflächen weltweit erobert. Trotz ihres Pop-Appeals hat die Band durch die Texte von Maxi Jazz immer schon eine Dance-Act-untypische Tiefe erreicht und sich stets auch politisch engagiert. Im Mai 2010 erschien das Album „The Dance“.
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Wie haben eure Fans auf die Nachricht reagiert, dass ein neues Album von euch erscheinen wird?
Sister Bliss: Die haben sich natürlich wahnsinnig gefreut. Faithless scheint wirklich einen Platz in den Herzen vieler Menschen zu haben. Wenn man einfach sein Leben genießt mit Familie und Freunden, dann vergisst man das manchmal. Doch in dieser Hinsicht können wir uns wirklich sehr glücklich schätzen. Deshalb haben wir an einer Platte gearbeitet, die in den Menschen hoffentlich wieder etwas auslöst.
Man sollte eigentlich meinen, dass ihr mit den Jahren ein wenig ruhiger werdet, doch auf dem neuen Album seid ihr stattdessen wieder zu euren Dancefloor-Wurzeln zurückgekehrt. Wieso diese Rückbesinnung?
Sister Bliss: Bei der Produktion unseres letzten Albums „To All New Arrivals“ war ich gerade schwanger und habe mich nicht so sehr nach Disco gefühlt. Deshalb war die Platte etwas in sich gekehrter. Aber zum einen lieben die Leute vor allem die großen Faithless-Hymnen, und zum anderen habe ich in letzter Zeit wieder viel aufgelegt und mich damit direkt ins Herz elektronischer Musik begeben. Die Band Faithless wird dort immer ihren Platz haben. Dort gehören wir hin.
Was verschafft Faithless denn seit nunmehr 15 Jahren eine Daseinsberechtigung in den Clubs dieser Welt?
Sister Bliss: Ich glaube, unsere Musik ist besonders. Außergewöhnlich. Wir produzieren schließlich nicht diese austauschbaren Dance-Tracks, die man heute hört, aber morgen schon wieder vergessen hat. Wir machen keine Fließbandmusik. Unsere Herausforderung bei „The Dance“ bestand daher vor allem darin, eine sehr moderne Platte zu machen, die nach Jetzt klingt, aber gleichzeitig eine höhere Haltbarkeitsdauer aufweist als all die anderen Platten. Daher habe ich im Vorfeld viele Demos gemacht und diese als DJ direkt live vor Publikum getestet, um ein Gespür dafür zu bekommen, was wirklich bei den Leuten ankommt und was nicht.
Redet ihr bandintern denn viel über die musikalische Ausrichtung einer Platte?
Sister Bliss: Natürlich. Gerade wenn man längere Zeit keine Platte gemacht hat, ist es wichtig, den richtigen Ton von heute zu finden und in die Zeit zu passen. Ich möchte ja keine billigen Pop-Nummern machen, sondern Musik, zu der die Leute in den Clubs überall auf der Welt tanzen. Das war schließlich immer schon der Schlüssel zu unserem Erfolg.
Diesen Schlüssel hat man aber oftmals nicht selbst in der Hand.
Sister Bliss: Ja, das stimmt. Durch den Umstand, dass unsere Songs häufig geremixt, gemashupt und gebootlegt worden sind, hat man uns auch ohne unser Zutun überall auf der Welt zu hören bekommen. All diese DJs und Produzenten haben Faithless ständig erneuert und fit gemacht für die neue Generation. Auf der neuen Platte war es uns daher ganz wichtig, uns auf der einen Seite nicht selbst zu verleugnen, aber auf der anderen Seite sowohl für junge als auch für ältere Leute relevant zu bleiben. Und ich glaube, das ist uns gelungen.
„The Dance“ ist nun die erste Platte, die du als Mutter gemacht hast. Hatte dein Mutterdasein einen erkennbaren Einfluss auf die Produktion oder die musikalische Ausrichtung des Albums?
Sister Bliss: Nicht so sehr wie bei der letzten Platte, die wirklich sehr stark von den Hoffnungen und Ängsten bezüglich meines ungeborenen Sohnes geprägt war. Doch die großen universellen Fragen sind mittlerweile klitzekleinen Alltagsproblemen gewichen. Damals habe ich mich noch gefragt, in was für eine Welt ich meinen Sohn eigentlich hineingebähre, während ich mich heute damit beschäftige, ob er eigentlich schon gefrühstückt hat.
In dem Stück „Crazy Bal’heads“ zeigt ihr euch auch wieder von eurer politischen Seite.
Sister Bliss: Ja, Maxi wollte unbedingt ein Stück über die Weltwirtschaftskrise schreiben. Darin heißt es: „Chase the crazy bal’heads out of town“, und gemeint sind damit die Politiker. Der Song handelt von den ganzen fürchterlichen Menschen, die unser Land regieren und die einfachen Leuten bestehlen. Die Bevölkerung hat die Folgen dieser Rezession wirklich knallhart zu spüren bekommen und das nagt natürlich am Selbstwertgefühl eines Landes, dessen Fratze immer hässlicher wird. Hinzu kommt: Wenn die Ressourcen knapp werden, schlagen sich die Leute plötzlich die Köpfe ein. Und diese Wut trifft vor allem Immigranten. Plötzlich wählen die Leute bei uns die rechtsextreme britische Nationalpartei. Die Faschisten bekommen wieder eine Stimme, und das ist wirklich beängstigend. Zumal wir in einem sehr multikulturellen Land leben. Und was mich angeht: Ich fände es schön, wenn das so bleibt.
Zumal Faithless selbst das beste Beispiel für ein multikulturelles Miteinander darstellt.
Sister Bliss: Ja, genau. Maxi ist schwarz, stammt ursprünglich aus Jamaika und ist Buddhist. Rollo hingegen ist britischer Katholik und ich bin eine englisch-jüdische Atheistin. Unter der Führung der BNP würden wir vielleicht sogar verboten werden. Insofern beeinflusst eine Rezession eben nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Art und Weise, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht.
Ihr habt das Album diesmal nicht nur ausschließlich in London aufgenommen. Haben die verschiedenen Standorte auch die Stimmung oder das Soundbild der Platte beeinflusst?
Sister Bliss: Ja, bestimmt. Maxi hat einen Großteil seiner Texte beispielsweise auf Jamaika geschrieben, weil er dort für seine Eltern ein Haus gebaut und dort die nötige Ruhe gefunden hat, wirklich in sich zu gehen. Rollo und ich sind für zwei Monate nach L.A. gefahren, weil man in London einfach nicht konzentriert im Studio sitzen kann, wenn alle fünf Minuten das Telefon klingelt. Die Zeitverschiebung zwischen London und L.A. hat dieses Problem jedoch auf wundervoll unauffällige Art und Weise gelöst (lacht). Der Vibe aus Los Angeles ist daher sicherlich auf dem Album zu hören. Ich hatte allerdings auch manchmal Heimweh, sodass durchaus auch wieder diese typische Faithless-Melancholie zu hören ist. Und das ist gut so. Wir machen schließlich keine Schlagermusik, sondern wollen etwas transportieren.
Im Zusammenhang mit der Rezeption eures letzten Albums ist über euch einmal der Satz gefallen: „Words that inspire, music that moves.“ Kann man Faithless damit grob in einem Satz zusammenfassen? Ist das die Essenz?
Sister Bliss: Ja, das kommt schon hin. Und für mich persönlich sind Maxis Texte sogar sehr inspirierend. Er versucht stets, die Wahrheit über das menschliche Befinden zu verbalisieren und seine Erkenntnisse dazu mit den Leuten zu teilen. Er hat irgendwann begriffen, dass er nicht losgelöst vom Leben existiert, sondern ein Teil dessen ist. Und als er das verstanden hat, haben sich die Dinge für ihn verändert. Besonders seine Zuwendung zum Buddhismus hat ihm da ganz neue Türen geöffnet. Maxi hat irgendwann begriffen, dass die Leute ihn vor allem deshalb wertschätzen, weil er sich selbst wertschätzt. Denn wenn du mit dir selbst unzufrieden bist und bloß Negativität ausstrahlst, kommt auch nur Schlechtes zurück – und umgekehrt natürlich genauso. Natürlich tragen wir alle manchmal Frust und Ärger mit uns herum, aber wir haben auch alle die Fähigkeit, uns dessen zu entledigen. Und diese Erkenntnis schwingt auf allen Faithless-Alben stets mit.

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Viele Dance-Acts verzichten auf eine inhaltliche Tiefe mit der Begründung, dass sich im Club sowieso niemand dafür interessieren würde. Eure bislang 12 Millionen verkauften Platten sprechen hingegen eine andere Sprache. Ist es vielleicht genau dieses Element, das euch so besonders macht?
Sister Bliss: Das kann man so nicht sagen. Einige der erfolgreichsten House-Tracks haben ein spirituelles Element. Zumindest die frühen Tunes, in der es viele Lyrics von Schwarzen gab, die in ihrer Jugend in Gospelchören gesungen haben. Jemand wie Robert Owens zum Beispiel, der immer diese immense Traurigkeit in seiner Stimme hatte. Und dieses obsessive Moment von Dance-Music beweist eigentlich, dass der Raum für tiefgründige Texte da ist. Es muss nicht immer nur darum gehen, wie man seinen Hintern bewegen soll – obwohl das vollkommen legitim ist. Schließlich kommen wir uns durch das Tanzen näher, vergessen uns selbst und verschmelzen in Einigkeit mit der Masse. Das fühlt sich einfach gut an, und es gibt nicht viele Orte, an denen Menschen so friedlich zusammenkommen wie im Club.
Faithless hat immer schon sehr stark mit religiösen Referenzen gearbeitet, Stücke wie „God Is A DJ“ oder „Salva Mea“ unterstreichen das. Woher kommt diese große Affinität zur Religion?
Sister Bliss: Eigentlich haben wir den Satz „God Is A DJ“ bloß irgendwann mal als Aufdruck auf einem T-Shirt gesehen und fanden, dass es ein toller Songtitel wäre. Maxi hat dann aber einen Text daraus gemacht, in dem es darum geht, dass Kirche und Religion nicht zwangsläufig etwas Abstraktes sein müssen. Denn jeder trägt eine göttliche Kraft in sich. Die herkömmlichen Religionen entzweien die Menschen heutzutage jedoch bloß noch anstatt sie zu vereinen. Diese Aufgabe hat mittlerweile die Musik übernommen. Der Club ist die Kirche von heute, denn er bringt die Leute wieder zusammen.
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