06. April 2010
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Elfriede Vavrik über Sex im Alter, das Buch "Nacktbadestrand", Viagra, die Pflicht der Männer und Charlotte Roches "Feuchtgebiete"

© edition a
Elfriede Vavrik, geboren 1929, ist Mutter von drei Söhnen. Nach ihrer zweiten Scheidung im Alter von 40 Jahren, entschied sie sich, künftig allein zu bleiben. Sie stürzte sich in die Arbeit und betrieb bis zum Jahr 2006 eine Buchhandlung in der Nähe von Wien. Es folgte ein ungewöhnlicher und später zweiter Anlauf ins Liebesleben – den sie schließlich in dem Buch „Nacktbadestrand“ beschrieb. Das Buch erschien Anfang 2010 beim Verlag Edition A.

"Ich versuche, das Verpasste nachzuholen."
Voriges Zitat
"Sexuelle Freiheit bedeutet doch bloß, dass wir über das ohnehin Erlaubte lauter reden dürfen."
Voriges Zitat"Ich hätte als Mann ein bisschen Angst vor Viagra."
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Frau Vavrik, was bringt einen Menschen dazu, mit knapp 80 Jahren per Zeitungsannonce nach Partnern für sexuelle Abenteuer zu suchen?
Vavrik: Langeweile und Leere. Als ich meinen Buchladen verkaufen musste, weil ich nicht mehr ständig die schweren Bücherkartons heben durfte, konnte ich plötzlich nicht mehr schlafen. Durch das Geschäft war ich es immer gewöhnt, unter Menschen zu sein und mit ihnen zu reden. Plötzlich war niemand mehr da. Ich konnte auch nicht ständig bei meinen Söhnen auftauchen und ihnen auf die Nerven gehen. In meiner Einsamkeit spürte ich plötzlich Bedürfnisse, die ich vorher nicht kannte.
War die Anzeige Ihre Idee?
Vavrik: Nicht direkt. Ich bat einen Arzt, mir Beruhigungsmittel zu verschreiben. Aber er weigerte sich und riet mir, mich auf die Suche nach einem Freund zu machen. „Woher soll ich bitteschön mit 79 einen Freund nehmen?“, habe ich ihn gefragt. Aber er meinte bloß: „Es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben. Sonst müssen Sie sich selbst helfen. Sie wissen schon was ich meine.“ Ich hatte bereits versucht, „mir selbst zu helfen“. Aber gefallen hatte mir das gar nicht. Deshalb gab ich die Annonce auf. Sie können sich gar nicht die Massen an Briefen vorstellen, die da gekommen sind. Viele sind im Müll gelandet. Die waren richtig unappetitlich. Aber es sind einige übrig geblieben, die wirklich nett waren.
Können Sie sich noch an Ihr erstes Treffen erinnern?
Vavrik: Das war schrecklich. Als ich die Klinke zu dem Café runtergedrückt habe, in dem ich den Mann erst einmal kennen lernen wollte, war ich so voller Hemmungen, dass ich am liebsten unerkannt umgedreht wäre. Am Tisch habe nicht gewusst, was ich mit dem Mann reden soll. Dabei bin ich nun wirklich nicht auf den Mund gefallen. Diese Schuldgefühle, die meine prüde Erziehung in mir auslöste, konnte ich nicht von jetzt auf gleich auslöschen. Das war ein langer, schwieriger Prozess.
Sie haben ausdrücklich Männer gesucht, die nicht an einer festen Bindung interessiert sind, warum?
Vavrik: Ich habe Angst vor Bindungen. Ich erwische immer nur Alkoholiker. Mein zweiter Mann war einer, und auch unter meinen Freunden waren zwei oder drei dabei. Während meiner Scheidung hatte ich dann wieder einen Alkoholiker als Freund. Da habe ich mir gesagt: „Aus! Schluss! Ich greife eh immer daneben.“ Ich fürchte mich furchtbar davor, noch einmal an einen suchtkranken Menschen zu geraten. Die einzig wahre Liebe scheint in meinem Leben einfach nicht vorgesehen zu sein.
Können denn sexuelle Abenteuer ein Ersatz für Liebe sein?
Vavrik: Ersatz sind sie sicher nicht. Aber ein Stückchen davon. So habe ich immerhin ein bisschen Liebe.
Sie hätten auch genießen und schweigen können. Warum haben Sie stattdessen ein Buch über Ihre Erlebnisse geschrieben?
Vavrik: Es gibt so viele Menschen, die sich total aufgegeben haben. Das finde ich schade. Ihnen möchte ich Mut machen. Sex im Alter ist leider immer noch ein Tabuthema.
Erleben Sie den Sex heute anders als vor 40 Jahren?
Vavrik: In meinen beiden Ehen hatte ich Sex von der schlimmsten Sorte. Ich habe überhaupt nichts dabei empfunden, hielt ihn für meine Pflicht. Von meiner Mutter und meinem gesellschaftlichen Umfeld war ich dazu erzogen worden, immer das zu tun, was mein Mann verlangte. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Orgasmus ist. So etwas habe ich mit 79 Jahren das erste Mal erlebt. Ist das nicht furchtbar?
Haben Sie das Gefühl etwas verpasst zu haben?
Vavrik: Ja, ich habe sehr viel verpasst. Aber ich bin deshalb nicht traurig. Was vorbei ist, ist vorbei. Ich kann es nicht ändern. Aber ich versuche, das Verpasste nachzuholen – und es funktioniert.
Was bedeutet sexuelle Freiheit für Sie?
Vavrik: Wir sind gar nicht so frei, wie wir denken. Die Grenzen haben sich nicht wirklich verschoben. Für uns bedeutet sexuelle Freiheit nur, dass wir heute über das, was ohnehin schon erlaubt war, lauter reden dürfen.
Was sollte sexuelle Freiheit denn bedeuten?
Vavrik: Ich finde, sexuelle Freiheit bestünde dann, wenn jeder jeden das tun lassen würde, was niemand anderem schadet. Wenn eine Frau mit achtzig nachzuholen versucht, was sie in ihrem Leben verpasst hat, wem sollte das schaden?
Um ja keine Bindung eingehen zu müssen, suchen Sie gezielt nach Männern in festen Beziehungen. Was ist mit den Ehefrauen, die betrogen werden?
Vavrik: Wenn einer ein schlechtes Gewissen haben muss, dann ist es der Mann, nicht ich. Ich jage sie ja nicht weg von ihren Frauen. Sie kommen freiwillig. Keiner wird gezwungen.
Wie hätten Sie sich gefühlt, wenn einer Ihrer früheren Ehemänner Ihnen ein solches sexuelles Abenteuer gebeichtet hätte?
Vavrik: Ich wäre entsetzt gewesen! Ich hätte das absolut nicht nachvollziehen können. Damals dachte ich noch, Sex und Liebe seien eng verbunden. Dabei hat Sex mit Liebe überhaupt nichts zu tun. Die Männer, die zu mir kommen, lieben ihre Frauen. Nur der Sex erfüllt sie nicht genug. Deswegen suchen sie eine Ergänzung. Das ist etwas, was eine junge Frau noch nicht verstehen kann, dass Sex nicht unbedingt Liebe ist.
Was haben Sie, was junge Frauen nicht haben?
Vavrik: Eine ältere Frau kann zuhören. Ich unterhalte mich wahnsinnig viel mit den Männern. Die wenigsten jungen Männer haben Frauen, die wirklich zu hören. Dabei ist das wahnsinnig wichtig. Diese Erfahrung kriegt man erst mit der Zeit.
Wird der Sex im Alter immer besser?
Vavrik: Ja. Man hat immer mehr Abstand, nicht mehr solche Hemmungen wie als junger Mensch. Wenn ich früher Sex hatte, habe immer versucht, wunderschön auszusehen. So ein Blödsinn! Ob man beim Sex schön aussieht oder nicht, ist völlig gleichgültig. Wichtig ist das Gefühl für den anderen. Jeder Mann nimmt sich gerne mal eine schöne, eine junge Frau. Aber wie langen bleiben sie zusammen?

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Sie selbst bevorzugen allerdings jüngere Sexpartner...
Vavrik: Mit Männern über 50 ist das so eine Sache: Entweder haben sie große Probleme mit ihrer Potenz, oder sie sind zu dumm, zu erkennen, was eine ältere Frau ihnen bieten kann.
Was halten Sie von Viagra?
Vavrik: Ich hätte als Mann ein bisschen Angst davor. Wer weiß schon so genau, wie das Medikament in einem wirkt. Es ist aber auch gar nicht notwendig. Ein älterer Mann hat so viele Ausweichmöglichkeiten. Wenn er möchte und ein bisschen Gefühl hat, kann er viel mit seinen Händen machen. Da kommen die jungen Männer gar nicht drauf. Zärtlichkeit macht so viel aus... Aber das lernt man auch erst später.
Sie unterstellen den Männern, sie seien nicht für die Monogamie gemacht...
Vavrik: Sind sie auch nicht. Die Männer müssen dafür sorgen, unser Geschlecht aufrechtzuerhalten, indem sie Kinder zeugen. Das ist ihre Pflicht und Schuldigkeit (lacht). Das wollen sie an allen Ecken und Enden.
Und Frauen?
Vavrik: Heute denke ich oft: Schau dir das an, die Frauen sind auch nicht viel besser als Männer. Da gibt es 15-Jährige, die von einem Freund zum anderen wechseln. Das könnte ich nicht.
Ist das denn erstrebenswert?
Vavrik: Nein, es ist schade. Man verliert das Gefühl füreinander. Dabei ist das Zusammengehörigkeitsgefühl das Schönste, was man empfinden kann.
Wie haben Ihre Söhne auf Ihre Enthüllungen reagiert?
Vavrik: Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Reaktion meiner Söhne. Ich wollte ihre Liebe, ihre Achtung nicht verlieren. Am Anfang war ich mir ja selbst nicht sicher, ob ich das Richtige tue. Früher wäre man als Hure abgestempelt worden, wenn man so etwas gemacht hätte. Aber ich bin keine Hure. Ich suche mir die Männer ganz genau aus, die zu mir kommen dürfen. Das hat mit Prostitution überhaupt nichts zu tun. Meinem Jüngsten habe ich das Buch zuerst gegeben. Kurze Zeit später hat er mich angerufen und ins Telefon geschrien: „Mutti, du bist die Beste!“ Das hätte ich nie erwartet. Auch die anderen beiden haben positiv reagiert. Ich war heilfroh.
Manch einer wirft Ihnen vor, Sie würden mit „Nacktbadestrand“ mit Tabubrüchen Auflage machen wollen, wie es vor Ihnen Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete“ erfolgreich gelungen ist. Haben Sie das Buch gelesen?
Vavrik: Die ersten paar Seiten, und ich fand es schrecklich. Ich will nicht über irgendwelche Eiterknötchen lesen, die jemand ausdrückt und isst. Igitt! Ich finde es völlig in Ordnung mit Tabubrüchen zu spielen. Aber nur solange es appetitlich bleibt.
In „Nacktbadestrand“ ergänzen Sie Ihre eigene Geschichte mit kurzen Phantasiegeschichten, die auch sehr pornographisch sind. Warum?
Vavrik: Die Geschichten waren zunächst mein Ersatz für Sex. Die habe ich während der ersten Zeit noch parallel geschrieben. Heute würde ich vieles deutlich weicher schreiben. Damals hatte ich einen imaginären männlichen Leser vor Augen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer eine harte, derbe Sprache ohne Umschweife mögen. Frauen mögen es phantasievoller. Sie brauchen Raum zum Träumen. Überraschenderweise kommen jetzt zu meinen Lesungen sehr viele Frauen. Vor ihren Reaktionen hatte ich fast ein bisschen Angst. Aber bisher hat sich zumindest mir gegenüber noch keiner pikiert gezeigt. Das entsetzt mich ja fast ein bisschen (lacht). Aber ich denke, ich muss schon damit rechnen, dass sich der ein oder andere Leser fragt: „Ja ist die verrückt? Wie kann die nur?“.
Wer ist eigentlich der prüdere Leser? Der Österreicher oder der Deutsche?
Vavrik: Die Österreicher sind viel prüder. Wir sind ein Bergdorf.
Haben Sie den Arzt noch einmal gesprochen, der Ihnen damals geraten hat, sich auf die Suche nach einem Mann zu machen?
Vavrik: Nein, da habe ich mich nicht mehr hingetraut. Der würde bestimmt nachfragen, wie es mir ergangen ist.
Aber er könnte doch auch Ihr Buch lesen...
Vavrik: Schon, aber persönlich möchte ich ihm nicht Frage und Antwort stehen. Das würde mich in Verlegenheit bringen. Zumindest einer soll eine gute Meinung von mir behalten (lacht).
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1278 | © planet-interview.de | Foto: edition a
» Ohne Make-up ist man vielleicht offener, aber auch viel verletzbarer. «
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