27. November 2009
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Skisprung-Olympiasieger Dieter Thoma über die Chancen der deutschen Springer beim Weltcup im finnischen Kuusamo, Depressionen im Skisprung und das Problem fehlender neuer Top-Athleten

© SWR/Gerald Fuest
Dieter Thoma (Jahrgang 1969) war in den 90er Jahren einer der weltbesten Skispringer. Mit 19 gewann er seinen ersten Weltcup, bevor er zwei Jahre später (1990) bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee triumphierte und Skiflug-Weltmeister wurde. Danach etablierte sich Thoma in der Weltspitze. Zum Jahresende 1999 beendete er seine Laufbahn. Seitdem steht er als TV-Experte vor der Kamera. Zunächst bei RTL an der Seite von Günther Jauch, wofür er u.a. den Bayerischen Fernsehpreis erhielt. Seit 2007/2008 ist er als Experte der Skisprung-Übertragungen für die ARD im Einsatz.

"Durch neue Regeln werden neue Stars gemacht. "
Voriges Zitat
"Es ist sehr schwer auszumachen, ob ein sensibler Sportler an Depressionen leidet oder nicht, da dieser gerade beim Skispringen nicht auf die vermeintliche Schwäche hinweisen möchte."
Voriges Zitat"Wir haben in Deutschland alle Voraussetzungen, gute Trainer, genug Mittel und viele Erfahrungswerte. Dennoch scheint uns etwas zu fehlen."
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Herr Thoma, der Skisprung-Weltcup im finnischen Kuusamo hat gerade begonnen. Mit welchen Erwartungen blicken Sie der Skisprung-Saison entgegen?
Thoma: Es wird sicher eine sehr interessante Saison mit vielen Höhepunkten wie den Olympischen Spielen, den Skiflugweltmeisterschaften sowie der alljährlichen Vier-Schanzen-Tournee. Mit Spannung werde ich die Regeländerungen bei der FIS-Team-Tour und dem Nordic Tournament beobachten, die im Sommer schon getestet wurden.
Durch die Möglichkeit, den Anlauf der Springer entsprechend der Wetter-Umstände innerhalb eines Durchganges mehrfach verändern zu können, sollen Abbrüche oder lange Verzögerungen im Ablauf der Konkurrenzen verhindert werden. Wie stehen Sie dieser Regeländerung gegenüber?
Thoma: Ich halte sie für sehr innovativ und für einen Weltverband sehr fortschrittlich. Unsere Sportart darf nicht unter den ganzen Verzögerungen der Anlaufverkürzungen leiden. Meistens sind es maximal 5 Athleten, die den anderen einfach davon springen. Skispringen muss besser planbar gemacht werden, damit sie nicht an Attraktivität gegenüber anderen Sportarten wie Biathlon verliert. In erster Linie steht die Sicherheit und die Gesundheit der Athleten im Vordergrund, sowie die Fairness. Die Frage ist immer, welche Vor- und welche Nachteile Regeländerungen mit sich bringen. Wichtig ist allerdings, dass wir uns nicht zurück, sondern weiter entwickeln.
Kann der Österreicher Gregor Schlierenzauer seinen Weltcup-Sieg der letzten Saison wiederholen?
Thoma: Sehr gute Voraussetzungen hat er dafür. Allerdings gibt es einige heiße Kandidaten, die gerne diesen besonderen Titel für sich holen würden und alles daran setzen werden. Es kommt ja auch darauf an, welche unterschiedlichen Strategien die Athleten haben. Es gibt mit Olympia, den Skiflugweltmeisterschaften und der Vier-Schanzen-Tournee drei weitere erstrebenswerte Ziele.
Welchen Springern trauen Sie in diesem Jahr noch den Sieg zu?
Thoma: Alle Springer, die über einen langen Zeitraum ein extrem hohes Niveau springen können. Dazu gehören Allzeit-Hero Janne Ahonen, Simon Ammann, Thomas Morgenstern und auch Adam Malysz hat dies schon bewiesen. Manchmal kann ein Springer einen super "Lauf" bekommen und ebenso um die begehrte Weltkugel fighten.
Der Sommer-Weltcup wurde vom Schweizer Simon Ammann gewonnen. Ist das als Kampfansage zu verstehen oder geht es jetzt bei Null los?
Thoma: Die Karten werden zwar immer wieder neu gemischt, aber der Simi springt schon länger auf einem sehr hohen Niveau. Wenn er gesund bleibt und gut in den Winter startet wird er sicherlich bei allen Top Wettkämpfen vorne mitmischen.
Nach zwei nicht so guten Jahren wurde der Pole Adam Malysz Dritter beim Sommer-Grand-Prix. Muss man auch wieder mit ihm rechen?
Thoma: Mit Adam Malsyz ist immer zu rechnen. So leicht lässt sich Adam nicht unterkriegen. Er ist ein Kämpfer, hat einen super Körper zum Skispringen mit idealen Absprungwerten und einen guten, menschlichen Charakter. Auch bei ihm ist die Gesundheit sehr wichtig. Je älter man wird, desto schwieriger wird es, sich für das harte Training zu motivieren und dabei ohne Druck locker zu bleiben.
Können in diesem Jahr auch deutsche Athleten in der Spitze mitspringen?
Thoma: Das wünsche ich mir für alle Beteiligten.
Seit Sven Hannawald ist kein deutscher Springer mehr ganz vorn in der Spitze zu finden – was fehlt im Vergleich zu den Top-Nationen wie zum Beispiel Österreich?
Thoma: Martin Schmitt hat im letzten Jahr Silber bei der WM gewonnen, war Sechster im Gesamtweltcup und knapper Vierter in der Tourneewertung. Michael Neumayer war vorletztes Jahr Dritter bei der Tournee. So schlecht sind wir nicht gewesen. Wir hatten auch mit Späth und Uhrmann viel Verletzungspech. Beide waren in Höchstform, als sie sich verletzt haben. Die breite Masse hatte Deutschland nur selten. Es waren meist einzelne Sportler, die über einen langen Zeitraum viel abgedeckt hatten. Der Neuaufbau dauert seine Zeit. An Österreich können wir uns derzeit nicht messen.
Schafft Martin Schmitt noch mal die Rückkehr in die Weltspitze?
Thoma: Im letzten Jahr hatte er diesen Sprung geschafft. Ich drücke ihm alle Daumen, dass er diesen Weg weiter verfolgt.
Wie stehen Sie zum Comeback von Janne Ahonen?
Thoma: Wir brauchen Helden in unserem Sport. Das ist medien- und publikumswirksam. Über Janne Ahonen kann man sagen was man will. Ob er lacht oder nicht, er hat Charisma. Er bringt seit 15 Jahren extrem gute Leistungen. Das ist phänomenal.
Was macht ihn so besonders?
Thoma: Was mich begeistert: Er stellt sich immer um. Egal, ob es einen neuen Anzug gibt, neue Skier, neue Regeln – er ist immer vorne dabei. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Springer, der nur zwei Jahre vorne dabei ist. Janne wird sofort wieder in der Weltspitze mitspringen. Er ist auch für das finnische Team wichtig. Denn mit ihm vergrößern sich die Medaillenchancen um ein vielfaches.
Ahonen beschreibt in seinem zuletzt erschienenen Buch, dass er 2004/05 durch eine „Crash-Diät“ auf 65 Kilogramm abgemagert ist. Im Skispringen kein Einzelfall. Wie kann man dieses Problem in den Griff bekommen?
Thoma: Durch neue Regeln werden neue Stars gemacht. Den BMI könnte man natürlich um einen ganzen Punkt auf 21 anheben. Dazu müsste man die Bestrafung bei "Untergewicht" vergrößern. Also die Skilängen pro Kilogramm mehr kürzen als bisher. Das Thema ist allerdings sehr sensibel und muss unter vielen Gesichtspunkten erörtert werden. Die Gesundheit der Athleten sollte dabei an erster Stelle stehen. da könnten ein, zwei Kilogramm mehr auf der Waage schon helfen.

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Ein Thema das derzeit heiß diskutiert wird, sind Depressionen. Im Skispringen braucht man sich nur an Sven Hannawald erinnern. Inwieweit ist dieses Problem im Skispringen verbreitet?
Thoma: In jeder Sportart, wie auch im Beruf, ist das eine ernstzunehmende Krankheit. Der enorme Druck, gepaart mit der sportlichen Anspannung, dem hohen Adrenalinspiegel vor, während und nach dem Sprung sowie den Angstzuständen bei sehr schwierigen Wetterbedingungen verlangt in einer Saison dem Skispringer sehr viel ab. Dazu kommt das geringe Körpergewicht. Die Reserven sind dabei nicht sehr hoch wie man sich vorstellen kann. Die extremen Belastungen zeigen sich dann auch durch längere Krankheiten wie Grippe, Pfeiffersches Drüsenfiber usw. Der Körper gibt dem Druck meist nach der Wintersaison nach und holt sich die Ruhephasen. Dadurch kommt es auch immer wieder dazu, dass einige Sportler nur zwei oder drei Jahre am Stück vorne dabei sind und danach "ausgebrannt" sind. Die meisten Teams haben gute Betreuer und ein funktionierendes Umfeld. Einzelfälle sind nirgends auszuschließen.
Bemerkt man depressive Tendenzen bei den Skispringern?
Thoma: Es ist sehr schwer auszumachen, ob ein sensibler Sportler an Depressionen leidet oder nicht, da dieser gerade beim Skispringen nicht auf die vermeintliche Schwäche hinweisen möchte.
Neben Janne Ahonen kehrte auch Alexander Herr zurück. Wie stehen Sie dem gegenüber?
Thoma: Ich habe ihn im Sommer springen sehen und glaube im Moment nicht an eine Rückkehr ins Nationalteam.
Georg Späth war im Sommer-Grand-Prix letztes Jahr einer der besten Deutschen. Ist er nach seinem Kreuzbandriss wieder der Alte?
Thoma: Nein, leider noch nicht. Das Selbstvertrauen, welches er sich mühsam erarbeitet hatte, ist im Moment noch nicht da.
Was muss er verbessern?
Thoma: Er hatte sich den Kreuzbandriss bei einem weiten Sprung in Pragelato zugezogen. Um in der Weltspitze bestehen zu können, muss er es sich wieder zutrauen, weit zu springen und dann im hohen Weitenbereich den Telemark zu setzen. Manchmal bedarf es nur kleine Schritte um große Auswirkungen zu verfolgen. Er ist nach wie vor ein sehr interessanter Athlet, der körperlich alle Vorgaben für einen Spitzenspringer hätte. Das hat er im Sommer 2008 unter Beweis gestellt. Ich würde es ihm wünschen, dass er ansatzweise Sprünge dieser Qualität zeigen kann.
Seit vielen Jahren besteht der Kern der Mannschaft aus Martin Schmitt, Michael Uhrmann, Michael Neumayer und Georg Späth. Wieso schaffen es die Jungen nicht aus dem Schatten dieser Truppe? Fehlt ein absolutes Ausnahmetalent oder fehlt den Springern einfach nur der letzte Biss?
Thoma: Das Frage ich mich auch immer wieder, warum noch keiner den Sprung in die Weltspitze geschafft hat. Wir haben in Deutschland alle Voraussetzungen, gute Trainer, genug Mittel und viele Erfahrungswerte. Dennoch scheint uns etwas zu fehlen. Es wird hart daran gearbeitet. Es bringt aber nichts, wenn wir selbst nicht daran glauben, dass wir schon einen unter uns haben, der für mehr bestimmt ist, als beim COC auf das Podest zu kommen. Wir müssen geduldig bleiben und weiter daran arbeiten. Jahrhundert-Talente wie Schlierenzauer, Morgenstern oder Ammann sind ein Geschenk. Sie zu führen und zu unterstützen ist als Trainer meist leichter, allerdings auf einem anderen Niveau. Dort entscheidet oft die Stimmung und die Psychologie über den Sieg.
Was können die Zuschauer von Ihnen als Skisprung-Experten bei der ARD erwarten?
Thoma: Sportlich, informative Unterhaltung.
Wie oft werden sie zu sehen sein?
Thoma: Wir haben 22 Übertragungstage. Zuerst beim Weltcupauftakt in Kuusamo, zuletzt beim Finale der Skiflugweltmeisterschaften in Planica.
Es fehlen die absoluten Stars im Skisprung. Wie soll es gelingen die Leute vor die TV-Geräte locken und für Skispringen neu zu begeistern?
Thoma: Wir haben Stars im Skisprung. Sogar sehr große Stars. Sie kommen im Moment nur nicht alle aus Deutschland. Martin Schmitt war im letzten Jahr voll dabei. Das hilft natürlich ungemein, wenn die Deutschen um einen Sieg mitmischen können. Durch die umfangreiche Berichterstattung lernt man aber auch immer mehr die Stars aus Österreich, Finnland, Norwegen oder der Schweiz kennen, identifiziert sich mit ihnen. Sehr viele Janne Ahonen-Fans stammen aus Deutschland. Mein Idol früher war im Ski Alpin Ingemar Stenmark aus Schweden und im Skispringen war es sportlich gesehen Matti Nykänen aus Finnland. Wir Menschen machen uns die Helden, die wir brauchen, um zu ihnen auf zu schauen um sich mit ihnen zu freuen und mit ihnen zu leiden. Dabei ist es manchmal nicht wichtig, woher er kommt.
Auf welches Event im Skisprung-Kalender freuen Sie sich besonders?
Thoma: Auf die die Olympischen Spiele in Vancouver und die Skiflugweltmeisterschaften in Planica.
Abschließend: Was wünschen Sie sich für die kommende Saison und besonders für deren Höhepunkt, die Olympischen Spiele in Vancouver, die Sie gerade erwähnt haben?
Thoma: Viel Schnee rund um die Sprungschanzen, faire, spannende und sturzfreie Wettkämpfe mit deutscher Beteiligung im vorderen Weltklassefeld.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1204 | © planet-interview.de | Foto: SWR/Gerald Fuest
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