20. November 2009
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Schauspieler Christoph Bach über seine Rolle als homosexueller Hooligan im Film „66/67“, Type-Casting und Männer, die nicht erwachsen werden wollen

© farbfilm
Der 1975 in Reutlingen geborene Schauspieler Christoph Bach gilt als eines der wichtigen, neuen, deutschen Gesichter auf der Leinwand. Bereits 2003 erhielt er den Förderpreis Deutscher Film als „Bester männlicher Hauptdarsteller“ für seine Rolle in „Detroit“ von Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser, unter deren Regie er auch den Hooligan-Film „66/67“ drehte. Das ZDF würdigte sein Schaffen 2006 mit einer eigenen „Kleinen Fernsehspiel“- Reihe, die unter dem Titel„Christoph Bach – der Undurchschaubare“ vier seiner Filme zusammenfasste.

"Es wird definitiv häufig über Wiedererkennbarkeit besetzt. "
Voriges Zitat"Allein die Tatsache, dass sich kein homosexueller Fußballer outet, erzählt viel über die Konsequenzen, mit denen dieser Spieler vermutlich rechnen müsste."
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Herr Bach, Ihnen wurde eine große Ehre zu Teil: Das ZDF hat vor zwei Jahren vier Ihrer Filme zu der Fernsehspiel-Reihe „Christoph Bach – der Undurchschaubare“ zusammengefasst. Wieso werden Sie so wahrgenommen?
Bach: Ich glaube, gerade bei den vier Filmen, war das vor allem ein Merkmal der Figuren, die alle in einem Prozess stecken, in dem sie noch kein klares Bild von sich haben. Sie verspüren ein gewisses Unbehagen und versuchen herauszukriegen, ob es an ihnen oder der Welt liegt, die sie umgibt. Sie sind sich selbst undurchschaubar. Bei ihrer Suche nach Reaktionen gehen sie ziemlich weit. Ob durch Konfrontation, wie bei „Detroit“ oder „Close“, oder durch völligen Rückzug, wie bei „Sieben Himmel“ etwa.
In Amerika spricht man von Type-Casting, wenn Schauspieler immer mit ähnlichen Rollen besetzt werden. Haben Sie das Gefühl auf diese Rollen abonniert zu sein?
Bach: Definitiv wird häufig über Wiedererkennbarkeit besetzt. Deswegen freue ich mich natürlich, wenn mir auch Figuren angeboten werden, die einen konstruktiveren Blick auf die Welt haben, die einen Zugang suchen, wie das bei „Dutschke“ der Fall war. Damit kann ich mich gut identifizieren. Er war natürlich jemand, der noch von einer großen Vision getragen war, was den anderen Figuren eben gerade abgeht.
Der Kinofilm „Dutschke“ lief schon beim Filmfest München. Wann kommt er ins Fernsehen?
Bach: Im März 2010 ist es soweit.
Zurück zur Rollenauswahl: Wie nah ist Ihnen der Einzelgänger, von dem niemand genau weiß, was in ihm vorgeht?
Bach: Ich mag solche Figuren. Außenseiter, Spinner, Unglücksritter, Leute, die noch nicht genau wissen, woran es liegt, dass es ihnen so schwer fällt sich an irgendwas zu beteiligen. Die nicht gleich eine Zukunft für sich entwerfen können, die ihnen genehm ist, sondern sich die Zeit nehmen, die Welt für sich zu erklären, wofür sie auch große Nachteile in Kauf nehmen.
Wie auch bei Otto, Ihrer Rolle im Fußball-Hooligan-Film „66/67“…
Bach: Ja, vielleicht. Er hat was Einzelgängerisches, aber trotzdem seinen festen Platz in der Clique. Der Film zeigt ja, wie ein Freundeskreis langsam zerbricht. Sie haben diesen Zeitpunkt, so lange wie möglich, hinausgezögert. Otto ist so eine Art Adjutant des Anführers, jemand der sehr sorgfältig darauf achtet, dass die Regeln der Gruppe eingehalten werden. Er registriert jede Absetzbewegung. Im Gegensatz zu den Anderen hat er auch kein Ausstiegsprogramm, und deshalb kämpft er besonders um den Erhalt der Gruppe.
Otto ist Fußballfan und homosexuell, was insofern ungewöhnlich ist, als dass Fußballfans oft als homophob angesehen werden...
Bach: Ein homosexueller Fußballfan ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist die Behauptung des Films, dass Otto in diesem Hooligan-Milieu offen schwul lebt. Er hat das offensichtlich in der Gruppe durchgesetzt, wo über das Thema nicht mehr groß geredet wird. Er achtet sehr genau darauf, deshalb nicht angegangen zu werden und reagiert immer sehr bissig, wenn er damit konfrontiert wird.
Nach der Auseinandersetzung mit dem Thema - wieso glauben Sie, hat sich noch immer kein prominenter Fußballer geoutet?
Bach: Allein die Tatsache, dass sich niemand outet, erzählt ja viel über die Konsequenzen, mit denen dieser Spieler vermutlich rechnen müsste. Wahrscheinlich ist es die Entscheidung für den Beruf, eben Fußball zu spielen, ohne das Risiko eingehen zu wollen, durch ein Outing diskriminiert zu werden.
Fußball fungiert in „66/67“ als Metapher für eine Freundschaft sehr unterschiedlicher Charaktere, die auf diesem mehr oder weniger kleinsten, gemeinsamen Nenner beruht…
Bach: Ja, sie haben sich eine eigene Welt geschaffen und darin abgeschottet. Eine Welt, in der sie Tugenden aufrechterhalten, die mir, ehrlich gesagt, eher fremd sind. Diese Liebe zum Verein und diese bedingungslose Loyalität zueinander, vor allem im Umgang mit Gewalt. Das eskaliert ja im Film zunehmend, und sie übertreten Grenzen, die sie früher eingehalten hätten. Das ganze selbstgebastelte Wertesystem funktioniert nicht mehr.
Wo besteht bei ihnen das Problem? Was suchen sie im Fanclub 66/67?
Bach: Sie suchen etwas, was sie sonst nirgends finden: Ein starkes Gemeinschaftsgefühl, Intensität. Die Schlägereien sind ja oft verabredet. Es geht oft nur um die Suche danach, die das ganze Wochenende beherrscht oder den Moment kurz davor. Es gibt auch Berichte, die zeigen dass nur wenige sich tatsächlich schlagen, während der Rest oft Back-Up und Teil des Mobs ist, aber nur sehr selten in Auseinandersetzungen gerät.
Wie ist das bei Otto?
Bach: Otto ist jemand, der im Hier und Jetzt lebt. Interessant finde ich diese Art Stillstands-Philosophie, die er für sich formuliert hat. Er fragt, was so schlimm daran sei, einfach zu verharren. Das Bekenntnis versagt zu haben, sei die Königsdisziplin. In der Fußball- Szene, in der sie sich bewegen, sind sie ja - wie er zu Florian sagt - "wie Majestäten unterwegs". Dort lebt er wie ein König. Wir wissen nicht, ob es tatsächlich immer sein Traum war, so zu leben, ob er eine Chance hatte, aber er akzeptiert sein Scheitern sehr selbstbewusst.

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Damit steht er in einer Reihe von Christoph Bach-Rollen, die wir ebenfalls schon kennen: Männer, die nicht erwachsen werden wollen, oder sich den Sprung zum Erwachsenendasein nicht zutrauen…
Bach: Traut sich jemand wie Otto den Sprung wirklich nicht zu? Vielleicht ist er auch einfach nur zu stolz. Er kämpft durchaus um das Bild, wie er wahrgenommen wird. Vielleicht hat er keine Lust erwachsen zu werden, wenn das für ihn bedeuten würde, in erster Linie als Arbeitsloser wahrgenommen zu werden, der sich permanent darum bemühen sollte einen Job zu finden um wieder eingegliedert zu werden. Er zieht es vor auf einem gewissen Niveau zu stagnieren, anstatt sich einer Dynamik zu unterwerfen, bei der er den Kürzeren ziehen muss.
Wie weit können Sie das verstehen?
Bach: Ich empfinde seine Haltung als durchaus legitim. Damit kann man sich auseinandersetzen.

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Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1202 | © planet-interview.de | Foto: farbfilm
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