22. April 2010
Leseansicht
Bill Evans über Persönlichkeit in der Musik, Straight Ahead Jazz, abgelehnte Engagements und die Last des Reisens

© Barbara Steingiesser
Der Saxofonist Bill Evans (*09. Februar 1958 in Clarendon Hills/Illinois) fing an mit Klavier, bevor er in der High-School auf Tenor-Saxophon umstieg. Er zog 1987 nach New York wo er am William Patterson College studierte. In den 80er Jahren wurde er Sideman von Miles Davis, 1984 erschien sein Debüt-Album. Evans hat mit Musikern wie John Scofield, Les McCann und Herbie Hancock zusammengearbeitet und mit verschiedenen Stilen experimentiert; er kombinierte Jazz mit HipHop, Soul, Fusion und arbeitet seit seinem 2005er Album "Soulgrass" an einer Verbindung aus Jazz, Funk und Bluegrass.

"Ich bin kein introvertierter Jazz-Musiker, der nur für sich selber spielt. "
Voriges Zitat"Ich denke aus jedem Jahrzehnt werden ein paar Platten für immer Bestand haben. "
Voriges Zitat""
Beim Userview stellt ihr die Fragen. Wir kündigen euch einen Interview-Partner an - und dann seid ihr dran: Im Formular könnt ihre eure Fragen stellen (ohne Registrierung möglich) und die Fragen anderer Leser bewerten (erfordert Registrierung). Die besten 10 Fragen werden von uns im Interview gestellt und die beste Frage mit einem Preis honoriert. Das geführte Interview erscheint wenige Tage später exklusiv auf Planet Interview.
Wir behalten uns vor, beleidigende, rassistische oder sonstwie menschenverachtende Fragen kommentarlos zu löschen. Doppelte Fragen werden ebenfalls gelöscht.
Mr. Evans, wie können Sie sich besser ausdrücken – im Gespräch oder beim Saxofonspielen?
Evans: Es kommt drauf an, was ich ausdrücken will. Wenn ich die Farbe eines Baums beschreibe dann besser mit Worten.
Und Ihre eigene Persönlichkeit?
Evans: ...ich glaube auch besser mit Worten. Ich denke, Ausdruck mit Musik ist etwas Anderes, es ist eine andere Art von Persönlichkeit. Sie ist vielleicht ähnlich zu dir als Mensch, also, Leute die zum Beispiel sehr aggressiv sind spielen auch so, Leute, die eine bunte Persönlichkeit haben spielen auch auf diese Weise, verrückte Leute spielen verrückt....
Das heißt, man kann Informationen über die Persönlichkeit eines Instrumentalisten durch die Musik hören, die er macht?
Evans: Vielleicht ein bisschen. Ich denke, als Musiker können wir das, das Publikum dagegen weniger. Wenn jemand nicht so sehr in Jazz gebildet ist, dann hört er das nicht. Jazz ist wie eine andere Sprache.
Oder sagen wir es so: Wenn jemand noch nie Wein getrunken hat wird er beim ersten Glas nicht sofort sagen können, ob es guter oder schlechter Wein ist.
Aber hoffen Sie zumindest, dass das Publikum durch Ihre Musik etwas von Ihrer Persönlichkeit mitbekommt?
Evans: Manche tun es, manche nicht... Du hoffst, dass du Kontakt aufnimmst und mit ihnen kommunizierst, aber es gibt keine Garantie dafür.
Ich bin auf jeden Fall jemand, der Kontakt aufnehmen will, ich bin kein introvertierter Jazz-Musiker, der nur für sich selber spielt. Wenn ich spiele dann reagiere sicher in gewissem Maß auf die Schwingungen des Publikums.
Ein Rezensent eines Ihrer letzten Deutschland-Konzerte berichtete, wie Sie auf der Bühne scherzten, dass Sie nicht fürs Spielen bezahlt werden sondern nur fürs Reisen. Ich habe mich gefragt, ob das überhaupt ein Witz gewesen ist?
Evans: Es ist ein Witz, ja. Einerseits ist es lustig – andererseits ist es wahr, weil das Reisen ist sehr schwierig. Ich habe letzte Nacht nicht geschlafen, wir waren den ganzen Tag unterwegs, ein Spaß ist das nicht. Wir können es dann auch gar nicht erwarten, Musik zu machen. Natürlich werden wir fürs Musikmachen bezahlt, aber eigentlich nur dafür, um zum Konzertort hinzukommen. Wenn das Reisen einfach ist, ist das ein Glücksfall, normalerweise ist es aber sehr anstrengend und ermüdend. Und alles was uns bei Laune hält ist der Fakt, dass wir am Ende unser Instrument spielen können.
Und es ist jeden Abend ein neues Publikum, dem sind wir uns auch sehr bewusst also stecken wir so viel Energie wie möglich in jedes Konzert, das wir geben.
Gab es in Ihrer Laufbahn Zeiten wo kommerzielle Entscheidungen musikalische Ideen und Formen beeinflusst haben?
Evans: Nein, nicht bei mir, noch nie. Ich habe in meiner Karriere schon einige Dinge angeboten bekommen, die ich für gutes Geld hätte machen können, die ich dann aber nicht gemacht habe. 1994 hat man mich für die "Voodoo Lounge"-Tour der Rolling Stones gefragt, das habe ich abgesagt, um mit meiner eigenen Band die erste Tournee in Europa zu absolvieren.
Oder man hat mich für eine sehr bekannte US-Talkshow engagieren wollen, das habe ich auch abgelehnt. Ich wäre reich geworden. Aber das Leben ist kurz und mich inspiriert es mehr die Musik zu machen, die ich mache.
Es geht immer um meine eigene Version und Inspiration. Ich habe HipHop mit Jazz verknüpft, Soul-Sounds in meine Musik eingebracht, akustische Grooves, Funk, Banjo oder die Geige...
Und Sie sind immer mit einer fertigen Idee zur Plattenfirma gegangen und haben gesagt: „Hey, versucht es hiermit.“
Evans: So habe ich das immer gemacht. Bei jeder Platte. Mir hat nie jemand gesagt, was ich spielen soll. Nie.
Sie erwähnen öfters Vorbilder wie Sonny Rollins oder Stan Getz, und doch klingt Ihre Musik und Ihr Stil natürlich vollkommen anders. Daher die Frage: Was sind die wesentlichen Dinge, die man von den großen Jazz-Musikern lernt?
Evans: Musikalische Grundfragen. Man lernt, wie sie die Sprache Jazz sprechen, wie sie auf bestimmte Tempi reagieren, worum es bei ihrem Sound geht, worum es bei der Person geht... Und ich habe von vielen Musikern gelernt, in dem ich sie spielen gesehen habe. Von jedem Musiker lernst du etwas. Wenn du jung bist, dann fängst du bei einem bestimmten Musiker an zuzuhören, du saugst auf, was der macht – und dann nach einer Weile bewegst du dich ganz automatisch weiter zu einem anderen Musiker und irgendwann zu deinem eigenen Spiel.
Als ich jung war hab ich mir zum Beispiel alles von Sonny Rollins, Joe Henderson oder John Coltrane angehört, auch die Saxofonisten aus der Zeit nach Coltrane. Du lernst alles von diesen Musikern.
Versucht man am Anfang, ähnlich zu spielen?
Evans: Natürlich. Du willst genauso spielen wie sie. Es ist wie in der Sprache: Du willst genau das sagen können, was du hörst. Und dann bewegst du dich weiter und sagst es auf deine Weise. Wenn dir jemand Englisch beibringt wirst du ja auch nicht jeden Tag das Telefonbuch wiederholen, sondern die Worte irgendwann in der Reihenfolge benutzen, wie du es willst.
Gab es dafür einen bestimmten Zeitpunkt?
Evans: Nein. Es war nicht so, dass ich Montag so und Dienstag anders gespielt habe. Es ist ein langsamer Prozess, das passiert automatisch.
Gab es für Sie einen Unterschied in Bezug auf die Hautfarbe der Saxofonisten die Sie gehört haben?
Evans: Nie, nein, nicht mal annähernd.
Bei Jazz-Sängern ist das ja oft der Fall, dass man diesen Unterschied tatsächlich hören kann...
Evans: Mich hat das nie gekümmert. Rot, schwarz, grün, lila, gelb – es ist Musik. Das hat mit Hautfarbe nichts zu tun.
War es für Sie als weißer Saxofonist an irgendeinem Punkt schwierig, in der Szene aufgenommen zu werden?
Evans: Nein. Wenn jemand spielen kann, kann er spielen. Musiker denken so auch nicht. Nur die Kritiker tun es. Es gibt verschiedene Journalisten, vor allem in New York bestimmte schwarze Journalisten, die so schreiben, weil sie ihre eigene Geltung erhalten wollen. Sie wollen sicher gehen, dass es einen nächsten John Coltrane gibt – weil, wenn sie den nicht haben, können sie nicht drüber schreiben und haben nichts zu tun. Also, da wäscht eine Hand die andere. Wobei, heute ist das eigentlich nicht mehr so, das war eher ein Problem in den 70ern und 80ern, wo sie auf diese Weise Free Jazz unterstützt haben und die schwarzen Musiker, die ihn gespielt haben.

Gitarrist Pat Metheny über sein Orchestrion, den Jazz-Begriff und die Technik als Trampolin

Saxofonist Branford Marsalis über Ausflüge in die klassische Musik, Demokratie in seinem Quartett, den Nachwuchs und ein Erlebnis mit Bachs „Matthäus-Passion“

Thomas Quasthoff und Till Brönner über ihr gemeinsames Jazz-Album, Uniformität und Emotionalität, Philharmonie und Jazz-Club und das Musizieren auf Beerdigungen
Es gibt die großen Namen im Jazz, doch die meisten stammen aus der Vergangenheit und nicht aus der Gegenwart. Namen wie Count Basie oder Miles Davis werden lange Bestand haben, aber was ist mit der heutigen Generation?
Evans: Ich denke aus jedem Jahrzehnt werden ein paar Platten für immer Bestand haben, bedeutende Platten. Es gibt auch heute Musiker, die als ‚der nächste Miles Davis’ gehandelt werden – aber sicher sagen kann das niemand. Nur die Zukunft wird es zeigen.
Aber würden Sie nicht sagen, dass bereits heute kaum ein Jazz-Musiker den Einfluss eines Miles Davis oder Charlie Parker hat?
Evans: Das hat mit den Umständen zu tun, was in der Welt geschieht. Die Plattenfirmen und das Internet, das ist heute eine komplett andere Welt. Damals kam nur eine bestimmte Anzahl an Platten raus und jeder wusste Bescheid, wenn jemand etwas Neues veröffentlichte. Heute gehen nur wenige Leute in einen Plattenladen, du kannst das heute alles im Internet kaufen. Verglichen mit der Situation 1975 ist das Web so etwas wieder Mond, etwas völlig Anderes.
Und dann, wenn damals sagen wir jedes Jahr 1000 Platten rauskamen sind es heute 10.000, weil jeder etwas mit „Garage Band“ (Musiksoftware) aufnehmen kann.
Also, wer weiß, es entwickelt sich so schnell, es ist unmöglich zu sagen, was geschehen wird.
Das heißt, als Künstler so eine Größe zu erreichen ist nicht mehr so einfach, weil die Industrie sich verändert hat.
Evans: Kann sein, ja. Es gibt kaum große Plattenfirmen mehr, die einen noch pushen könnten.
Sie haben auf Ihrem 2007er Album „The other Side of something“ angefangen zu singen, später sagten Sie in einem Interview, dass Ihnen der Ausdruck durch Saxofon allein nicht mehr ausreiche...
Evans: Es war einfach eine neue Option, eine andere Stimme. Es braucht allerdings lange, um eine ordentliche Stimme zu bekommen, ich arbeite auch immer noch dran. Aber es ist eine andere Möglichkeit mich auszudrücken, es ist schön, Saxofon spielen zu können und zwischendurch einen Song zu singen – und die Leute können etwas damit anfangen, die Stimme ist eine direkte Verbindung mit dem Publikum.
Stimmt es, dass Sie nicht auf dem Saxofon komponieren, sondern am Klavier?
Evans: Ja, meistens am Klavier, auf dem Saxofon komponiere ich sehr selten. Melodien auf dem Saxofon, das ja, aber Akkorde, Harmonien, Songs, das mache ich am Klavier.
Pat Metheny sagte uns in einem Interview, dass es für ihn nicht funktioniert, wenn heute Musiker den Stil einer vergangen Zeit, beispielsweise der 50er aufgreifen, weil wir in einer ganz anderen Zeit leben. Was ist Ihre Meinung dazu?
Evans: Also, es gibt ja Leute, im alten Stil spielen, Straight Ahead Jazzer. Die spielen Straight Ahead Mainstream Jazz und das ist alles, was sie machen. Das ist auch gut so. Ich für mich mache das nicht so oft auf der Bühne, aber wenn ich zuhause übe, dann spiele ich ein bis zwei Stunden jeden Tag Straight Ahead Jazz. Das ist auch die Art und Weise, wie du am Anfang lernst, Jazz zu spielen, du fängst beim Mainstream-Jazz an, so lernst du die Sprache. Wenn du nicht an dem Punkt anfängst, dann weiß ich nicht, wie du später einen Klang entwickeln willst. Denn das ist die Ausdrucksweise, die Improvisation, so lernst du, wie man Jazz spielt. Wenn du diese Stufe überspringst, dann ist das ist das so, als hättest du ein Auto ohne Räder gekauft. Dann hast du vielleicht ein schönes Auto, einen schöner Motor – aber du kannst nirgendwo hinfahren.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1285 | © planet-interview.de | Foto: Barbara Steingiesser
» So ein Casting-Format ist inhaltsentleert.«
Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
Frankfurter Rundschau 12.01.
Nigel Kennedy zählt zu den Promis unter den Geigern. Im ausführlichen Interview spricht er über Vielseitigkeit, Musikgeschmack, Erziehung und sein Verhältnis zu den Royals. VÖ: Dezember 2011
Sarah Kuttner legt mit "Wachstumsschmerz" ihren zweiten Roman vor. Wir sprachen mit ihr über die "Third Life Crisis", hässliches Fernsehen und warum sie kein Quotenbringer ist VÖ: Dezember 2011
Roland Kaiser über sein neues Leben, treue Fans, Klatschblätter und starke Frauen VÖ: Dezember 2011
Krimi-Autor Felix Huby über die Entwicklung, den Erfolg und den Abschied von seiner Lieblingsfigur: Kriminalhauptkommissar Ernst Bienzle
Patrick Owomoyela über seinen Club Borussia Dortmund und die Diskussion über Rassismus und Randale auf den Rängen
David Wnendt über den schwierigen Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, den Terror des NSU, jugendliche Neonazis und seinen Film "Kriegerin"