02. Dezember 2009
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Armin Petras über das Finden von Ideen, seine Handschrift und die Bedeutung des Theaters in Zeiten der Krise

© Fabian Schellhorn
Armin Petras, geboren 1964 in Meschede im Sauerland und aufgewachsen in Ost-Berlin, ist das, was man einen Workaholic nennen könnte. Seit der Spielzeit 2006/2007 leitet der Theaterregisseur, der unter dem Pseudonym Fritz Kater auch eigene Stücke verfasst, das Berliner Maxim Gorki Theater. Dort stehen momentan allein 17 seiner Inszenierungen auf dem Spielplan, hinzu kommen weitere Arbeiten am Thalia Theater Hamburg, am Schauspiel Köln und am Schauspiel Frankfurt. (Das folgende Interview entstand im April 2009.)

"Ideen sind ja nicht Dinge, die plötzlich aus dem Kopf kommen. "
Voriges Zitat"Bei Kleist oder Shakespeare streiche ich sicherlich nicht so rigoros Passagen, weil ich diesen Autoren natürlich mehr vertraue als meinen eigenen Stücken. "
Voriges Zitat""
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Herr Petras, Sie waren erst Anfang 20, als Sie Ihr Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin absolvierten. Woher kam der Wunsch, Regisseur werden zu wollen?
Petras: Das war absoluter Zufall. Über mein Elternhaus bin ich überhaupt nicht mit dem Theater in Berührung gekommen und ich war auch erst mit 18 Jahren zum ersten Mal im Erwachsenentheater. Ich wollte aber schon immer schreiben. Während meiner Armeezeit war ich dann häufig in der Bibliothek und habe dort zwei Jungs getroffen, die Schauspieler werden wollten und die gesagt haben, ich solle ihnen mal zugucken und sagen, wie ich das fände, was sie spielten. Das habe ich dann gemacht – da es ein pazifistisches Stück war, sind wir dafür dann aber gleich im Straflager gelandet (lacht). An diesem Punkt war mir jedoch klar, dass Theater eine interessante Form ist, sich mit der Gesellschaft zu beschäftigen und dass es mir Spaß machen könnte, Regisseur zu werden.
Sie inszenieren, schreiben, leiten als Intendant das Berliner Maxim Gorki Theater. Haben Sie manchmal Angst, dass Ihnen die Ideen ausgehen könnten?
Petras: Nein, es ist eigentlich umgekehrt: ich habe eher Angst, dass ich nicht genug Zeit habe, um all das umzusetzen, was ich gerne umsetzen würde. Ideen sind ja nicht Dinge, die plötzlich aus dem Kopf kommen. Ich sehe das nicht wie der Philosoph Heidegger, der in seiner Schwarzwaldhütte saß und ein leeres Regal hatte, weil aus ihm selbst die Ideen rauskamen. Bei mir ist das nicht so. Ich versuche vielmehr, mir die Welt anzuschauen, lese Bücher, schaue mir Filme an, rede mit Menschen. Dann ergeben sich Verbindungen und ich versuche, mit und durch diese Verbindungen etwas auf die Beine zu stellen.
Wenn man sich Ihre Inszenierungen ansieht, fällt die sehr große Bandbreite auf: einerseits Klassiker wie Storms „Schimmelreiter“ oder Kleists „Prinz von Homburg“, andererseits Adaptionen von Romanen wie „Rummelplatz“ oder „Homo faber“. Wie wählen Sie die Stücke aus, die Sie bearbeiten?
Petras: Ab dem Augenblick, wo ich das Gefühl habe, ich habe einen gesellschaftlich relevanten Stoff vor mir, versuche ich, mich ihm anzunähern. Manchmal gelingt es, manchmal gelingt es weniger. Das ist immer wieder ein neuer Versuch.
Macht es einen Unterschied, ob Sie einen eigenen oder einen fremden Text auf die Bühne bringen?
Petras: Ja, ich würde sagen, dass ich mit meinen eigenen Texten radikaler umgehe. Bei Kleist oder Shakespeare streiche ich sicherlich nicht so rigoros Passagen, weil ich diesen Autoren natürlich mehr vertraue als meinen eigenen Stücken.>
Sind Sie beim Inszenieren von anderen Regiestilen beeinflusst?
Petras: Ich bin eigentlich von allem beeinflusst, was ich sehe. Das sind nicht nur Theater-, sondern auch Filmregisseure, können aber genauso gut auch eine Straßenbahn, ein Foto, ein Video oder einfach Menschen sein. Ich bin ohnehin der Meinung, dass man sich verändern muss und insofern suche ich geradezu eine Beeinflussung.
Was würden Sie sagen, woran erkennt man Ihre Handschrift?
Petras: Ich hoffe, man erkennt sie gar nicht (lacht). Ein Punkt, an dem man meine Arbeiten erkennt, ist aber vielleicht der, dass ich immer versuche, starke Gefühle auf der Bühne vorkommen zu lassen. Oft erzähle ich mit meinen Inszenierungen Liebesgeschichten.
Gerade in Berlin, wo Sie hauptsächlich arbeiten, ist die Konkurrenz unter den Theaterhäusern groß. Ist es daher notwendig, sich durch bestimmte Schwerpunktsetzungen von den anderen Bühnen abzusetzen?
Petras: Wir machen ja nicht ein bestimmtes Programm, um uns abzuheben, wir machen ein bestimmtes Programm, weil wir das wichtig finden – und heben uns dann dadurch automatisch ab. Für mich sind am Gorki-Theater drei Sachen wichtig: dass wir ein Theater für alle sind; dass alle Schichten der Bevölkerung vorkommen und sich wiederfinden können. Dass wir uns grundsätzlich mit der Gesellschaft beschäftigen, in der wir leben und dass wir junge Autoren fördern und schauen, wie diese jungen Menschen ihre Lebenswelt wahrnehmen.
Der Filmregisseur Christian Petzold hat in diesem Frühjahr mit Schnitzlers „Der einsame Weg“ am Deutschen Theater Berlin erstmals ein Theaterstück inszeniert. Könnten Sie sich umgekehrt vorstellen, auch einmal einen Film zu inszenieren?
Petras: Ja, ich bin aber noch nicht gefragt worden (lacht).
Sie würden es sich aber zutrauen?
Petras: Das kann ich jetzt gar nicht sagen. Ich mache mir darüber keine Gedanken, solange es nicht passiert ist. Neulich hat mich jemand gefragt, ob ich eine Oper machen will und da habe ich zugesagt, in zwei Jahren wird es soweit sein. Und ich bin schon jetzt gespannt, ob und wie es funktionieren wird.
Was würde unserer Gesellschaft fehlen, gäbe es kein Theater?
Petras: Ich glaube, dass vor allem der Live-Faktor eine große Rolle spielt. Dass auf der Bühne etwas passiert, nur für den Augenblick und etwas, was genauso nicht mehr wiederholbar ist. Das Besondere am Theater ist für mich, dass Menschen aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, aus ganz verschiedenen Altersklassen, ganz verschiedenen Interessengruppen zusammenkommen – ganz im archaischen Sinne einer Polis. Die Menschen beschäftigen sich mit einem bestimmten Thema und diskutieren über das, was sie auf der Bühne gesehen haben. Das ist ein einzigartiger Vorgang und ich fände es sehr schade, wenn er für unsere Gesellschaft wegfallen würde.

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Spielt das Theater in Zeiten der Krise eine besondere Rolle?
Petras: Ja. Ich mache ja schon seit vielen Jahren Theater und habe immer wieder den Eindruck, dass, wenn es in der Gesellschaft reale Krisen gibt, auch das Theater wieder deutlicher als Reflexionsmedium gefragt ist.
taz, 14.05.2003
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1208 | © planet-interview.de | Foto: Fabian Schellhorn
» Jetzt, wo meine Zeit langsam zu Ende geht, möchte ich nur noch ernsthafte Sachen machen.«
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