03. Oktober 2008
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Heath Ledger über seine Chancen auf einen Oscar, die Lust an Abgründen und ein Treffen mit Paul Newman

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Als im September 2008 unser Redaktionstelefon klingelte, trauten wir unseren Ohren nicht. Denn am anderen Ende der Leitung stellte sich jemand als ein gewisser Heath Ledger vor. Es sei ihm gerade etwas langweilig geworden, im Himmel über Hollywood, ihm fehle die Unterhaltung. Natürlich hielten wir das zunächst für einen makabren Scherz eines Call-Centers, doch als uns die schleunigst eingerichtete Fangschaltung statt einer Nummer nur kleine Pixelwolken aufs Display zauberte, hatten wir keine Zweifel mehr an der Echtheit des unverhofften Anrufers.

"Die Leute wollen zwar immer ein Happy End sehen, aber vorher sollen bitte schön die Fetzen fliegen. "
Voriges Zitat"Für die Filmwelt mag mein Tod ein Verlust gewesen sein, für Warner Brothers war er auf jeden Fall ein Gewinn."
Voriges Zitat""
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Mr. Ledger, sind Sie eigentlich noch scharf auf den Oscar?
Ledger: Wie meinen Sie das?
Nun, es sieht ganz danach aus, als würde man Sie posthum nominieren.
Ledger: Ach so, ja, davon habe ich auch gehört - manche Gerüchte schaffen es ja sogar bis hier oben (lacht). Also, ich wäre unehrlich, wenn ich jetzt sagen würde: „Nein, ich mache mir nichts aus Preisen.“ Für einen Schauspieler ist das natürlich die schönste Auszeichnung, die man sich wünschen kann. Für ein paar Auserwählte geht dieser Wunsch dann auch tatsächlich in Erfüllung, andere warten ihr ganzes Leben lang vergebens – und in meinem Fall war das Leben einfach zu kurz für einen Oscar.
Immerhin waren Sie für „Brokeback Mountain“ nominiert.
Ledger: Jaja, aber knapp daneben ist halt auch vorbei, nominiert heißt nicht gewonnen. Das war mit dem Film und mit der Geschichte aber auch echt hart, ich würde sogar sagen unmöglich.
Warum?
Ledger: Na überlegen Sie doch mal: Am nächsten Tag hätte in den Zeitungen gestanden: „Oscar für einen schwulen Cowboy.“ Da können Sie noch so gut spielen, das wird man in den USA nicht bringen, dafür sind die einfach noch zu prüde. Zum Glück war ich Australier. (lacht)
Und Sie rechnen sich mit der Rolle des Jokers also mehr Chancen aus?
Ledger: Ja, ich denke, die Chancen stehen da wesentlich besser. „The Dark Knight“ ist zwar auch kein Film für die ganze Familie, aber meine Rolle scheint die Leute schon ganz schön beeindruckt zu haben. Mich hat die ja auch beeindruckt, die hat mich total mitgenommen, ich bin an der Rolle fast zugrunde gegangen. Sie hat mir höllisch Spaß gemacht, sie hat mir aber auch den Schlaf geraubt, ich musste dafür an meine Grenzen gehen...
Außerdem: Wenn die mich erst einmal nominieren, habe ich schon so gut wie gewonnen. Sie können ja nicht vier lebende und einen toten Schauspieler gemeinsam ins Rennen schicken, und dann den Toten leer ausgehen lassen. Der wäre dann ja quasi doppelt bestraft.
Was Sie da ansprechen, ist natürlich auch die Faszination des Publikums für tote Schauspieler.
Ledger: Nicht nur für tote Schauspieler, generell für den Tod, der fasziniert die Leute. Die wollen zwar immer irgendwie ein Happy End sehen, aber vorher sollen bitte schön die Fetzen fliegen. Das ist die Lust am Bösen, an den Abgründen.
Aber das doch nur im Film.
Ledger: Nein, Ich denke, nicht nur im Film. Ich meine, womit machen Zeitungen und Fernsehsender ihr Geld? Mit Horrornachrichten, mit realen Katastrophenmeldungen, mit Live-Bildern von Amokläufern. Niemand will das an der eigenen Haut erfahren, aber eine Nachrichtensendung ohne Tote – das wäre den Leuten doch viel zu langweilig. Und als Bombenopfer, als getöteter Soldat wirst du halt so durchgereicht, durch die Top-News. Solange die Leiche noch warm ist, sag ich mal. Das war mit mir ja ganz genauso.
Und Sie meinen, je mehr Tote, desto höher die Quote?
Ledger: Ich weiß nicht, ob man das pauschal so sagen kann. Aber in meinem Fall, da sehe ich das inzwischen ganz pragmatisch: Für die Filmwelt mag mein Tod ein Verlust gewesen sein, für Warner Brothers war er auf jeden Fall ein Gewinn.
...weshalb im Internet auch Verschwörungstheorien kursieren, wonach Ihr Tod nur ein PR-Gag, also ich meine nicht Gag, aber doch eine PR-Aktion, Sie wissen schon...
Ledger: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Ich muss solchen Gerüchten aber leider entschieden entgegentreten. Sorry. Das Leben ist kein Film. Klar, „Man lebt nur zwei Mal“, wäre ja toll. Dann könnte ich jetzt auch schön von den Dollar-Millionen für „The Dark Knight“ profitieren.
Aber wissen Sie, hier oben ist ja auch nicht alles schlecht.
Ich wollte gerade schon fragen, Mr. Ledger: Schläft man im Himmel eigentlich?
Ledger: Ja, klar. Auch viel besser, muss ich sagen, man hat keine nervigen Termine, keine Nacht-Drehs, man muss nicht die ganze Zeit an irgendwelche Rollen denken, man hat keine Ängste – es kann ja auch nix mehr schief gehen.
Welchen Vorteil hat Ihr jetziges Leben denn noch gegenüber dem irdischen?
Ledger: Also, wenn ich ehrlich bin, hat das hier oben einen riesigen Vorteil: Die Paparazzi sind weg.
Ach so?
Ledger: Klar, vor den Paparrazi habe ich hier oben meine Ruhe, von denen kommen doch die meisten eh’ in die Hölle. Und wenn sie es aus irgendwelchen Gründen doch hier nach oben schaffen, müssen sie bei Petrus ihre Kameras abgeben. Und die Handys natürlich.
Aber nun mal angenommen, Sie bekämen tatsächlich den Academy Award verliehen – würden Sie sich dann zur Verleihung noch einmal die Ehre geben?
Ledger: Sie meinen, ich soll dann noch mal runterkommen, im Blitzlichtgewitter herunterschweben wie so eine Art Messias? Nee nee, um Himmels Willen! Das wäre ganz und gar nicht meine Art. Ich werde mir von hier oben genüsslich angucken, wie man mir dort unten die Trophäe vermacht. Das sollen die mal alleine regeln. Und bitte nicht so eine langweilige Laudatio!
Haben Sie eigentlich schon Paul Newman getroffen?
Ledger: Ach, den Western-Held Newman - ja, neulich ist der hier auf einer Wolke an mir vorbeigeschwebt. Er hat mich sogar gegrüßt: „Hey, Sie sind doch bestimmt dieser schwule Cowboy, oder?“ – Da habe ich gesagt: „Mr. Newman, ich bin weder schwul, noch trage ich einen Hut – aber würde ich einen tragen, dann würde ich ihn jetzt ziehen.“
Unsere Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic – welche Figur sind Sie?
Ledger: Ich wäre gerne Alfred Pennyworth, der Butler von Batman. Der strahlt für mich eine unglaubliche Gelassenheit aus, eine Ruhe, die mir in meinem Leben glaube ich ein wenig abhanden gekommen ist. Und er spielt immer wieder in jedem Batman-Film mit – den Joker dagegen, den spielst du nur einmal.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=910 | © planet-interview.de | Foto:
» Man sollte nicht meine Arbeit als Schauspieler damit beurteilen, was ich als neugierige Person mache.«
Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
Frankfurter Rundschau 12.01.
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