14. Mai 2000
Leseansicht
Geiger Gidon Kremer über seine Liebe zu Piazzolla, neue Komponisten und die Sehnsucht nach Stille

© Thomas Müller
Der Geiger Gidon Kremer wurde am 27. Februar 1947 in Riga geboren und lernte von 1965-1973 bei David Oistrach am Moskauer Konservatorium. Seine internationale Karriere begann 1970 mit dem ersten Preis beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. 1981 gründete er das Lockenhaus-Festival, 1997 die Kremerata Baltica, ein Orchester junger Streicher aus den baltischen Staaten. Kremer setzt sich intensiv für zeitgenössische Komponisten ein und nimmt stets neue Werke in sein außerordentlich breites Repertoire auf. Das folgende Interview entstand im Mai 2000 in Nürnberg.

"Es ist einfach wichtig, dass ein Musiker nicht nur die Musik der toten sondern auch der lebendigen Komponisten spielt."
Voriges Zitat
"Ich bin doch ein Glückspilz gewesen, der ich mit so vielen wichtigen Komponisten unserer Zeit zu tun hatte."
Voriges Zitat"Man kann zwar mit den Tönen die Gewehre nicht stoppen aber man kann die Welt darauf aufmerksam machen, dass Musik uns mehr bringt als der Knall von Bomben."
Beim Userview stellt ihr die Fragen. Wir kündigen euch einen Interview-Partner an - und dann seid ihr dran: Im Formular könnt ihre eure Fragen stellen (ohne Registrierung möglich) und die Fragen anderer Leser bewerten (erfordert Registrierung). Die besten 10 Fragen werden von uns im Interview gestellt und die beste Frage mit einem Preis honoriert. Das geführte Interview erscheint wenige Tage später exklusiv auf Planet Interview.
Wir behalten uns vor, beleidigende, rassistische oder sonstwie menschenverachtende Fragen kommentarlos zu löschen. Doppelte Fragen werden ebenfalls gelöscht.
Herr Kremer, schon seit Jahren beschäftigen Sie sich mit dem argentinischen Komponisten Astor Piazolla und haben in Ihrem neuesten Projekt dessen "Vier Jahrezeiten" mit den von Antonio Vivaldi gekoppelt. Folgt jetzt also auf die wirtschaftliche die musikalische Globalisierung?
Kremer: Keinesfalls habe ich an so etwas gedacht. Für mich ist dieses Projekt alles andere als ein Crossoverprojekt. Ich sehe es als eine Möglichkeit eines Dialogs von zwei Genies, die zu verschiedenen Zeiten lebten und sich beide zu den ewigen Themen der Jahreszeiten äußerten. Jeder tat das auf seine Art und wir respektieren den Stil beider dieser wunderbaren Komponisten und ihrer wunderbaren Kompositionen. Es geht mir bei diesem ungewöhnlichen Projekt vor allem darum, den schon zu oft zu durchschnittlich gespielten Jahreszeiten von Vivaldi, die sehr oft als eine Klangkulisse im Restaurant am Flughafen oder am Telefon erklingen, eine Möglichkeit zu verleihen, frisch zu erscheinen. Abgesehen davon, dass so etwas natürlich auch möglich ist ohne Piazolla heranzuziehen, setzt diese Konfrontation mit einer Musik, die im 20. Jahrhundert entstand und einen ganz anderen Stil hat, ungewöhnliche Akzente und erhöht so die Aufnahmefähigkeit für auch die schon überbekannte Musik.
Wie sind Sie denn eigentlich auf Piazolla gestoßen?
Kremer: Ich hab seine Musik immer aus der Ferne gehört, betrachtet und genossen. Ich war mehrmals in Argentinien, dort viel in Tango-Bars, wo ich immer eine Musik identifizieren konnte - das war die von Piazolla. Es lag wahrscheinlich an seiner Persönlichkeit, denn die Persönlichkeit wiederspiegelt sich durch die Töne. Es ist ganz eindeutig - unter hundert Tangokomponisten kann man immer Piazolla mit seinem ganz besonderen Stil, seinem ganz besonderen Gefühl für Melodie oder Harmonie erkennen. Er ist inzwischen einer der Komponisten, mit denen ich oft glaube auch eine Du-Beziehung aufgebaut zu haben auch wenn ich ihn nie kennengelernt habe.
Dabei sind Sie geborener Lette und der Tango aber etwas typisch Argentinisches.
Kremer: Sehr viele Leute fragen sich, wie es denn denkbar ist, dass so etwas typisch Argentinisches von Musikern aus dem Baltikum oder Russland gespielt werden kann. Aber ich glaube, die Mazurken von Chopin sind auch nicht nur typisch polnisch und der Ländler von Schubert nicht typisch österreichisch. Gute Musik ist universell und begabte Leute mit Spitzengefühl für einen bestimmten Stil findet man überall auf der Welt.
Verstehen Sie denn den Tango im Konzertsaal auch als Tanzmusik?
Kremer: Nein, ich glaube es ist eine Musik fürs Herz und nicht so für die Füsse. Ich glaube auch nicht, dass ich mich so in diese Tangowelle gestürzt habe, sondern ich habe mich wirklich ernst - und das mach ich bis heute - mit dem Komponisten Astor Piazolla auseinandergesetzt. Bei ihm ist es nun mal so, dass er hauptsächlich Tangos komponiert hat, aber das hat seine Grösse keinesfalls gemindert.
Nun hat der Tango ja etwas schwermütiges, etwas Melancholisches.
Kremer: Sehr viel sogar.
Muß man diese Schwermut auch haben, um wirklich Tango spielen zu können?
Kremer: Ich glaube schon, da Piazolla selbst betonte, er hätte nie heitere Musik komponiert, was sich genau überschneidet mit einer Aussage von Franz Schubert, der geschrieben hat: "Heitere Musik - ich kenne keine heitere Musik".
Aber kann denn die Musik Piazzollas nicht auch Freude bringen?
Kremer: Ich glaube, die Musik von Piazolla bringt beides. Zum einen eine sehr tiefgehende Melancholie, eine Nostalgie, aber die hat zum anderen auch sehr viel Energie in sich, und es entsteht ein Zustand der Offenheit und der Freude. Ich glaube, je tiefer jemand fähig ist, zur melancholischen oder traurigen Empfimdung, desto stärkere Freude empfindet so ein Mensch auch. Ich empfinde Freude insofern nicht als etwas, was man unterschätzen sollte in der Potenz der Empfindung.
Sie setzen sich in letzter Zeit vermehrt für die zeitgenössischen baltischen Komponisten ein. Geschieht das aus einer Art kulturellen Verpflichtung heraus, oder transportiert diese neue Musik etwas was die alte nicht transportieren kann?
Kremer: Nein ich glaube, es ist einfach wichtig, dass ein Musiker nicht nur die Musik der toten Komponisten spielt, sondern auch der lebendigen. Für mich ist sehr wichtig, dass ich und die von mir gegründete Kremerata Baltica sich identifiziert mit der Musik unserer Zeit und vor allem auch mit der Musik der Länder, aus denen die Musiker dieses Orchesters stammen. Ich selber kam in Lettland zur Welt, also hab ich mit der baltischen Musik immer eine Art Visitenkarte dabei. Grundsätzlich geht es mir aber nicht nur darum, die zeitgenössische Musik zu verfolgen, sondern ein Gleichgewicht zu finden, zwischen der bekannten und wunderschönen klassischen Musik und der Musik der noch lebenden Komponisten.
In der Vergangenheit haben Sie Komponisten wie Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina oder Arvo Pärt in die Konzertsäle der ganzen Welt verholfen. Wie entdecken Sie eigentlich Komponisten?
Kremer: Leider hab ich viel zu wenig Zeit, um immer auf das Wichtigste und das Interessanteste zu stoßen.Ich verlasse mich auf meine Intuition, ab und zu ist es das Notenbild, das mich anzieht, oder es ist eine Empfehlung, mal ist es eine Widmung oder ein Hörbeispiel, das ich verfolge. Mitunter ist es auch eine Filmmusik von einem Komponisten, den ich nicht vorher kannte und auf den ich dadurch aufmerksam werde. Kurz und gut, es gibt sehr viele Anregungsmöglichkeiten und ich lass mich verführen. Ab und zu sind es dann Enttäuschungen, ab und zu sind es Erfolge, aber ich muss sagen, ich bin doch ein Glückspilz gewesen, der ich mit so vielen wichtigen Komponisten unserer Zeit zu tun hatte. Und ich freue mich, dass ich immer wieder auf jemanden aufmerksam werde, der es - wie ich glaube - wert ist auch für andere, gehört zu werden.
Mit der Kremerata Baltica haben Sie Ihr eigenes Kammermusikensemble gegründet, außerdem leiten Sie seit 19 Jahren die Musikfestspiele in österreichischen Lockenhaus und jetzt auch in Bregenz die Opernaufführung "Maria de Buenos Aires" - reicht Ihnen die Geige nicht mehr?
Kremer: Nein, ich bin immer noch sehr an die Geige gebunden. Lockenhaus, das ist für mich so etwas wie eine Oase des wirklichen Musizierens, wo man sich, ungestört vom großen Konzertbetrieb und der Kommerzialisierung von Musik, Werken und Komponisten widmen kann, ohne das es gleich in der ganzen Welt ausgestrahlt wird. In "Maria de Buenos Aires" habe ich wahrscheinlich das größte Werk Astor Piazollas gefunden und nachdem wir damit eine Welttouurnee gemacht haben, fühlte ich mich irgendwie interessiert, das Stück auch mal in einer Inszenierung zu sehen. Als die Idee entstand, so eine Inszenierung ins Leben zu rufen, war ich risikofreudig, dabei mitzumachen. Ob die Rechnung aufgeht oder nicht, weiß man ja noch nicht. Denn zu so einer Inszenierung gehört ein Regisseur und darauf habe ich überhaupt keinen Einfluss.
Vielleicht noch eine Frage nach Ihrer politischen oder gesellschaftlichen Verpflichtung als Musiker. Sie sind ja einer der ganz wenigen Musiker, die eigentlich auch Benefiz-Konzerte geben, die auch so politisch Stellung beziehen.
Kremer: Ich muß sagen, ich halte mich eigentlich der Politik fern, aber in der letzten Zeit haben mich so viele Dinge geärgert, dass mein letztes Konzert in Moskau als Anlass genommen habe, darauf etwas aufmerksam, wieviel unschuldige Kinder unter dem barbarischen Krieg in Tschetschenien leiden, worüber die Welt nicht so richtig sprechen und denken will. Ich sehe das nicht als eine politische Stellungnahme, weil ich sehr gut weiß, die Problematik der Terroristen und der politischen Systeme, das ist etwas, was ich nicht bis zu Ende erforschen kann.Für mich ist es eher eine humanistische Stellungnahme. Man kann zwar mit den Tönen die Gewehre nicht stoppen aber man kann mindestens die Welt darauf aufmerksam machen, dass Musik oder Obertöne uns mehr bringen als der Knall von Bomben. Politische Gewalttaten sind etwas, was mich in der gesamten Welt abstösst und ich empfinde es als eine Notwendigkeit, darauf aufmerksam zu machen, dass jeder einen kleinen persönlichen Einsatz leisten sollte, damit dieser Wahnsinn aufhört. Außerdem habe ich sehr lange in Moskau gelebt und bin der russischen Kultur sehr vertraut. Auch in der Kremerata Baltica sprechen wir russisch und spielen russische Musik.

Der Cellist Mischa Maisky über sein Zuhause in Europa, sein Instrument, seine Hände und seine außergewöhnliche Konzertkleidung

Hilary Hahn über Energie auf der Bühne, den Kreislauf zwischen Musiker und Publikum, Mund-zu-Mund-Propaganda im Klassik-Business und Haustiere on Tour

Komponist Krzysztof Penderecki über das Aussterben großer Komponisten, sein Erscheinen auf Soundtracks zu Horrorfilmen und das Berliner Festival young.euro.classic
Gibt es für Sie eine Heimat, wo sie sich zu Hause fühlen?
Kremer: Es klingt so schön, wenn man sagt, in der Musik - geographisch gesehen gibt es ja nur eine Heimat, wo man zur Welt kommt. In meinem Fall ist das Lettland, aber ich lebe dort nicht mehr. Kulturell gesehen bin ich ein Kind einer deutschsprachigen, einer deutschen Mutter, eines baltisch-schwedischen Vaters eines schwedischen Großvaters, ein Kind das in Lettland zur Welt kam - ich kann nicht genau sagen, wo ich zu Hause bin. Ich weiß nur, dass ich mich bei gewissen Projekten, die ich heutzutage verwirkliche zu Hause fühle. Das kann ein Komponist sein, wie Schnittke oder Piazolla, das ist sicher auch die Kremerata Baltica und das Lockenhaus_Festival. Aber auch bei Schubert oder bei Schumann fühle ich mich heimisch. Aber grundsätzlich, so ein physischer Ort für ein Zuhause, der fehlt mir und ich leide sehr darunter. Ich bin aber stets von meinem Beruf oder auch meiner Berufung getrieben und versuche mich irgendwie durch die Töne mit mir selber zu versöhnen.
Ihr letztes Buch "Obertöne" haben Sie all denen gewidmet, die die Stille suchen. Kommt die Stille in Ihrem Leben zu kurz?
Kremer: Ich suche die Stille immer da ich unter dem Lärm leide.Sie ist mir nicht nur in der Musik von so einer Bedeutung, sondern auch in einem Hotelraum, weil die Geräusche rundherum dermaßen stark geworden sind. Und man versucht sich gegen diese Lärmverschmutzung zu wehren - im Konzertsaal gelingt es ab und zu, diese Stille zu finden. Doch zu oft werden wir ja auch im Konzertsaal mit Lärm belästigt, ob durch Husten, Handys oder durch Desinteresse, durch Mangel an Konzerntration.Man muß dann die Zuhörer für sich gewinnen, das setzt voraus, dass man die Stille selber sucht oder selber empfinden kann. Wenn man nur versucht, lauter zu spielen als das Publikum hustet, dann empfindet man nichts.
Und wie stehen sie zu dem Bach-Kommerz, der in diesem Jahr betrieben wird?
Kremer: Es wird Geld mit allem gemacht, womit man sich nur Geld verspricht. Unabhängig davon steht das Geheimnis und die Grösse von Bach über dem, und auch wenn man an ihm sehr viel melkt, wird sich seine Grösse nie mindern. Ich glaube aber, dass jeder, dem ein ernster Zugang zu Bach wichtig ist, wird immer wieder versuchen, sich ihm zu nähern und ich glaube, auch die Arbeit am Musikalischen Opfer war für unser Orchester und für mich selber sehr bereichernd, weil man auf Aspekte des bach'schen Schaffens stösst, an die man früher gar nicht gedacht hat.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=246 | © planet-interview.de | Foto: Thomas Müller
» Politisches Kabarett hat mich nie interessiert.«
Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
Frankfurter Rundschau 12.01.
Nigel Kennedy zählt zu den Promis unter den Geigern. Im ausführlichen Interview spricht er über Vielseitigkeit, Musikgeschmack, Erziehung und sein Verhältnis zu den Royals. VÖ: Dezember 2011
Sarah Kuttner legt mit "Wachstumsschmerz" ihren zweiten Roman vor. Wir sprachen mit ihr über die "Third Life Crisis", hässliches Fernsehen und warum sie kein Quotenbringer ist VÖ: Dezember 2011
Roland Kaiser über sein neues Leben, treue Fans, Klatschblätter und starke Frauen VÖ: Dezember 2011
Krimi-Autor Felix Huby über die Entwicklung, den Erfolg und den Abschied von seiner Lieblingsfigur: Kriminalhauptkommissar Ernst Bienzle
Patrick Owomoyela über seinen Club Borussia Dortmund und die Diskussion über Rassismus und Randale auf den Rängen
David Wnendt über den schwierigen Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, den Terror des NSU, jugendliche Neonazis und seinen Film "Kriegerin"