02. Mai 2006
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Regisseur Erwin Wagenhofer über seinen Film "We Feed the World", das Problem unseres Wirtschaftssystems, die Macht des Konsumenten und den Nestlé-Chef Peter Brabeck

© Delphi Filmverleih / Allegro Film
Mit seinem Dokumentarfilm „We feed the World“ macht der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer (*1961 in Amstetten) auf schwerwiegende Probleme innerhalb der Nahrungsmittelindustrie aufmerksam und weist darauf hin, mit welchen Konsequenzen unser Konsum verbunden ist. Er zeigt u.a. riesige Gewächshauslandschaften in Spanien, die Verarbeitung von Hühnern vom Mast- bis zum Schlachtbetrieb, er klärt auf über Industriefischfang in der EU und über zweifelhafte Praktiken einer Saatgutfirma in Rumänien - und er führt ein entlarvendes Interview mit Nestlé-Chef Peter-Brabeck.

"Wenn Sie einmal in der Woche einen Bio-Apfel aus Chile essen, dann ändert sich noch gar nichts."
Voriges Zitat
"Die Menschen werden nicht aufgeklärt, sondern von einer gigantischen Werbeindustrie verführt zu Dingen, die zweifelhaft und teuer sind."
Voriges Zitat"Als ich jung war, haben wir zu Hause vielleicht mal zu Ostern und zu Weihnachten Hendl gegessen. Heute können sie jeden Tag zu McDonalds gehen."
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Herr Wagenhofer, Sie zeigen in Ihrem Film „We feed the world“ viele problematische Aspekte unseres Nahrungsmittelkonsums und die damit verbunden Folgen auf. Inwiefern glauben Sie, kann man mit einem Film beim Zuschauer eine Veränderung seines Konsumverhaltens erreichen?
Wagenhofer: Ich glaube, dass man mit einem Film nichts verändern kann, sondern dass ein Film etwas aufzeigen kann – und daraus müssen die Leute ihre Schlüsse ziehen. Es kommen ja viele junge Leute aus dem Film und sagen: „Ich esse nie mehr ein Huhn.“ Das hält dann aber vielleicht nur zwei bis drei Wochen...
Es passiert ja aber noch viel mehr, ich bin mit meinem Film nicht der Einzige, sondern es gibt eine ganze Bewegung, auch im Politischen, die attac-Bewegung zum Beispiel oder grüne Bewegungen, die sich diesen Themen annehmen.
Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, spricht im Film von der Zivilgesellschaft, die das überhaupt noch retten kann. Weil die Wirtschaft alleine würde es nicht anpacken und die Politik hat schon alles verspielt, und hat nur noch einen ganz geringen Handlungsspielraum. Da muss es ein Umdenken in der Gesellschaft geben, in den Köpfen muss das Umdenken beginnen. Und in diese Richtung ist der Film gedacht.
Viele Bürger können sich hierzulande aber nur bedingt eine ökologisch vertretbare Ernährung leisten, um sich nur von den sogenannten „Bio“-Produkten zu ernähren, dafür fehlt vielen das Geld.
Wagenhofer: Es geht hierbei um eine gesamte Lebensstiländerung. Wenn Sie einmal in der Woche einen Bio-Apfel aus Chile essen, dann ändert sich noch gar nichts. Aber wenn Sie sich wirklich umstellen, auf biologische und regionale Ware – dann brauchen Sie auch weniger Geld. Weil Sie essen weniger, werden schneller satt, sie haben einen anderen Lebensrhythmus usw.
Parallel dazu, kann man beobachten, dass Leute, die wenig Geld haben, sich diese High-Tec-Joghurts kaufen, die in Österreich in den Spitälern zum Teil verboten sind, also wo der gesundheitliche Aspekt zweifelhaft ist und die ein Vermögen kosten, wenn sie den Preis für 120ml mal auf einen Liter hochrechnen.
Also, das Preisargument ist es ganz sicher nicht. Sondern es fehlt die Aufklärung: die Menschen werden nicht aufgeklärt, sondern von einer gigantischen Werbeindustrie verführt zu Dingen, die zweifelhaft und teuer sind – und ich weiß nicht, ob sie gesund sind.
Aber das Massenangebot in unseren Supermärkten, wo es zu jeder Jahreszeit Tomaten oder Erdbeeren gibt - das wird sich doch kaum zurückschrauben lassen:
Wagenhofer: Unser heutiges System ist ein Wirtschaftswachstums-System. Das wurde geschaffen, als nach dem Krieg alles am Boden zerstört war, wo Wachstum her musste. Heute gibt es kein Wachstum mehr, wir haben einen gesättigten Markt, die Fertilität in der EU ist zudem auf 1,44 Prozent gesunken, aber daneben haben wir ein System, das ständig wachsen muss. Dieses System ist allerdings nicht gottgegeben, sondern wir haben es gemacht – und wir können es auch wieder ändern. Darum heißt mein Film auch „We feed the world“.
Und außerdem: wir haben jetzt 60 Jahre Wirtschaftswachstum gehabt – aber kein Mensch ist glücklich. Also, was soll das für einen Sinn haben?
Sie zeigen in Ihrem Film in einer langen, beklemmenden Sequenz einen Hühner-Schlachtbetrieb, von der Anlieferung der Tiere bis zur eingeschweißten Hähnchenkeule. Ist das auch ein Aufruf zum Vegetarismus?
Wagenhofer: Nein. Worum es mir gegangen ist, zu zeigen, wie das abläuft und diesen Zusammenhang herzustellen: im Supermarkt kostet ein Hähnchen 2,50 Euro, und wenn wir weiterhin zu diesen aberwitzigen Preisen Hühner essen wollen, dann müssen die die so produzieren.
Der Massenbedarf, der bei Fleisch besteht, wäre wahrscheinlich nicht anders zu decken.
Wagenhofer: Nein. Aber „Bedarf“ ist hier auch das falsche Wort. Als ich jung war, kann ich mich erinnern, da haben wir zu Hause vielleicht mal zu Ostern und zu Weihnachten Hendl gegessen. Dann hat es sich erhöht auf ein Mal im Monat und irgendwann gab es das jeden Sonntag. Heute können sie jeden Tag zu McDonalds gehen.
Da haben wir das Gespür verloren, das zu zeigen war auch eine Grundidee von diesem Film. Wir zeigen zum Beispiel auch, wie Mais verbrannt wird wodurch Fernwärme produziert wird. Und da gibt es jetzt verschiedene Generationen von Bauern: Alte, die schauen das an, da habe ich einen erlebt, der hat zu weinen angefangen, weil der hat sein Leben lang auf dem Acker gearbeitet, um Essen zu schaffen, und jetzt hauen wir es in den Ofen. Die nächste Generation, die ist da aber ganz pragmatisch und die dritte Generation, für die ist das schon ganz normal.
Gab es Dinge, die Sie aufgrund der Arbeit an diesem Film in Ihrem eigenen Leben geändert haben?
Wagenhofer: Ja, ich habe zum Beispiel den ganzen Winter keine Tomaten gegessen, höchstens welche aus der Dose. Ich kaufe im Winter auch keine Erdbeeren mehr, das war mir schon immer ein Greul...
Ausgangspunkt für den Film war für Sie ja der Wiener „Naschmarkt“...
Wagenhofer: Ja, die Idee war, dort anzufangen, wobei der Nachmarkt mich als Naschmarkt an sich überhaupt nicht interessiert hat. Sondern ich habe anfangs den Satz geprägt: „Ich will dem Naschmarkt unter’n Rock schauen“. Sprich, die Frage stellen: wo kommt das jetzt her?
Also sind wir nach Spanien gegangen, wo die größte Gewächshausanlage Europas steht, nach Brasilien, dem größten Soja-Exporteur, dann haben wir ein Interview mit einem Mitarbeiter von Pioneer, dem größten Saatguthersteller der Welt, mit dem Chef von Nestlé, dem größten Nahrungsmittelkonzern und wir haben Jean Ziegler, den Hunger-Experten Nr.1 auf der Welt, durch seine UNO-Funktion.
Ernüchternd ist vor allem Ihr Interview mit Nestlé-Chef Peter Brabeck...
Wagenhofer: Ja, der betet halt seine Gewinnzahlen runter, dann sagt er noch, was er für eine Verantwortung hat, für vier Millionen Arbeiter und dann freut er sich am Ende, wenn er in den Betrieben nur noch Maschinen hat. Am liebsten würde er die vier Millionen sofort entlassen, weil dann wird der Gewinn noch höher steigen. Brabeck sagt das so, und er steht dazu. Er sieht das ja nicht anders, er vertritt die Wirtschaft, diese andere kapitalistische und an Profitmaximierung orientierte Welt. Die muss er vertreten, er verdient ja auch ein Schweine-Geld, 20 Millionen Schweizer Franken, das ist mehr wie alle Regierungschefs der EU25 zusammen. Also, jetzt wissen wir, wer regiert, das funktioniert alles relativ simpel. Brabeck ist auch Mitglied des „World Economic Forum“ dort sitzen die oberen Tausend und ich bin mir sicher, dass er dort mehr zu sagen hat als der US-Präsident Bush.

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Sehen Sie allgemein den Kapitalismus als die Hauptursache für die Probleme, auf die Sie im Film aufmerksam machen?
Wagenhofer: Das ist ein Grundproblem und seit den 90er Jahren ist das auch sehr grauslig geworden. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist nun auch dort der wildeste Kapitalismus ausgebrochen.
Der Mensch ist ein habgieriges Wesen. Und auf der anderen Seite werden wir auch gar nicht geschult. Es gibt vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss keinen Gegenstand der heißt, „Umgang mit Menschen“ oder „Soziales“.
Sind jetzt zuerst die Politiker gefragt oder die Bevölkerung?
Wagenhofer: Das können Sie nicht trennen. Wir leben in einer Demokratie und wir haben die Möglichkeit, Dinge zu verändern. Wir wählen die Politiker, die die Gesetze machen. Nur, das Problem bei der Demokratie ist, dass sie auch Demokratinnen und Demokraten braucht – ja, wo sind denn die?

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Tagesspiegel, 30.10.2008
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=437 | © planet-interview.de | Foto: Delphi Filmverleih / Allegro Film
17:21 Uhr, am 18. März 2009 | Inkognito
Kann mir jemand das Zitat erläutern, brauch das für die Schule : Wir können bestimmen was wir kaufen, das ist eine Macht
08:23 Uhr, am 17. Mai 2006 | Uli Singer
überfällt den Kinobesucher, der in "We feed the world" geht. Habe Film gestern gesehen und mindestens jeder Zweite sagte, nie mehr ein Hendl. Dabei hätte es der Verbraucher in der Hand, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Einfach noch mehr darauf achten, wo auch Nestle nicht draufsteht, ist Neste doch drin. Schockierend die Aussage des Nestle-Bosses über die Nutzung des Trinkwassers. Er machte keinen Hehl daraus, dass sein Unternehmen gerne das Monopol auf jeden Tropfen Wasser hätte, den uns Mutter Natur schenkt.
Mein Tipp: Film anschauen und so lange als möglich die guten Vorsätze, die danach gemacht werden, halten.
Uli Singer
www.uli-singer.de
11:45 Uhr, am 03. Mai 2006 | Edgar Guhde
Man kann nur hoffen, das besonders viele Leute diesen Film sehen und auch Schlüsse daraus ziehen.
Es wäre durchaus sehr gut, würde er möglichst viele zu vegetarischer Ernährung veranlassen. Eine der Ursachen der Misere ist selbstverständlich das marktwirtschaftlich-kapitalistische System, aber auch die Zentralverwaltungswirtschaft des Sozialismus führte zum rücksichtslosen Raubbau an Natur und Umwelt, zur rigorosen Ausbeutung der "Nutztiere"- Tierschutz unbekannt. Mit dem Unterschied, dass darüber nicht berichtet werden durfte geschweige denn organisiert dagegen angegangen werden konnte. (Ein Versuch von mir in der DDR kostete mich 6 Jahre Zuchthausaufenthalt in Brandenburg-Görden). Die tiefere Ursache ist aber die "anthropologische Konstante", der Egoismus, die materialistische Gier und die Dummheit und Gleichgültigkeit der meisten Menschen. Das Haben-haben-haben-Prinzip setzt sich immer wieder durch, egal in welchem oder mit welchem "-ismus". Trotzdem kann n o c h Schlimmeres verhindert werden.
» Um objektiv zu sein, müsste ich schizophren sein. «
Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
Frankfurter Rundschau 12.01.
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