18. Februar 2008
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Regisseur Errol Morris über seinen Film „Standard Operating Procedure“, die Fotos aus Abu-Ghraib, seine Interview-Technik und die Suche nach der Wahrheit

© Berlinale
Errol Morris wurde am 5. Februar 1948 in Hewlett/New York geboren. Er ging auf die Putney School in Vermont, spielte Cello und verbrachte als Teenager einen Sommer in Paris, wo er bei Nadia Boulanger lernte. Später studierte Morris in den USA Geschichte und Philosophie. Sein Interesse an Interviews und am Dokumentarischen entstand 1975, als er den Fall des Serienmörders Ed Gein untersuchte. 1978 kam sein erster Film "Gates of Heaven" über Tierfriedhöfe ins Kino. Bekannt wurde Morris durch den Film "Thin Blue Line", der 1989 zur Freilassung des US-Amerikaners Randall Dale Adams führte.

"Das ist die „Fuck-the-shut-up“-Schule des Interviewens."
Voriges Zitat
"Wenn der Irak-Krieg ein Krieg der Erniedrigung war, wie sonderbar ist es dann, dass die Fotos aus Abu-Ghraib die amerikanische Regierung und das amerikanische Volk erniedrigen?"
Voriges Zitat"Der einzige „Stil“, der für mich bindend ist, das ist die kompromisslose Suche nach der Wahrheit."
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Herr Morris, was hat Sie veranlasst, einen Film über den Skandal und die Fotos von Abu-Ghraib zu drehen?
Morris: Ich habe mich gefragt, was ich aus den Abu-Ghraib-Fotos erfahren habe. Was haben mir die Fotos gezeigt? Was erzählen sie mir? Ist das eine Geschichte, die schon erzählt wurde? Oder ist es eine, die noch niemand erzählt hat, weil noch niemand unter die Oberfläche dieser Fotos vorgedrungen ist?
Ich hatte das starke Gefühl, dass es da eine noch nicht erzählte Geschichte über Abu-Ghraib gab, dass ich etwas untersuchen konnte, was noch niemand untersucht hat.
Wie sind Sie vorgegangen?
Morris: So, wie ich immer vorgehe. Ich führe Interviews mit den Leuten, sammle Dokumente, Unterlagen. So wie auch ein Ermittler vorgeht, das ist nicht wirklich anders.
Wie haben Sie die Soldaten, die in Abu-Ghraib waren, überzeugen können, Ihnen Interviews zu geben?
Morris: In dem ich ihnen gesagt habe, dass das eine wichtige Geschichte ist, vielleicht das bedeutendste Nachrichten-Ereignis unserer Zeit. Und dass die Geschichte hinter den Fotos noch nicht erzählt wurde, dass sie diejenigen Leute sind, die diese Geschichte erzählen könnten und dass es wichtig sei, dass diese Geschichte gehört wird.
Sie müssen ja auch sehen, dass wir hier von einer Gruppe von Leuten sprechen, die als Sündenböcke hingestellt wurden. Natürlich hatten sie auch die Befürchtung, von mir genauso wie von allen anderen auch behandelt zu werden. Aber dann hatte ebenso jeder den Wunsch, dass die wirkliche Geschichte, was mit ihnen in Abu-Ghraib passiert ist, erzählt wird.
Für Ihren Film haben Sie manche Sezenen, in denen die Abu-Ghraib-Fotos entstanden sind, mit Schauspielern nachgestellt. Warum war das nötig?
Morris: Es ist ja bereits das dritte Mal, dass ich bei einem Dokumentarfilm Szenen mit Schauspielern nachstelle. Ich erinnere mich, als ich „Thin Blue Line“ drehte, da hatte ich große Probleme das Geld für eben diese Nachstell-Szenen zusammenzukriegen. Und da habe ich mich auch gefragt: Sind die wirklich notwendig, brauche ich sie wirklich? Die Antwort ist: Ja, ich brauche sie wirklich. Die Idee dahinter wird oft missverstanden, die Leute denken, dass man darstellt, was wirklich passiert ist. So habe ich dieses Element aber nie benutzt, ich könnte mir das so auch gar nicht vorstellen.
Stattdessen schaffe ich mit diesen Szenen eine kleine Welt, in der die Leute über ein Problem, über die Fragen nachdenken können. Wer war wann wo? Wer hat wann was gesehen? Die nachgestellten Szenen fordern dich auf nachzudenken. Sie verlangsamen alles, fast bis hin zu einem fotografierten Moment, sie bringen dich dazu, zu reflektieren, zu hören, was die Interviewten sagen, über den Moment, in dem das Bild gemacht wurde und die Umstände, unter denen es gemacht wurde.
Es entsteht dadurch entsteht eine abstrakte Welt um das Foto herum. Ich mag meine Nachstellungen, ich schütze sie auch, wenn Leute sie infrage stellen wollen. Weil es ist einfach falsch, wenn Leute meinen, dass du über die reale Welt nur auf eine bestimmte Art und Weise reden kannst. Oder dass Journalismus nur gemäß ganz bestimmten Stilen betrieben werden kann... Der einzige „Stil“, der hier für mich bindend ist, das ist die kompromisslose Suche nach der Wahrheit, nach der zugrundeliegenden Realität von dem, was passiert ist. Und alles, was diesem Ziel dient, ist Fair Game.
Sehen Sie Ihre Arbeit denn als Journalismus?
Morris: Ja, zum Teil ist es Journalismus. Wissen Sie, als ich Ende der 80er Jahre den Film „Thin Blue Line“ gedreht habe, da wollte ich einen Film Noir machen - und ich wollte diesen Typen aus dem Gefängnis bekommen (Morris deckte mit seinem Film auf, wie ein amerikanisches Gericht einen Mann fälschlicher Weise zum Tode verurteilt hatte; Anm. d. Red.). Also, ich möchte ein Stück Journalismus machen und ich möchte einen Film machen. Kann ich auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen? Und ich denke bei „Standard Operating Procedure“: Ja, du kannst auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Ich habe einen Film gemacht, auf den ich im künstlerischen Sinne stolz bin und ich habe meine Interviews und die sind Realität. Da sitzt nicht jemand und spielt Lynndie England, sondern das ist Lynndie England wie sie in meine Kamera spricht. In ihren eigenen Worten erzählt sie uns, was in diese verschiedenen Szenen passiert ist. Das sind Tatsachen.
Im Fall von „Thin Blue Line“ wurden meine Interviews auf Bundesstaats- bzw. Landesebene vor Gericht als Beweismittel eingebracht. Richtige Beweise. Und wenn jetzt Leute zu mir sagen: „Sie haben damals diesen Film gemacht, der den Menschen aus dem Gefängnis gebracht hat“ dann ist das falsch. Nicht der Film war es, sondern die Beweise haben ihn aus dem Gefängnis gebracht.
Welche Hoffnungen verbinden Sie denn mit „Standard Operating Procedure“?
Morris: Ich weiß nicht, was der Effekt des Films sein wird. Mein Traum ist, dass die Leute sich näher mit der Sache befassen und dass die wirklich schuldigen Beteiligten bestraft werden und weniger die Sündenböcke.
Wer sind denn Ihrer Ansicht nach die Schuldigen?
Morris: Da gibt es sehr viele. Ich will jetzt nicht wirklich sagen, was ich denke aber in der amerikanischen Regierung gibt es viele, die ich gerne bestraft sehen würde.
Haben Sie versucht, die zu interviewen?
Morris: Nein, darum geht es auch gar nicht. Wobei ich das aber während der Arbeit an diesem Film immer wieder gefragt wurde: „Hast du schon den entscheidenden Beweis gefunden? Hast du Rumsfeld schon überführt?“ Als wenn das der einzige Sinn und Zweck eines solchen Filmes wäre. Aber es ist eben nicht die einzige Frage um die es mir ging.
Meine Frau hat da mal eine Bemerkung gemacht, die ich besonders mag: Sie ist ein Fan von Joseph Conrad und seinem Roman „Heart of Darkness“ und sie meinte: „Es ist eben nicht so, dass man am Anfang von „Heart of Darkness“ King Leopold II bei Kurtz anruft und ihm sagt: Du musst die Eingeborenen wie Hunde behandeln.“ Wie könnte ich es besser erklären?
Können Sie ein bisschen über Ihre Interview-Technik erzählen?
Morris: Es ist die „Fuck-the-shut-up“-Schule des Interviewens.

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Äh, was meinen Sie?
Morris: Du hältst den Mund und lässt sie reden. Und du versuchst, Sachen zu fragen, die ein wenig interessant sein könnten, für sie und für dich selbst. Ich versuche, mir nie eine Liste mit Fragen zu machen. Und eine Sache, der ich mir gar nicht bewusst war, aber auf die mich mein Co-Autor hingewiesen hat, nachdem er die ganzen Interview-Transkripte durchgearbeitet hatte – dass ich zu Beginn jedes Interviews sage: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“. Das ist auch wahr, ich weiß wirklich nie, wo ich anfangen soll. Aber in dem Moment sagen meine Interview-Partner meistens schon etwas, von selbst. Gott sei Dank.
Wie lange dauern die Interviews?
Morris: Lang. 10 Stunden, 12 Stunden, 14 Stunden. 2 Tage. Sehr Lang.
Naomi Klein schreibt in ihrem Buch „Die Schock-Strategie“ von Abu-Ghraib als ein Beispiel für die US-Strategie im Irak. Sehen Sie das ähnlich?
Morris: Wenn die Frage ist, ob Abu-Ghraib ein Mikrokosmos ist, der beispielhaft für das Ganze ist, dann befürchte ich, dass es tatsächlich so ist. Was für mich zur Ironie bei dieser Geschichte gehört ... denken Sie an den Begriff des Mise en abyme, ein Paar von Spiegeln die sich gegenseitig reflektieren, unendlich bis ins Nichts.
Wenn dieser Krieg ein Krieg der Erniedrigung war, wovon ich überzeugt bin, ein Versuch, Saddam zu erniedrigen, und dass wir diesen Krieg geführt haben indem wir Iraker erniedrigt haben, oft auch durch weibliche Soldaten – wie sonderbar ist es dann, dass die Fotos dieser Handlungen die amerikanische Regierung erniedrigen und das amerikanische Volk?
Die Fotos, die ich in dieser Hinsicht am interessantesten fand, sind die, auf denen die Soldaten die Gefangenen zu einer Art „Tableau vivant“ zusammengestellt haben. Weil für mich sieht das so aus, als wenn die Soldaten hier die Essenz des gesamten Krieges nachgestellt haben. Auf einer sehr persönlichen Ebene.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=212 | © planet-interview.de | Foto: Berlinale
» Man kann nicht am Samstagabend acht Millionen Zuschauer haben und am Sonntag, wenn man ins Restaurant geht, nicht erkannt werden wollen.«
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RP Online 14.01.
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