20. August 2003
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Regisseur und Schauspieler Detlev Buck über seinen Part im Film "Herr Lehmann" und die eigene künstlerische Arbeit

© Delphi Filmverleih

"Herr Lehmann, der säuft ja eigentlich gar nicht richtig. Er trinkt manchmal, aber ist nicht hacke. "
Voriges Zitat
"Sich zum Lunch treffen, abends ins Fitnessstudio latschen, schlank sein, um zehn Uhr im Bett sein - davon halte ich gar nichts."
Voriges Zitat"Gute Filme haben mit dem Erfolg an der Kasse gar nichts zu tun."
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Herr Buck, wir sitzen hier in einem edlen Hotel im doch recht feinen Berlin-Charlottenburg - bei einem Film wie "Herr Lehmann" hätte man ein Interview doch auch mal in Berlin-Kreuzberg machen können, wo Herr Lehmann schließlich zu Hause ist.
Buck: Also, die Agentur, die den Film betreut, veranstaltet die Interviews ja immer hier. Sicher, man hätte auch nach Kreuzberg gehen können, aber gibt es in Kreuzberg überhaupt ein gutes Hotel?
Für Backpacker vielleicht.
Buck: Na ja, ist mir aber eigentlich auch ziemlich wurscht.
Haben Sie denn persönliche Favoriten unter den Berliner Bezirken?
Buck: Ja, klar, das sind Wedding, Neukölln und Kreuzberg. Was Berlin auszeichnet, ist ja, dass es eben diese kleinen auch eigenartigen Bezirke gibt. Ich mag es nur nicht, wenn manche Leute dann immer sagen "Friedrichshain ist gerade ganz in" und so - das langweilt mich dann eher.
Wo wohnen Sie eigentlich?
Buck: In Tiergarten. Und Tiergarten war nie Hype, nie. Das war wohl auch zu Zeiten der Preussen das letzte Gebiet, was sie bewohnbar gemacht haben an der Spree - früher haben die dort Schwarzpulver aufbewahrt. Heute leben in Tiergarten viele Rentner, der Knast ist in der Nähe, der Bundespräsident - aber es ist eben ein Bezirk, der nicht 'angesagt' ist und das finde ich gut. Es gibt nur keine guten Kneipen.
Also geht es abends wohin?
Buck: Meine Lage ist ganz gut, ich bin ruckzuck in Mitte, kann schnell auch nach Kreuzberg. Und der große Tiergarten-Park ist sozusagen mein Garten.
Haben Sie die 80er Jahre denn auch ein bisschen so erlebt, wie sie Frank Lehman im Buch bzw. Film erlebt? Sie haben ja ab 1986 in Berlin studiert.
Buck: Also, so ein Zustand, wie Herr Lehmann zu Beginn des Films morgens aus der Kneipe kommt - der Zustand ist mir nicht fremd.
Sie haben damals aber nicht so viel getrunken wie Herr Lehmann.
Buck: Ach, Herr Lehmann, der säuft ja eigentlich gar nicht richtig. Er trinkt manchmal, aber ist nicht hacke. Er ist auch jemand, der sich nicht stressen lässt. Bei meinem Studium an der Filmakademie war es auch gar nicht so wichtig, schnell den Abschluss zu machen, wir hatten eine andere Einstellung zum Leben. Es gibt doch an sich keinen Abschluss, es gibt keine Rente, keine Sicherheit. So etwas war uns wurscht, es geht ja nicht um die Befriedigung anderer mit Filmprodukten, die man macht.
Kommt Ihnen die Rolle von Lehmanns bestem Freund Karl entgegen, weil der ein Künstler ist, wie Sie ja auch?
Buck: Nein, das empfinde ich nicht so, ich würde nicht sagen, dass ich Künstler bin. Gut, ich mache Dinge, die künstlich sind, Kunst ist ja nicht Realität - ich sehe mich aber nicht als darstellender Künstler. Ich beobachte Dinge und manchmal denke ich mir etwas bei meiner Arbeit.
Gab es denn in Bezug auf Ihre künstlerische Arbeit Phasen, wo Sie ähnliches durchgemacht haben, wie der Karl im Film, der ja meistens die Nacht zum Tag macht?
Buck: Ja, so was ist mir keineswegs fremd und das war auch wichtig. Sonst wäre das Leben ja nur ein Automatismus. Sich zum Lunch treffen, abends ins Fitnessstudio latschen, schlank sein, um zehn Uhr im Bett sein, damit man dann wieder um sechs aufsteht - davon halte ich gar nichts ... Ich kenne ein paar Kameraleute, die in LA gearbeitet haben und dann aber zurückgekommen sind, weil sie es sozial nicht mehr auf die Reihe gekriegt haben. Weil alles läuft dort nur businessmäßig, das geht vielleicht auch ab wie Rakete - aber abends wird's dann eben ein bisschen langweilig.
Sie haben selbst erfolgreiche Filme gedreht wie "Sonnenallee" oder "Wir können auch anders" - hatten Sie bei der Arbeit an "Herr Lehmann" hin und wieder das Bedürfnis in die Regie-Arbeit einzugreifen?
Buck: Nein, so was mache ich nicht. Leander Haußmann sagt zwar, er möge das, wenn ich viele Fragen stelle, aber ich mische mich da eigentlich nicht ein. Nur wenn die Sache kostenmäßig aus dem Ruder läuft, habe ich kein Bock, den Kopf hinzuhalten. Wenn die Sache übers Budget geht, dann wird's ja kriminell.
Es war aber auch eine gute Produktion, die hat Spaß gemacht. Es war eine gute Stimmung am Set und das ist wichtiger, als dass ich dort jetzt meine Meinung durchsetzen wollte. Ich kann ja auch gerne mal zuhören.
Wie war denn Regisseur Leander Haußmann?
Buck: Leander ist so ein Regisseur, der zwischendurch einfach mal sagt "wir fahren jetzt alle zusammen Boot" und so den Druck rausnimmt, er hat nicht diesen durchweg starren Blick auf das Endprodukt. Allerdings kannst Du einen Film wie "Herr Lehmann", wo Leute so durch die Gegend philosophieren, auch schlecht so exekutieren, wie einen Michael Bay-Film - außerdem haben wir weniger Explosionen.
Hatte Ihnen denn eigentlich das Buch "Herr Lehmann" von Sven Regener gefallen? Und wie beurteilen Sie dazu nun den Film?
Buck: Ja, ich glaube, sonst hätte ich den Film gar nicht mitgemacht. Denn du trägst ja nicht die Verantwortung für etwas, was du scheiße findest - da wird es schwierig.
Und ob die Leute dann den Film mögen, ist mir erst mal sowieso egal. Diese Haltung habe ich mir noch von der Akademie erhalten, und ich denke, das ist auch sehr gesund. Ich weiß aber, dass der Film Charakter hat, es ist ein eigenartiger Film, der seine eigene Speed hat, der für sich selber was macht. Er ist nicht wie viele andere xy-Filme, die immer eine straighte Geschichte bringen wollen mit einem moralisch integren Superende. Viele Flime versuchen ja nur, die Leute zu unterhalten. Da lobe ich mir meine Ausbildung und sage: das ist mir doch egal, ich bin nicht dazu da, andere zu unterhalten. Ich bin da, um das zu machen, was ich für wichtig halte. Diese Meinung war bei mir immer vorhanden und ich finde, die kann ab und zu wieder durchkommen. Denn dieses an-den-Hals-Gewerfe von unsicheren Filmemachern ist so fürchterlich und führt zu einem dermaßigen Einerlei, öde und langweilig.
Über den Film wurde schon lange vor Kinostart berichtet und ein Trailer in die Kinos gebracht - hat man versucht, gewissermaßen einen Hype zu erzeugen?
Buck: Nein, einen Hype wird's um "Herr Lehmann" nicht geben. Man kann auch davon ausgehen, dass "Herr Lehmann" nicht Mainstream wird. Aber nun muss man mit so einem Film erst mal überleben, wenn man ihn in die Kinos bringt.
Aber stützt man sich doch dabei doch ein wenig auf den Erfolg des Romans, der ja sehr lange in den Bestseller-Listen war.
Buck: Also, 200.000 verkaufte Hardcover-Exemplare, das sind vielleicht maximal 600.000 Leser - das ist nicht Mainstream. Man muss aber nun mal als kleiner Verein - der man gegenüber den großen Verleihern nun mal ist - irgendwo versuchen, zu überleben. Also wirst du wohl alles riskieren und machen, damit der Film irgendwie ankommt. Ansonsten kannst du das bei so einem Film vergessen. Irgendwann kannst du es in Deutschland sowieso vergessen, einen Film zu machen, der nicht emotional versucht sich von 8-80 Jahren irgendwo aufzuhängen. Irgendwann hast du dann nur noch schnelle Mädchen und kannst dann auch bald die "Schnelle Gerti" ins Kino bringen.

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Wie beurteilen Sie denn den kommerziellen Erfolg von "Goodbye Lenin!"?
Buck: "Goodbye Lenin!" war nie kommerziell, niemand hat das vorher so eingeschätzt, die haben zuerst nur 400.000 Besucher erwartet. Das war schon ein Wunder, so was weiß aber niemand vorher. Wenn tatsächlich mal ein deutscher Film über die 1 Million-Besuchergrenze wackelt, dann ist das ein Wunder.
Sind das dann aber gute Filme?
Buck: Gute Filme haben mit dem Erfolg an der Kasse ja gar nichts zu tun. "Goodbye Lenin!" war eine einschlägige Geschichte. Wolfgang Becker hat sehr detailliert und liebevoll einen kleinen Film gemacht, der schöne Sequenzen hat und nicht unangenehm daherwackelt. Ich fand den schon angenehm. Allerdings fand ich "Sonnenallee" noch originärer, schräger und skurriler.
Unsere Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic - welche Figur sind Sie?
Buck: Ich wäre "Leutnant Blueberry", die Comics habe ich früher immer gelesen. Das ist so ein alter Sheriff, der immer schwer mit den Rothäuten zu tun hat, immer reitet, immer schlecht gelaunt ist - und auch ein vollkommener Macho.
NDR Online, 18.01.2010
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=589 | © planet-interview.de | Foto: Delphi Filmverleih
18:07 Uhr, am 21. Dezember 2009 | LeticiaWation
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