04. September 2008
Leseansicht
Der Psychologe David Riha (pro Familia) über sozial ungleiche Schüler, Bildungskompetenzen und die zukünftige Aufgabe der Institution Schule

© privat
Mit dem Wandel der Familie unter Globalisierungsbedingungen erhöht sich die Betroffenheit von Kindern durch Benachteiligung und Armut. Nach dem neuesten Armutsbericht der Bundesregierung sind in Deutschland mit etwa 2,5 Millionen ca. 20% aller Kinder arm, doppelt so viele wie 2004. Die daraus resultierenden Einschränkungen hinsichtlich der in die Schule eingebrachten Lernfähigkeiten definieren das Aufgabenfeld der Institution Schule in Zukunft neu, so der Psychologe David Riha. Er arbeitet in Brandenburg für den Verband pro Familia.

"Die soziale Schicht bestimmt den Schulerfolg in keinem anderen Land so stark mit wie in Deutschland. "
Voriges Zitat
"Kinder brauchen unbelastete Erziehungspersonen."
Voriges Zitat"Schule kann nicht mehr lediglich Wissen vermitteln, sie muss kompensatorisch auch Familienfunktionen übernehmen."
Beim Userview stellt ihr die Fragen. Wir kündigen euch einen Interview-Partner an - und dann seid ihr dran: Im Formular könnt ihre eure Fragen stellen (ohne Registrierung möglich) und die Fragen anderer Leser bewerten (erfordert Registrierung). Die besten 10 Fragen werden von uns im Interview gestellt und die beste Frage mit einem Preis honoriert. Das geführte Interview erscheint wenige Tage später exklusiv auf Planet Interview.
Wir behalten uns vor, beleidigende, rassistische oder sonstwie menschenverachtende Fragen kommentarlos zu löschen. Doppelte Fragen werden ebenfalls gelöscht.
Herr Riha, inwieweit ist Armut relevant für schulische Bildung? Sind für den Lehrer denn nicht alle Schüler gleich?
Riha: Nein, leider nicht. Wertet man die PISA-Daten nach der sozialen Schichtzugehörigkeit aus, wie es bereits 2003 die Forscher Tillmann und Meier getan haben, so stellt man fest, dass die soziale Schicht den Schulerfolg in keinem anderen untersuchten Land so stark mitbestimmt wie in Deutschland. Die ärmsten Kinder sind also auch die mit den geringsten Bildungschancen. Bei gleicher Intelligenz und gleichen Leistungen bekommt z.B. ein Facharbeiterkind drei Mal seltener die Empfehlung fürs Gymnasium als ein Akademikerkind.
Werden arme Kinder also von Lehrern diskriminiert?
Riha: So vereinfacht kann man das nicht sagen. Zum einen spielen sicherlich tatsächlich Selektionsprozesse eine Rolle, wobei Lehrer ihre Empfehlungen für ein Kind aber eher danach auswählen, inwieweit es für eine längere Schullaufbahn durch das Elternhaus ökonomisch und ideell unterstützt werden kann. Hier ist etwa mit einzubeziehen, dass mit einem Gymnasialbesuch längere Kosten und Abhängigkeiten verbunden sind als mit einem niedrigeren Bildungsabschluss. Zum anderen ist bedeutsam, welche Bildungskompetenzen und welches Förderungswissen bei den Eltern von Lehrerseite wahrgenommen wird. Das wiederum hängt auch von deren eigenen Bildungsstand ab – somit werden Bildungschancen quasi weitergegeben. Drittens ist von erheblicher Bedeutung, ob die Eltern bereits frühzeitig förderliche Entwicklungsbedingungen anbieten können, welche die Vorraussetzungen für eine „positive Schulkarriere“ in Form von so genannten „Basiskompetenzen“ anlegen.
Was sind das für Kompetenzen und wie kann man sie fördern?
Riha: Am sinnvollsten ist hier wohl die Unterscheidung zwischen „Bildungs- und Nutzerkompetenzen“. Bildungskompetenzen sind etwa die Fähigkeit, sich längerfristig auf bestimmte Aufgaben zu konzentrieren, ein gewisses mathematisches Grundlagenwissen, sprachliche Fähigkeiten und eine rasche Auffassungsgabe. Nutzerkompetenzen sind all die Fähigkeiten, die nötig sind um die Lebensumwelt Schule als Lernangebot überhaupt nutzen zu können, also Motivation, Selbstsicherheit, emotionale Stabilität und soziale Fähigkeiten. Diese werden jedoch nur dann ausreichend gefördert, wenn Eltern bereits frühzeitig anregende Entwicklungsbedingungen anbieten können. Hierzu gehört neben einer gesunden Ernährung und anregendem Spielzeug auch eine angemessen große Wohnung und ein erträgliches Wohnumfeld mit Freizeitangeboten. Dies ist vor allem bei Familien in Sozialen Brennpunkten, wo die Eltern oft in prekären Beschäftigungsverhältnissen angestellt sind, nur schwer zu gewährleisten. Auch die Eltern-Kind-Beziehung wird dadurch erheblich beeinträchtigt, denn Kinder brauchen unbelastete Erziehungspersonen.
Welche Rolle spielen dabei Veränderungen in Bezug auf Familien, z.B. die erhöhte Scheidungsrate?
Riha: In Deutschland gibt es einen perspektivischen Wandel des Familienbildes der „bürgerlichen Kernfamilie“, auf dem Schule in ihrer bisherigen Form basiert. So hat sich etwa der Anteil von Alleinerziehenden in den letzten Jahren systematisch erhöht was besonders in Ostdeutschland festzustellen ist, wo der Anteil alleinerziehender Eltern von 1996 noch 10 % derzeit auf 17 % gestiegen ist. Zudem gibt es eine Zunahme nichtverheirateter Eltern und sogenannter „Patchwork-Familien“, also Familien mit Stiefvätern bzw. -müttern (derzeit 8%). Diese neuen Familienformen sind besonders anfällig für zumindest zeitweilige Betroffenheit von Unterversorgung und Armut. Wie Studien belegen, wirkt sich aber auch eine nur zeitweise erlebte Armut entscheidend auf die Bildungs- und Nutzerkompetenzen von Kindern aus. Kinder, die in Armut aufwachsen, haben z.B. ein vierfach erhöhtes Risiko, Verhaltensstörungen zu entwickeln. Entsprechend berichten Lehrer in meinen Weiterbildungen von der Beobachtung, dass die Anzahl „schwieriger Schüler“ in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Dem entspricht auch, dass auch die WHO mit einer Zunahme der Zahl psychisch beeinträchtigter Kinder rechnet. Derzeit liegt deren Anteil bei etwa 15 – 20%. Im Jahr 2020 werden es nach Schätzungen der WHO 50 % mehr sein. Diese Prozesse lassen sich unter anderem plausibel auf ökonomische Benachteiligung und riskante Lebenslagen von Familien zurückführen.
Wie wirken sich diese Prozesse auf das Aufgabenfeld der Schule aus?
Riha: Schule in ihrer jetzigen Form ist trotz sehr engagierter Reformationsbemühungen im Bildungswesen noch nicht in der Lage, vor allem das Fehlen von Nutzerkompetenzen auszugleichen. Das lässt sich darauf zurückführen, dass die Konzeption von Schule als Bildungseinrichtung immer noch von dem Vorhandensein einer Kernfamilie ausgeht, welche eine ausreichende vorschulische wie schulbegleitende Förderung vornehmen kann. Dies wird in Zukunft jedoch seltener der Fall sein, da alternative Familienformen zunehmen werden, die unter den gespannten wirtschaftlichen Bedingungen der Globalisierung häufiger von riskanten Lebenslagen betroffen sind. Man kann somit sagen, mit dem Verschwinden der Mittelschicht macht Armut Schule - in dem Sinne, dass die Aufgaben von Schule durch einen Kompetenzwandel ihrer Zielgruppe „gemacht“ werden. Schule kann also nicht mehr lediglich Wissen vermitteln, sie muss kompensatorisch auch Familienfunktionen übernehmen.
Welche Lösungswege sehen Sie?
Riha: Vielversprechend ist bereits die zunehmende Verfügbarmachung von Ganztagsangeboten, die für Schulen und Pädagogen oft eine beträchtliche Umstellung bedeuten. Durch Ganztagsangebote vor allem im Grundschulbereich können suboptimale Entwicklungsbedingungen in benachteiligten Elternhäusern recht gut kompensiert werden. Durch die bessere Einbindung von fachlichen und nichtfachlichen Angeboten, eine größere Verweildauer in der Institution und eine bessere Förderungsmöglichkeit in multiprofessionellen Teams (also in Kooperation mit Sozialpädagogen, Erziehern und Psychologen) kann sich Schule als integrative, bindungsfördernde Lebensumwelt einbringen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass sich Schule als Netzwerkbestandteil versteht und mit Einrichtungen der Jugendhilfe, der Familienberatung und der Familienpädagogik kooperiert. Insbesondere die Familienpädagogik kann Eltern helfen, auch in angespannten Lebenslagen Ressourcen zu entwickeln.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=823 | © planet-interview.de | Foto: privat
» Für den Scheiß zahle ich keine Gebühren. (über das öffentlich-rechtliche Fernsehen)«
Focus Online 27.01.
sueddeutsche.de 14.01.
Berliner Morgenpost 14.01.
RP Online 14.01.
Frankfurter Rundschau 12.01.
Nigel Kennedy zählt zu den Promis unter den Geigern. Im ausführlichen Interview spricht er über Vielseitigkeit, Musikgeschmack, Erziehung und sein Verhältnis zu den Royals. VÖ: Dezember 2011
Sarah Kuttner legt mit "Wachstumsschmerz" ihren zweiten Roman vor. Wir sprachen mit ihr über die "Third Life Crisis", hässliches Fernsehen und warum sie kein Quotenbringer ist VÖ: Dezember 2011
Roland Kaiser über sein neues Leben, treue Fans, Klatschblätter und starke Frauen VÖ: Dezember 2011
Fabian Heilemann und Ferry Heilemann über die Gründung ihres Rabattportals „DailyDeal“, selbstgebastelte Gutscheine und kopierte Internet-Ideen
Gary Oldman über seine schweigsame Rolle in „Dame, König, As, Spion“, Angst vor zu großen Fußstapfen und die Analog-Ära
Extremsportler Joey Kelly über seinen 900 Kilometer langen Deutschlandlauf, körperlichen Ausnahmezustand, Essen aus dem Mülleimer und das Leben in der Öffentlichkeit