Geiger David Garrett über Crossover-Projekte, Klassik-Vermarktung und warum er eigentlich lieber in kleinen Sälen spielt

© DEAG
David Garrett war ein „Wunderkind“. 1980 in Aachen geboren begann er mit vier Jahren, Geige zu spielen. Mit zehn konzertierte er bereits als Solist mit den Hamburger Philharmonikern, drei Jahre später nahm ihn die „Deutsche Grammophon“ unter Vertrag. Mit 17 gönnte er sich eine fünfjährige Konzertpause, ging nach New York, wo er an der Juilliard School studierte. Garrett spielt sowohl klassische als auch Crossover-Konzerte, bei denen neben klassischen Werken auch Pop-Arrangements auf dem Programm stehen. Das folgende Interview entstand im Dezember 2007 in Berlin.

"Ich glaube nicht, dass man anders sein kann nur weil man anders sein will. Das passiert instinktiv."
Voriges Zitat
"Natürlich ist es ein Geschäft, deswegen heißt es ja auch „Musikgeschäft“. "
Voriges Zitat"Titte raus und Arsch... Sorry, aber das ist dann halt Geschäftemacherei."
Beim Userview stellt ihr die Fragen. Wir kündigen euch einen Interview-Partner an - und dann seid ihr dran: Im Formular könnt ihre eure Fragen stellen (ohne Registrierung möglich) und die Fragen anderer Leser bewerten (erfordert Registrierung). Die besten 10 Fragen werden von uns im Interview gestellt und die beste Frage mit einem Preis honoriert. Das geführte Interview erscheint wenige Tage später exklusiv auf Planet Interview.
Wir behalten uns vor, beleidigende, rassistische oder sonstwie menschenverachtende Fragen kommentarlos zu löschen. Doppelte Fragen werden ebenfalls gelöscht.
David, du hast dich mal als Teil der MTV-Generation bezeichnet – was konkret heißt das?
Garrett: Ich bin in einer Zeit mit vielen Lastern aufgewachsen, Konsum, Internet, Fernsehen usw. das gehört ja heutzutage alles dazu. Deswegen weiß ich, worauf junge Leute reagieren. Natürlich bin ich auch mit der Tradition der klassischen Musik großgeworden, aber heute macht es mir genauso viel Spaß, die Möglichkeiten ein bisschen auszureizen und nicht nur rein klassisch zu spielen.
Wie schwer ist es, klassische Musik mit Elektronik zu mixen, ohne dass es billig klingt?
Garrett: Das ist glaube ich gar nicht so leicht. Aber das Ergebnis empfindet eben jeder anders und man kann nie alle glücklich machen. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man an sich selbst gute Qualitätsmaßstäbe setzt. Und ich übernehme für mein Projekt auch die volle Verantwortung...
Gibt es für dich Tabus? Klassische Werke, die du niemals elektronisch arrangieren würdest?
Garrett: Ja, da gibt es schon Dinge, wo man vielleicht ein bisschen vorsichtiger ist. Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, ein Violinkonzert von Beethoven zu verpoppen. Da sind Berührungsängste schon da, auch weil ich mit dieser Musik aufgewachsen bin. Andererseits: das sind nur ganz minimale Berührungsängste. Ich bin schon ziemlich offen, wenn es darum geht, irgendwelche Sachen zu mischen.
Magst du den Begriff „Crossover“?
Garrett: Auf alle Fälle. Mir macht es sehr viel Spaß, Crossover zu spielen und ich glaube, dass das auch ein bisschen das Eis bricht, für die Klassik.
Eine Strategie der Plattenfirmen...
Garrett: Insgesamt ist natürlich klar, dass Plattenfirmen Crossover-Projekte bevorzugen, weil sie wissen, dass das ein größerer Markt ist.
Und weil das Publikum größer ist trittst du auch anders auf, als in klassischen Konzerten, oder?
Garrett: Ja, man muss immer wissen, wann man als Künstler mehr Persönlichkeit zeigen kann, durch Klamotten usw. Das würde ich zum Beispiel in der Berliner Philharmonie bei einem seriösen Violinkonzert nicht machen, das passt auch nicht. Dazu mag ich die Musik zu gern und dafür habe ich auch zu viel Respekt vor der Tradition. Wenn ich dann aber selbst ein Konzert gestalte, wie jetzt auf meiner Tour, da ist es eine ganz andere Geschichte. Da bin ich den ganzen Abend lang Alleinunterhalter und kann mir Freiheiten nehmen, die ich nicht habe, wenn ich mit einem Orchester spiele.
Was genau erwartet den Zuschauer in deinen Konzerten?
Garrett: Ich spiele anderthalb Stunden Programm, zusammen mit einem Gitarristen, Drummer und Pianisten. Wir führen sowohl durch ein klassisches als auch Crossover-Programm, das geht kreuz und quer, von Paganinis „Caprice“ bis „Nothing Else Matters“ von Metallica, von Bernsteins „Somewhere“ zur „Carmen-Fantasie“ von Bizet oder „Claire de Lune“ von Claude Debussy.
Du hast bereits in großen Hallen vor mehreren Tausend Zuschauern gespielt. Magst du diese riesigen Räume eigentlich?
Garrett: Ich habe es lieber, wenn es klein ist. Der perfekte Saal wäre für mich so mit 450 bis 600 Zuschauern. Das ist am angenehmsten, ich höre den Ton auch besser, wenn es kleiner ist. Bei so einer riesigen Halle habe ich immer das Gefühl, ich erreiche nicht jeden. Ein kleiner Saal, wo ich jeden Zuschauer sehen kann, ist mir einfach lieber.
Und nach dem Konzert, bekommst du etwas mit vom Fan-Rummel?
Garrett: Nein, ich bin da immer zu müde. Ich gehe immer direkt schlafen nach einem Konzert. Das hört sich jetzt furchtbar langweilig an, aber da ich morgens meistens sehr früh raus muss hört mein Akku abends so gegen 11 Uhr auf. Vielleicht trinke ich noch ein Bier an der Bar, aber dann geht’s wirklich ins Bett, weil es am nächsten Tag in der Regel wieder früh losgeht.
Du kommst aus Aachen, lebst in New York, wenn du einmal die amerikanische mit der europäischen Musikkultur vergleichst?
Garrett: In den USA ist es auf jeden Fall extremer. Entweder ist es wirklich Metropolitan Opera, mit Anzug und Krawatte und alles pikfein - oder es ist halt wirklich R’n’B und Rock, da wird wenig vermischt. Und manchmal habe ich schon das Gefühl, dass sich mehr Rockmusiker und R’n’B-Künstler an der Klassik orientieren, als dass sich die Klassik-Leute an der Pop-Musik orientieren. Da wird viel gesampelt, werden Melodien verwendet – die Popmusiker haben da keine Berührungsängste.
Wie hat dich die Musikkultur in Deutschland geprägt?
Garrett: Ich bin als Kind oft von meinen Eltern in klassische Konzerte geschleppt worden – und ich bin auch gerne hingegangen, da gab es schon irgendwie den Drang, sich das anzuhören. Es gibt in Deutschland ja auch viele gute Orchester, und ich bin von dem Musikleben hier schon ganz klar geprägt.

Pop-Geigerin Vanessa Mae über Unterschiede zwischen akustischer und elektrischer Geige, ihr Album "Choreography" und dass sie sich fürs Tanzen schon zu alt findet

Geiger Gidon Kremer über seine Liebe zu Piazzolla, neue Komponisten und die Sehnsucht nach Stille

Mike Oldfield über das Komponieren, sein Verhältnis zur menschlichen Stimme, den Orchesterklang und intelligente Ipods in der Zukunft
Es gibt Tausende Nachwuchsgeiger – wie schwer war es für dich, etwas anders zu machen? Sich abzuheben von der Masse?
Garrett: Ich glaube, das passiert instinktiv. Man muss nach den eigenen Qualitäten suchen, ich glaube nicht, dass man anders sein kann nur weil man anders sein will. Man muss einfach man selbst sein, in der Musik wie im Leben. Und wenn man das Talent hat, dann wird es dazu auch reichen.
Welche außermusikalischen Faktoren spielen eine Rolle?
Garrett: Für die Vermarktung spielen natürlich viele außermusikalische Faktoren eine Rolle. Ich würde aber mal behaupten, dass gerade in der klassischen Musik diese Faktoren nie so wichtig sind wie in anderen musikalischen Genres. Kein Dirigent oder gutes Orchester wird dich einladen nur weil du gut aussiehst oder populär bist, die wollen Qualität haben. Da sind die sehr konservativ.
Im Gegensatz zu den Plattenfirmen...
Garrett: Das ist eine andere Geschichte, klar. Obwohl die auch mit guten Orchestern zusammenarbeiten müssen. Die etablierten Plattenfirmen müssen schon Künstler haben, die eine gewisse Qualität mitbringen.
Doch wurden von David Helfgott bis Andrea Bocelli schon eine Reihe CDs mit fragwürdiger Qualität auf den Markt gebracht.
Garrett: Ja, ich weiß. Wir leben ja nicht in einer perfekten Welt. Natürlich ist es ein Geschäft, deswegen heißt es ja auch „Musikgeschäft“.
Was hältst du zum Beispiel von „Bond“, den vier leicht bekleideten Geigerinnen, die zwischen 2000 und 2005 mehrere Crossover-Alben herausgebracht haben?
Garrett: Ich finde es immer wichtig, dass die Leute sich einschätzen können, alles andere ist mir eigentlich egal. Ich finde, Bond ist... kein Qualitätsprodukt. Obwohl die Mädels natürlich gut aussehen.
Was offenbar auch das wichtigste Kriterium bei der Zusammenstellung der Band war.
Garrett: Ja, aber dafür haben die ja auch keine Ambitionen ein klassisches Recital oder ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern zu spielen. Das wollen die nicht, können sie nicht und würden sie auch nie machen.
Kann eine Band wie Bond helfen, Hörer für Klassik zu interessieren?
Garrett: Ich würde Bond nicht als so ein Projekt bezeichnen. Ich finde schon, dass man nur Crossover machen sollte, wenn man auch die Substanz hat. Crossover selbst ist ja kein richtiger, eigenständiger Bereich. Da muss die Musik irgendwo her kommen, aus dem Pop-Bereich, aus dem R’n’B, aus der Klassik - um dann crossover mit einer anderen Musikrichtung zu spielen. Wenn du aber nur Crossover machst und nirgendwo herkommst, dann bringt das überhaupt nichts.
Bond haben nicht so eine Möglichkeit, die spielen ja keine Kammermusik nebenher. Und das finde ich ein bisschen schwachsinnig, weil es dann wirklich nur kommerziell ist. Das hat keinen tieferen Hintergedanken, keine Substanz, da geht es nur um: Titte raus und Arsch... Sorry, aber das ist halt so. Das ist dann halt Geschäftemacherei.
Und wenn man dir nun vorwerfen würde, kommerziell zu sein?
Garrett: Ich habe mein eines Standbein in der klassischer Musik und mache dieses Projekt, um ein breiteres Spektrum zu kriegen und damit die Leute später auch zu meinen klassischen Konzerten kommen. Das habe ich zum Beispiel in Asien gemacht: Ich bin dort nach der Veröffentlichung meiner Crossover-CD mit Beethoven, Brahms und Mozart getourt. Ich habe ein rein klassisches Recital gespielt - und die Konzerte waren auch ausverkauft, die Leute haben sich das volle zwei Stunden angehört und waren begeistert. Besser geht es doch gar nicht.
Mir ist schon seit der Kindheit aufgefallen, dass viele alte Leute in den Klassik-Konzerten sitzen. Ich sehe dabei das Problem nicht auf der Seite der Jugend, sondern ich sehe das Problem eher beim Konzept, wie die Klassik vermarktet wird. Ich finde, wenn jemand Qualität hat, ist es keine Schande, sich ein bisschen eine Brücke zu bauen, zu den jungen Leuten. Im Gegenteil, ich sehe das eigentlich als eine Verpflichtung von jedem Musiker, der jetzt nicht über 50 ist, sich ein bisschen für die Jugend einzusetzen.
Und wenn jetzt ein Kritiker kommt und zu meiner CD sagt: „Das ist alles Käse“ – muss ich sagen, dass genau diese Kritiker und Puristen die ersten sind, die aufschreien, wenn bei den Berliner Philharmonikern keine jungen Leute im Publikum sitzen. Da müssen die sich schon selber an die eigene Nase fassen.
Unsere Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic – welche Figur bist du?
Garrett: Ich fand Superman immer gut.
Das sagen viele, da musst du schon eine besondere Begründung liefern.
Garrett: Ja, weil ich auch zwei Leben habe. Das eine ist in New York, wo ich viele Freunde habe, die überhaupt keine Ahnung haben, was ich mache. Ich habe sozusagen ein alter Ego. Und wenn ich auf Tour gehe und vor vielen Tausend Leuten spiele, dann ist das eine ganz andere Figur. Die Person, die auf der Bühne steht und reist und viel Erfolg hat, die kennen die Leute in New York nicht. Dort bin ich mehr der Einzelgänger das hat dann mit Glamour auch überhaupt nichts zu tun.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=185 | © planet-interview.de | Foto: DEAG

27. Dezember 2008 | Tini
Auch wenn er immer ein bisschen überheblich und arrogant ist oder klingt, kann er das meiner Meinung nach auch. Er hat bei den besten gelernt die auch die besten Meinungen von ihn haben. Und das hat ja nun auch nicht jeder. Außerdem bin ich der Meinung das er nicht so viele CD's verkaufen würde wenn er so schlecht spielen würde oder alle nur nach seinen Aussehen gingen.

20. August 2008 | hq79
In der Tat spielen die Damen von Bond unabhängig voneinander nebenher weiterhin klassische Musik, auch (und das sicherlich ein Zeichen von Qualität) mit berühmten internationalen Orchestern. Der gute Herr Garrett ist ohne Frage ein Ausnahmespieler, allerdings stößt mir seine maßlose Arroganz, wenn es um die Bewertung seiner Kollegen geht mächtig auf. Seiner Meinung nach können weder Vanessa-Mae, noch Bond ernsthaft ihre Instrumente spielen und sind nur hübsche vermarktbare Mädchen. Daß er selbst mit 3-Tage-Bart und wallenden Haaren nichts anderes darstellt als ein hübsches vermarktbares Teenie-idol entgeht ihm hierbei. Er ist in meinen Augen ein verhätschelter, ichbezogener und viel zu sehr von sich überzeugter Virtuose, von dem ich hoffe, daß sein Horizont sich auch neben der Musik irgendwann etwas weitet. Der nächste "beste Violinspieler" steht sicherlich an irgendeiner Musikhochschule schon in den Startlöchern und findet dann eventuell genauso harsche Worte über ihn.

27. Juli 2008 | birgitta leimeister
vielen dank für die ehrliche beantwortung der fragen.es ist nicht immer leicht verschiedene welten zu leben.... :-) es ist wichtig eins zu sein mit dem was man tut.... :-)
in meinem leben gibt es 5 werte die alles möglich machen:
Liebe
Mut
Tolleranz
Aufrichtigkeit
Glaube
ich wünsche viele schöne augenblicke.... :-)
alles liebe birgitta leimeister
» Ich finde es beschämend, wenn du ein bestimmtes Programm nutzen willst und einer anderen Firma erst mal Geld für das Betriebssystem zahlen musst.«
Rekord-Wolkenkratzer - Wann hat der Höhenrausch ein Ende? (04. Januar 2010)
Konsum oder Kirche - Wozu brauchen wir Weihnachten? (21. Dezember 2009)
Kann man Wachstum per Gesetz beschleunigen? (14. Dezember 2009)
Wer blockiert den Klimaschutz? (07. Dezember 2009)
Leben wir im Überwachungsstaat? (30. November 2009)Passauer Neue Presse 09.03.
stern.de 09.03.
Nürnberger Nachrichten 08.03.
taz 08.03.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 07.03.
Aam 15. und 16. März zeigt Sat1 den TV-Zweiteiler "Die Grenze", der die Fiktion der Abspaltung Mecklenburg-Vorpommerns von Deutschland durchspielt. Produziert hat den Film Nico Hofmann mit seiner Produktionsfirma TeamWorx. Wir sprachen mit Hofmann über sozialen Brennstoff in der Gesellschaft und sein Produzentenleben. VÖ: März
2010 feiert Peter Maffay 40-jähriges Bühnenjubiläum, passend dazu bekommt er den "Echo" für sein Lebenswerk. Im ausführlichen Interview spricht er über seine jüngste Arbeit mit Orchester, nächtliche Fitnessübungen, sein Verantwortungsgefühl und den Preis des Erfolgs. VÖ: März
Daddy G von Massive Attack spricht im Interview über das Verschwinden des Album-Konzepts, junge Fans und warum die Band heute immer weniger Samples benutzt. VÖ: März
Gisela Mayer über über den Tod ihrer Tochter Nina beim Amoklauf von Winnenden, den Täter Tim Kretschmer und einen Mangel an Empathiefähigkeit in der Gesellschaft
Gitarrist Pat Metheny über sein Orchestrion, den Jazz-Begriff und die Technik als Trampolin
Michael Gwisdek über Orte, die ihn geprägt haben, den Film "Boxhagener Patz" und warum er Beerdigungen meidet