04. Dezember 2006
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Claudia Roth über ihren Berufsalltag, Inszenierung von Politik, ein Tanz-Duett mit Günther Beckstein und dass Parteifreunde „nicht unbedingt die Herzensfreunde“ sind

© Bündnis 90/Die Grünen [Privatfoto]
Claudia Roth (geboren am 15. Mai 1955 in Ulm) ist eine deutsche Politikerin und seit 2004 Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Ab 1982 war Roth Managerin der Rock-Band Ton Steine Scherben um Rio Reiser, bis diese sich zwei Jahre später wegen Verschuldung auflöste. Sie gehört seit 1987 den Grünen an, am 9. März 2001 wurde sie erstmals zur Bundesvorsitzenden der Partei gewählt.
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Frau Roth, wie viele Stunden haben Sie letzte Nacht geschlafen?
Roth: Außergewöhnlich viel, fast sechseinhalb Stunden. Wenn man fünf oder sechs Stunden gut schläft ist das ja auch OK. Aber es gibt politische Phasen, wo dieser Schlaf nicht allzu gut ist, wo du plötzlich aufwachst und denkst: „Auweia, was kommt am nächsten Tag auf mich zu.“ Oder ich konnte nicht schlafen, weil ich immer wieder hinterfragt habe was denn jetzt die richtige Entscheidung ist, der richtige Weg. Für einen richtig schönen, guten Schlaf, da muss ich weit weg fahren.
Sie tragen schwere Entscheidungen, die tagsüber anstehen, auch nach 20 Jahren Politik noch mit nach Hause?
Roth: Ja, schon. Ich habe wenig Distanz zu dem, was ich mache. Das ist sicher ein Vorteil, kann aber auch ein Nachteil sein. Ich kann ganz schlecht sagen „Jetzt ist Schluss mit der Politik, jetzt kommt das Private“, weil beides sehr stark miteinander verbunden ist. Außerdem gibt es von außen keine Anforderung, die mich dazu zwingt, mich auf etwas Anderes zu konzentrieren. Kolleginnen und Kollegen, die Kinder haben zum Beispiel, die haben dann auch eine Notwendigkeit, sich auf etwas anderes einzulassen. Das gibt es ja bei mir nicht.
Also sind Sie Full-Time-Politikerin geworden.
Roth: Ja, das fing schon 1985 an, als ich Pressesprecherin der Grünen wurde. In Zeiten, als es mit den neuen Technologien noch nicht so weit her war. Wir hatten kein Fax, keinen Computer, keinen dpa-Agentur-Ticker, gar nichts. Da habe ich mich manchmal auch gefragt: „Was passiert, wenn ein Atomkraftwerk hochgeht und du kriegst es nicht mit.“
Man versucht, immer konzentriert zu sein, schaut nachts noch die Nachrichten an oder Teletext, morgens dann das Morgenmagazin ... Man ist immer angespannt. Und heute, als Parteivorsitzende kann ich schließlich nicht sagen: „Ich bin jetzt mal komplett weg.“
Diese tägliche Informationsflut, sind Sie von der manchmal überfordert?
Roth: Ich komme an Grenzen. In meinem Job als Parteivorsitzende geht es innerhalb von ein paar Stunden um fünferlei Themen. Wenn wir montags unsere regelmäßigen Pressekonferenzen haben, dann musst du innerhalb von Nullkommanix alle Themen präsent haben. Das ist manchmal nicht leicht, den eigenen Ansprüchen zu genügen. Ich will alles notwendige wissen, wenn ich über ein Thema rede. Das ist manchmal schwierig, wenn ich das Gefühl habe, noch gar nicht alles durchdrungen zu haben.
Und damit beschäftigen Sie sich dann auch in Ihrer ‚Freizeit’?
Roth: Dazu bin ich oft gezwungen, aber ich kann mir auch Freiräume schaffen, wo ich völlig abschalte, gerne auch manchmal nachts vor dem Fernseher.
Tatsächlich?
Roth: Bisweilen ist das für mich die eigentliche Entspannung. Oder ich versuche zu lesen. Aber eigentlich setzt sich die Beschäftigung mit Politik bei mir Zuhause fort. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, zu sagen, ich gehe jetzt ökonomischer mit den eigenen Kräften um. Aber ich glaube, ich kann das nicht wirklich.
Haben Sie es nie bereut, in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei den Grünen wenig Zeit für ein richtiges Privatleben gehabt zu haben?
Roth: Nein, dass habe ich nicht bereut. Denn was nützt es denn? Mich hat ja niemand gezwungen. Ich mache das ja freiwillig und mit großer Überzeugung. An meiner Biographie wird allerdings schon deutlich, dass das auch einen Preis hat. Vor 20, 25 Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, Kind und Beruf miteinander zu vereinbaren. Damals wäre das in der Tat sehr schwer gewesen.
Und wie ist es heute?
Roth: Wir haben immer noch diese Debatte der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ganz aktuell, Stichwort: familiengerechte Betriebe. In den letzten 25 Jahren hat sich diese Frage natürlich auch bei mir gestellt, aber ich wollte nicht halb Mutter und halb Politikerin sein. Ich wollte nicht alleinerziehend sein. Wenn ich was mache, dann will ich es ganz machen und das kostet dich auch was. Und wenn manche Leute sagen: „Boah, wen du alles kennst, das ist ja aufregend und super und toll,“ stimmt das natürlich, aber es gibt auch die andere Ebene. Es gibt tatsächlich nicht die eigene Familie, es gibt kein Leben mit Kind, es gibt keinen Vorgarten, den man pflegen kann. Da darf man sich nichts vormachen. Das Leben als Person des öffentlichen Lebens ist schon anders, das hat schon auch eine Enteignung zur Folge. Aber auch da jammere ich nicht rum.
Sie haben lange als Dramaturgin am Theater gearbeitet. Inwiefern gehört die öffentliche Inszenierung für einen Politiker mit zum Spiel?
Roth: Das gehört stark dazu. Ich finde das auch gar nicht despektierlich. Man stellt etwas dar, eine Rolle, ein Engagement. Ich wundere mich schon, dass sich manche Politiker gar nicht oder zu wenig überlegen, was es für Regeln auf der Bühne gibt. Die kann ich zwar auch nicht immer einhalten, aber Kostüm und Maske, Gestik und Sprache sind schon wichtig. Entscheidend ist dabei allerdings, dass man damit auf dieser Bühne Inhalte vermittelt, für seine Überzeugungen streitet. Authentizität und Glaubwürdigkeit sind dabei ausschlaggebend.
Ganz wichtig ist, das habe ich bei Brechts Theorie gelernt: Du darfst dich selber als Person nie mit der Rolle verwechseln. Und ich glaube, dass viele Kollegen, die dann plötzlich nicht mehr in der ersten Reihe stehen, in absolut schwarze Löcher fallen, weil sie gedacht haben, dass sie so furchtbar wichtig sind. Aber Sie reden ja jetzt auch nur mit mir, weil ich eine bestimmte Funktion habe. Funktion und Person darf man nicht verwechseln. Mir hat es geholfen, mich als Person nicht so wichtig zu nehmen. Es kann ja auch schnell wieder vorbei sein.
Sie gehen auch als Privatperson in die Öffentlichkeit, wie bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, oder in verschiedenen Fernsehshows, wie dieses Jahr beim „Großen Persönlichkeitstest“ im ZDF oder 2002 in der „80er Show“ auf RTL. Gehört das auch mit zum Spiel?
Roth: Bayreuth und privat? Na ja, das ist auch nur relativ. Ich war mit meiner Mutter da und habe entsprechend überlegt, was ich anziehe und bin dann ziemlich provokant hingegangen. Das hat es mir erleichtert. Letztendlich war es auch ein Spaß für mich. Ich bin ja auch furchtbar dafür geprügelt worden.
Wenn ich von Rolle spreche, dann muss sie glaubwürdig sein. Die Dinge, die ich vertrete, müssen etwas mit mir zu tun haben. Zu der Show „Persönlichkeitstest“ bin ich nach dem langen Bundestagswahlkampf 2005 und den Auseinandersetzungen nach dem Regierungswechsel gegangen. Da habe ich gedacht: „Jetzt können sie mich alle mal, jetzt möchte ich mal etwas anderes machen, das geb’ ich mir jetzt.“ Da habe ich mir einen Spaß draus gemacht. Aber ich werde zu so unglaublich vielen Dingen eingeladen, das meiste sage ich ab.
Aber die „80er Show“...
Roth: Das waren genau meine Hits. Das hatte etwas mit meiner Geschichte zu tun, in der Show waren auch viele Künstler, die ich noch aus einer anderen Zeit kenne. Ich weiß, das ist eine Gratwanderung. Aber ich finde eben manchmal auch eine Frau Salesch ganz amüsant, das gefällt mir. Damit verliere ich auch nicht den Anschluss an das, was in diesem Land sonst noch so passiert und komme mir nicht so vor, als würde ich mich in einer Zitadelle der Macht einmauern.
Im einem Gespräch mit der ZEIT haben Sie gesagt, dass Sie aufgrund Ihrer Arbeit weitgehend auf ein soziales Umfeld verzichten. Wie ist es denn auf der Arbeit mit Freunden? Haben Sie bei den Grünen mehr Freunde oder mehr Kollegen?
Roth: Mehr Kollegen. Wirkliche Freunde hast du nur ganz wenige, aber das sind dann richtige Freunde, und die gehen weit über das grüne Spektrum hinaus. Die begleiten mich und sind wie eine Familie für mich. Und das Gute an diesen Freunden ist, dass sie mich nicht wahrnehmen als das, was ich gerade mache, sondern wie ich als Person bin. Die kontrollieren, ob ich noch normal bin. Ob ich noch weiß, wie das ist, wenn man mal die Miete nicht bezahlen kann oder ob ich noch die Fähigkeit habe, zuzuhören.
Klar habe ich auch Freunde innerhalb der Partei. Aber wenn wir sagen „Liebe Freunde“, statt „Liebe Genossen“, dann sind’s Parteifreunde, aber nicht unbedingt die Herzensfreunde.
Inwiefern spielen bei Ihren Freundschaften politische Ansichten eine Rolle?
Roth: Ich habe Freunde, die gar nicht grün sind. Da spielen Ehrlichkeit und Treue eine große Rolle. Wobei, wenn es enger und intensiver wird, kann ich mir vorstellen, dass es dann auch unvereinbare Ansichten gibt. Aber ich habe mir nie Freunde nach irgendeinem politischen Raster ausgesucht.
Sie erwähnten auch schon mal, dass Sie mit der Bundeskanzlerin gerne mal ein Glas Wein trinken. In Ihrem Buch schreiben Sie nun, dass Frau Merkel deutsche Truppen in den Irak geschickt hätte. Spielen solche großen Unterschiede in der politischen Meinung bei einem Glas Wein keine Rolle?
Roth: Doch. Aber die kann man ja bei einem Glas Wein zivilisiert austauschen. Ich fände es schlimm, wenn man mit Scheuklappen durch die Gegend rennt und Menschen gar nicht mehr als Menschen wahrnimmt. Man muss sich ja auch für andere Positionen öffnen, vielleicht kann man die eigene daran schärfen. Ich halte viele Dinge, die Frau Merkel macht, für politisch falsch. Gleichwohl kann ich sie doch als Person achten. Das erwarte ich ja auch umgekehrt.
Ich selbst habe diese Toleranz vor allem im EU-Parlament gelernt, da war die europäische Schule ganz wichtig in Bezug auf Offenheit und das Kennenlernen von unterschiedlichen politischen Kulturen. Die italienische politische Kultur ist eben anders als die schwedische. Und die deutsche ist wiederum anders als die niederländische.
Wie hat sich das auf Ihre politische Arbeit ausgewirkt?
Roth: Ich habe erstens gelernt, wie deutsch ich bin. (lacht) Und zweitens, dass so, wie ich auf meine politischen Inhalte bestehe, andere politische Inhalte natürlich auch ihre Berechtigung haben. Man kann sehr wohl über politische Grenzen hinweg in bestimmten Punkten zusammenarbeiten. Ein konstruktiver Streit ist doch spannend. Ich brauche keine Leute, die immer genauso denken und reden wie ich.
Politiker unterschiedlicher Parteien sieht der Normalbürger meist nur im Parlament zusammensitzen. Findet aber abseits der Kameras auch ein politischer Austausch oder gar eine Abstimmung statt?
Roth: Natürlich gibt es hin und wieder Abstimmungen und Vereinbarungen jenseits der Kameras und Blitzlichter. Ich glaube, bei Männern mehr als bei Frauen. Männer haben diese besondere Fähigkeit, sich vor der Kamera zu beschimpfen und abends fröhlich beim Bier zusammenzustehen. Bei Frauen ist das oft schwieriger. Die sind dann so in ihrem Thema, ihrer Überzeugung drin und denken: „Mit dem kann ich nie was anfangen“, oder „Was hat die denn für Auffassungen?“ Ich glaube es lohnt sich, über die eigenen Grenzen zu springen.
Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem Sie über politische Grenzen gesprungen sind?
Roth: Manchmal finde ich es ganz schön, wenn es etwa mit dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein gute Gespräche gibt. Oder wenn ich mit ihm tanze, wie auf dem Augsburger Presseball im letzten Jahr. Das hat uns Spaß gemacht und die gesamte Außenwelt in einen Schockzustand versetzt. Ich weiß nicht, ob es ihm oder mir mehr geschadet hat – ich glaube ihm. (lacht) So was muss doch möglich sein. Ein bisschen mehr Leichtigkeit und weniger Verbissenheit. Aber es gibt andere, mit denen ich kein Glas Wein trinken würde.
Mit wem denn?
Roth: Das werde ich Ihnen gerade sagen.
Wir hatten noch Guido Westerwelle und Edmund Stoiber auf unserer Verdachts-Liste.
Roth: Bei Edmund Stoiber weiß ich gar nicht, ob er Wein trinkt – wahrscheinlich eher Apfelsaft im Weinglas. Mit Guido Westerwelle pflege ich einen kultivierten Umgang. Da gibt es harte inhaltliche Auseinandersetzungen, aber keine persönliche Feindschaft.
Verstehen Sie, dass manche Menschen kein Verständnis dafür aufbringen, wenn Sie mit Günther Beckstein tanzen? Es ist ja schon ein Widerspruch, den Sie der Öffentlichkeit erst mal klarmachen müssen.
Roth: Ja, aber das finde ich gut. Es ist ja hoffentlich auch eine positive Irritation. Ich glaube nicht, dass Politik dadurch erfolgreicher wird, wenn sie Feindschaften zementiert. Glaubwürdigkeit in der Politik wird auch dadurch gestärkt, dass man eine bestimmte Umgangsform deutlich macht, die nicht den Menschen in die Ecke stellt, sondern eine bestimmte politische Position kritisch hinterfragt. Ich habe es oft genug erlebt, dass nicht meine Politik kritisiert, sondern meine Person zum Feindbild erklärt wurde. Auf der anderen Seite gibt es viele Kollegen, die trotz unterschiedlicher Meinungen anständig mit mir als Person umgehen. Da gehört auch Günther Beckstein dazu. Was glauben sie, wie ich seit 20 Jahren mit ihm streite? Trotzdem hatte ich in all den Jahren nicht das Gefühl, dass er dabei gegen mich persönlich vorgeht.
Wir haben als Politiker eine Gesamtverantwortung. Es geht um unterschiedliche Ziele und Inhalte, aber deswegen muss doch die Person nicht per se an den Pranger gestellt werden. Bei den Inhalten sind CSU und Grüne weit auseinander, ganz besonders Günther Beckstein und Claudia Roth. Deshalb hat es auf dem Presseball einen Heidenspaß gemacht, als er sagte: „Claudia, jetzt tanzen wir!“
Frau Roth, Wie beurteilen Sie denn allgemein den Umgang der deutschen Medien mit Politik bzw. Politikern?
Roth: Das ist eine schwierige Frage. Ich würde mir manchmal eine Renaissance der Umgangsformen wünschen. Sich an gewisse Regeln zu halten, ist die Voraussetzung für eine gute Kooperation. Die Medien sind in unserer Demokratie ja von ganz entscheidender Bedeutung. Es geht um Transparenz, Recht auf Öffentlichkeit, Information – in dieser Informationsschwemme braucht es einen journalistischen Ethos. Und da habe ich schon so meine Erfahrungen gemacht: Ich führe ein Pressegespräch und lese dann genau das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe. Oder du begegnest Journalisten, die ein bestimmtes Bild von dir haben, und da kannst du sagen, was du willst – dieses Bild muss sich dann auch in deren Texten erfüllen, egal ob das jetzt mit mir zu tun hat oder nicht.
Ich würde mir manchmal mehr Fairness im Umgang miteinander und eine tatsächliche Objektivität wünschen. Natürlich weiß ich, dass ein Artikel über mich in der FAZ einen anderen Hintergrund hat, als ein Artikel in der taz. Aber gleichwohl kann man in der FAZ genauso behandelt werden wie in der taz und umgekehrt.
Fühlen Sie sich oft falsch behandelt?
Roth: Zumindest denke ich manchmal, dass es in diesem Berufsstand auch jemanden geben muss, der sagt, was passiert, wenn Leute an den Pranger gestellt werden. Wenn Leute zu Feindbildern gemacht werden, wenn überhöht wird, wenn es in sehr Persönliche geht. Die Politiker müssen natürlich auch vorsichtig sein. Man kann die Medien nicht auf der einen Seite dazu benutzen, sich als politische Person zu profilieren - mit Einblick in Haus, Hund, und Vorgarten – und auf der anderen Seite, wenn es einem zu viel wird, sagen: „Bitte dringt jetzt nicht mehr in mein Privatleben ein“.
Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit der Bild-Zeitung?
Roth: Über viele Jahre konnte ich mich über den Umgang von Springer mit meiner Person nicht beschweren. Und dann gab es tatsächlich ein richtiges Foulspiel, eine Geschichte, die mich in eine ganz blöde Ecke gestellt hat und die nichts, aber auch gar nichts mehr mit Wahrheit zu tun hatte.
Ich habe dann lange mit meinem Rechtsanwalt darüber geredet und der sagte, es wird höchste Zeit, dass sich Politiker auch mal dagegen wehren. Anstatt dass man sich das gefallen lässt, aus Angst, dass der nächste Artikel dann noch schlimmer wird.
Es war dann bei uns umstritten, ob so ein juristisches Vorgehen und die Erwirkung einer Gegendarstellung mir oder meiner Partei schadet, oder nicht. Aber ich glaube, es war gut, dass wir das durchgezogen haben. Auch, um wieder ein gleichberechtigteres Verhältnis zu installieren.
Geben Sie der Bild-Zeitung heute noch Interviews?
Roth: Wenn das zu einem sinnvollen Thema ist, ja. Ich mache keinen Boykott. Es gab natürlich andere Zeiten, wo wir versucht haben, nicht mit der Bild-Zeitung zusammen zu arbeiten, aus Gründen, die viel mit der Geschichte der Grünen zu tun hatten, mit Rudi Dutschke...
Aber es gibt heute auch Erfahrungen mit der Bild, wo ich sie unglaublich wichtig finde. Beispielsweise wenn es um Antisemitismus geht, da hält der Springer-Konzern dagegen, da sind die ’ne Bank.
Bei Antisemitismus vielleicht, aber bei Fremdenfeindlichkeit sieht das in der Bild doch mitunter anders aus.
Roth: Sicher gibt es auch bestimmte Kolumnen, die bisweilen in der Bild-Zeitung geschrieben werden, wozu ich mich dann genauso äußere und sage: So geht es nicht. Ich habe aber trotzdem keine schwarze Liste.
Der Autor Gerhard Henschel, der kürzlich ein Buch über die Bild-Zeitung geschrieben hat, sagt, die Politiker würden heute vor der Bild-Zeitung ‚kuschen’ oder mit ihr ‚paktieren’. Und wenn man sich anguckt, wie oft die Bild-Zeitung vom Presserat gerügt wird u.a. aufgrund der häufigen Verletzung von Persönlichkeitsrechten, fragt man sich natürlich schon, warum so viele Politiker heute mit dieser Zeitung zusammenarbeiten.
Roth: Ich kusche nicht und ich paktiere nicht. Ich habe immerhin gegen Bild geklagt und eine Gegendarstellung erwirkt. Das ist vielleicht auch eine Art von Bändigung gewesen, von einem bestimmten Stil, der tatsächlich zu weit geführt hat. Und ich weiß noch, Roland Koch kam danach zu mir, hat sich bei mir bedankt und gesagt: „Endlich traut sich mal einer.“
Ich weiß aber auch, wenn die Bild-Zeitung mich beispielsweise zum Thema Türkei befragt, dass die meine Meinung dann auch abdrucken. Und da trägt die Bild-Zeitung dann mit dazu bei, dass sich die Türken-Feindlichkeit zumindest in Grenzen hält und nicht weiter geschürt wird.
Können Sie verstehen, wenn jemand die Bild boykottiert?
Roth: Das ist ja meine Freiheit, mit wem ich rede und mit wem ich nicht. Natürlich gibt es immer mal wieder Begegnungen, wo ich sage: das brauche ich nicht noch mal.
Ich kann aber als Parteivorsitzende nicht sagen: Diese Zeitung, die so eine Bedeutung hat in unserem Land, lasse ich jetzt außen vor. Wenn an Deutschlands Urlaubstränden Menschen von Nazis totgetreten werden, habe ich ja auch ein großes Interesse daran, dass eine Bild-Zeitung dagegen hält. Und die Bild wird eben mehr gelesen als die taz.
Die Hauptsache ist es also, möglichst viele Menschen zu erreichen?
Roth: Ja, und zwar mit unseren Inhalten und in der Bild erreiche ich Menschen, die wir so sonst nicht erreichen. Gerade beim Thema Antisemitismus, da fand ich es zum Beispiel sehr gut, dass die Bild am Sonntag intensiv über die üblen Schreiben berichtet hat, die ich kriege. Über die Drohungen und darüber, wie meine Familie behandelt wird, mit Ausschnitten aus den ‚besten’ Briefen. So was erwartet man von der Bild-Zeitung ja eigentlich nicht.
Wenn man sich Ihren politischen Werdegang anschaut, ging es im Grunde immer steil nach oben – vom Amt der Pressesprecherin bis zur Parteivorsitzenden mit Regierungsbeteiligung. Als Sie 1985 bei den Grünen angefangen haben, hatten Sie da bereits die Vorstellung, dass diese neu gegründete Partei eines Tages Regierungsverantwortung übernimmt?
Roth: Also, mit diesem Bild „steil nach oben“ kann ich nix anfangen. Ich habe das alles ja nicht gemacht, um hinterher irgendwo oben zu sein. Mein Motiv war immer nur, etwas verändern zu können. Sich einmischen zu können, auch dieses „Ich will nicht akzeptieren, dass die Welt so ist, wie sie ist.“
Mir geht es nur gut, wenn ich mich dafür einsetze, dass es anderen nicht schlecht geht. Das war bei mir im Prinzip von Anfang so. Es gab zwar einen Bühnenwechsel, aber eigentlich mache ich heute nicht wirklich etwas anderes als vor 30 Jahren, das Motiv ist immer dasselbe geblieben.
Sie haben die 68er als Teeanger erlebt, Sie haben später gegen den Bau von Atomkraftwerken demonstriert, mit der Band „Ton, Steine, Scherben“ in einer Kommune gelebt – war der Einstieg in eine Partei für Sie völlig unproblematisch?
Roth: Als junger Mensch habe ich mir nicht vorstellen können, jemals in eine Partei einzutreten. Das war für mich undenkbar, denn die geschichtliche Erfahrung, der Nationalsozialismus, hat bei mir zu einer großen Distanz zur klassischen Partei geführt.
Auch die Erfahrungen in den 70ern, wo mir der Staat in der Konfrontation begegnet war, wo ich den Staat als Feind empfunden habe, der sich gegen mich aufstellt. Da habe ich mich gefragt: Wie kannst du daran etwas ändern?
Damals war das ein gewagter Schritt, eine Partei zu unterstützen, die dann auch noch für ein Parlament kandidiert – das war schon eine große Diskussion. Und dann noch die Vorstellung, in die Regierung zu wollen, geht das überhaupt?
Was hat Sie überzeugt?
Roth: Ich habe gemerkt, dass man so bestimmte Ziele durchsetzen konnte. Das ist ja der Maßstab: Wie kann ich meine Ziele am besten durchsetzen? Wenn ich gewusst hätte, ich setze sie außerparlamentarisch am besten und am effizientesten durch, dann wäre das der richtige Weg gewesen. Aber nicht zuletzt die Regierungsbeteiligung der Grünen oder die jetzige Große Koalition zeigt ja, dass es nicht egal ist, wer in der Regierung sitzt. Sondern dass du durch Regierungshandeln in diesem Land etwas änderst, selbst wenn du nur ein kleiner Koalitionspartner bist, Kompromisse eingehen musst und deine Position nicht zu 100 Prozent beibehalten kannst.
Das ist auch die Annäherung an den Begriff Macht. Wobei es noch vor Jahren völlig undenkbar gewesen wäre, als Grünen-Frau zu sagen: Ich will Macht. Als ich das vor drei, vier Jahren das erste Mal gesagt habe, da gab es ein großes Stirnrunzeln. Bei Joschka Fischer gehörte Macht natürlich dazu. Aber bei einer Frau ist das immer noch ein bisschen suspekt.
Selbst bei den Grünen?
Roth: Ja, als 2002 die taz zu unserem Parteitag ein Foto von mir abgedruckt hat und darüber geschrieben hat „Ich will Macht“, gab es Überlegungen, ob mir das nicht bei den nächsten Wahlen schaden würde. Ich finde aber, dass es jetzt auch mal möglich sein muss, zu sagen: „Ich will Macht“. Ich will ja nicht Macht um meiner selbst Willen, sondern ich will mit dieser Macht etwas verändern.
Wenn man dann diese Macht hat, hat man dann auch Schuldgefühle?
Roth: Schuldgefühle ... nein. Aber Zweifel. Zweifel, ob ich einer Sache zustimmen kann oder nicht. Wohin kann ich die Partei mitführen, wenn ich einem Afghanistan-Einsatz zustimme? Was bedeutet das für eine Grüne Partei, die dem Pazifismus und den Menschenrechten verpflichtet ist? Immer wieder zu hinterfragen: Ist das die richtige Entscheidung, ist das für diese Partei das Richtige? Ist der Kompromiss nicht zu wenig, könnte ich anders viel mehr erreichen, geht es in die richtige Richtung, wird damit erst mal nur eine Tür aufgemacht... Das sind dann auch diese schlaflosen Nächte. Zum Beispiel beim Zuwanderungsgesetz habe ich mich immer wieder gefragt: Reicht das jetzt aus? Geht das noch nicht, kannst du es scheitern lassen, musst du es nicht auch an einem bestimmen Punkt auch scheitern lassen?
Gibt es Entscheidungen, bei denen Sie im Rückblick sagen: Die hätte ich anders fällen müssen?
Roth: (überlegt lange) Im Regierungshandeln gab es sicher Entscheidungen, die hochproblematisch waren. Kosovo zum Beispiel. Wäre die Entscheidung so nicht getroffen worden, hätte es die sieben Jahre rot-grün überhaupt nicht gegeben. Und es hätte keine Kriterien gegeben dafür, wie man es nicht machen darf. Wenn du aus Entscheidungen, die problematisch sind, Konsequenzen ziehst für das, was dann kommt, dann finde ich es richtig. Und das haben wir wirklich gemacht, bei der Afghanistan-Entscheidung. Das war für mich die schwierigste Entscheidung in meinem politischen Leben, die hat mich wirklich an den Rand gebracht.
Haben Sie auch Fehler gemacht?
Roth: Ich habe sicher Fehler gemacht, ohne Zweifel. Aber die großen, wichtigen Entscheidungen, da stehe ich dazu. Die will ich auch nicht - weil ich jetzt in der Opposition bin - dementieren und sagen: Die Sozis schuld. Das macht dich ja nicht glaubwürdiger, dass du dich im Oppositionszustand plötzlich distanzierst von dem, was du sieben Jahre lang gemacht hast.
Wen konsultieren Sie vor schwierigen politischen Entscheidungen? Gibt es jemanden, den Sie immer vorher fragen?
Roth: Das sind dann die wirklichen Freunde innerhalb der grünen Partei, die aber nicht unbedingt die gleiche Meinung wie ich vertreten müssen.
Sind diese Personen auch in der Lage, Sie vom Gegenteil zu überzeugen?
Roth: Ja. Ich gehe da sehr offen rein. Wenn ich jemanden frage und der sagt mir das Gegenteil von dem, was ich denke, dann kann ich doch nicht einfach sagen „tja, dumm gelaufen für dich.“
Was beeinflusst sonst noch Ihre Entscheidungen?
Roth: Bei Afghanistan habe ich zum Beispiel versucht, mich daran zu orientieren, was in so einem Land eigentlich los ist. Was sagen die Leute dort, wie geht es den Menschen? Ich versuche, solche Entscheidungen immer auch an die Realität anzubinden. Ich war jetzt vier mal in Afghanistan, auch gerade erst wieder. Das ist für mich auch wichtig, dass man zurückkommt und fragt: Was hat so eine Entscheidung vor fünf Jahren bewirkt? Hat sich was verändert? Wo hat sich nicht genügend verändert?
Afghanistan ist immer noch ein hochgefährliches Land, eine Reise dorthin ist mit einem hohen Risiko verbunden. Wenn man dann noch dazunimmt, dass Sie aufgrund Ihres Politikerjobs wenig Privatleben haben, könnte man die Frage stellen: Sind Sie ein selbstloser Mensch?
Roth: Selbstlos? Weiß ich nicht. Auch nicht Hasardeur. Es gibt ja welche, die es super finden, in jedem Schützengraben zu liegen, sozusagen Russisches Roulette. Aber das bin ich nicht. Ich habe schon Interesse, wenn ich irgendwo hinfahre, auch wieder zurückkommen zu können. Aber ich empfinde keine Angst. Ich habe mich selbst entschieden in einem Bereich Politik zu machen, in dem es heftiger zugeht, als in anderen Bereichen. Wenn Sie Menschenrechtspolitik machen, dann ist das oft hart. Als ich 1999 in den USA den zum Tode verurteilten Walter La Grand in der Todeszelle besucht habe, was glauben Sie, wie schwer das für mich war? Diese Bilder, die kommen immer wieder zurück, die sind immer präsent. Aber weil ich das erlebt habe, lasse ich im Kampf gegen die Todesstrafe nicht nach. Genauso lasse ich meine Erfahrungen in die Flüchtlingspolitik einfließen, weil ich weiß, was ein Flüchtlingsschicksal bedeutet. Ali, einer meiner Mitarbeiter, ist aus dem Iran geflohen und als zu Hause seine Mutter starb, konnte er sich nicht von ihr verabschieden...
Also, in diesem Bereich erlebt man leider wenig Positives, es gibt nur wenige Erfolge.
Einen solchen Erfolg beschreiben Sie ja in Ihrem Buch, der Fall einer Flüchtlings-Familie aus dem Iran und ihrem geistig-behinderten Sohn, den man in Deutschland erst nicht einbürgen wollte ...
Roth: ...weil er nicht Deutsch spricht. Ja, eine harte Geschichte. Der wird sein ganzes Leben nie einen Satz formulieren können, weder auf Farsi noch auf Deutsch. Und dass er dann am Ende doch die deutsche Staatsbürgerschaft bekam, dass diese Familie jetzt wieder zusammen ist, das war wirklich ein schöner Erfolg. Um aber auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich empfinde mich nicht als selbstlos. Es ist auch nicht dieser christliche Altruismus, sondern das hat ganz viel mit meinem eigenen Wohlbefinden zu tun. Mir kann es nicht gut gehen, wenn es dem Nächsten schlecht geht. Dass ich gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus wirklich alles tue, was ich nur tun kann, hat ja auch mit Situationen zu tun wie wenn in Berlin in einem Lokal zwei alte jüdische Damen zu mir kommen und sagen: „Wir haben Angst in die Synagoge in der Pestalozzistraße zu gehen“. Da fühle ich mich nicht mehr wohl. Vielleicht ist das auch in gewisser Weise Egoismus, diese Suche nach einem Leben, wo auch ich mich wohlfühlen kann.
Schlafen Sie denn momentan gut?
Roth: Also, die Nächte in der letzten Woche waren kurz und heftig. Weil diese Afghanistan-Erfahrungen auch so widersprüchlich sind. Du gehst dort um sechs Uhr aus dem Hotel, fährst in den Hindukusch, um sieben kommt ein Anruf und du erfährst, dass dort, wo du gerade losgefahren bist, eine Bombe hochgegangen ist. Das ist schon eine große Unsicherheit.
Aber dann treffe ich die Fußballnationalmannschaft der Frauen in Afghanistan, und das ist für mich dann das Symbol. Dass da junge Frauen sind, die sagen: „Wir wollen Fußball spielen“. Sie dürfen es zwar noch nicht auf einem Rasen, sie müssen es hinter Mauern tun, auf einem Basketballplatz ... Aber da hat sich etwas verändert. An so einem Beispiel sehe ich dann, dass es sich lohnt, weiterzukämpfen.
Frau Roth, wir sprachen ja schon vom Theater, daher zum Schluss die Frage: Gab es mal eine Theaterfigur, in der Sie sich wiederentdeckt haben?
Roth: Unterschiedlich. Das erste Theaterstück, bei dem ich dachte „wow“, das war die „Mutter Courage“. Wobei mir damals die ganze Gebrochenheit dieser Figur noch nicht so bewusst war. Später fand ich dann zum Beispiel die Lysistrata eine schöne Figur in der Literatur - weil sie die Männer mit ganz weiblichen Mitteln bezwingt.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=309 | © planet-interview.de | Foto: Bündnis 90/Die Grünen [Privatfoto]
23:21 Uhr, am 11. Mai 2008 | Retnüg Grebnellusch
Hat Claudia Roth, MdB Komplexe? Wieso trägt sie bei jedem Interview andere Kleidung?
Auch sollte sie nicht zu allem und jedem einen (politischen) Kommentar abgeben.
E gibt ja eine jiddische Weisheit, dass man ein einmal gesprochenes Wort nicht zurücknehmen kann.
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