13. Juni 2005
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Regisseur Amos Kollek über seine New York-Trilogie, Anonymität in der Großstadt, Kino in Israel und Schuhe von Hanna Schygulla

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Voriges Zitat""
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Herr Kollek, Ihre Filme "Sue", "Fiona" und "Bridget" sind alle in New York entstanden, wo Sie selbst länger gelebt haben. Inzwischen sind Sie wieder nach Jerusalem gezogen. Hatten Sie genug von New York?
Kollek: Jerusalem ist eine sehr angenehme, leise Stadt, die Luft ist sehr sauber und trocken - New York ist das Gegenteil davon, feucht, laut, es heulen die ganze Zeit Sirenen und eigentlich hat man überall dieses Grundlevel an Lärm. New York ist halt eine sehr energische, aktive Stadt, wo es einem schwer fällt, seine Ruhe zu finden. Das ist in Jerusalem viel einfacher.
Wahrscheinlich ist man in Jerusalem auch nicht so einsam und allein, wie es Anna Thomson in Ihren Filmen in New York erlebt.
Kollek: Ich glaube, einsame Menschen gibt es überall. In New York ist das so ein großstädtischer Typ von Einsamkeit. Viele Leute kommen nach New York, weil sie Karriere machen wollen - und haben keine Familie in der Stadt. In Israel dagegen ist das Leben viel familienorientierter, da kommt es nur selten vor, dass jemand in seiner Stadt überhaupt keine Verwandten oder Freunde hat.
Und es herrscht keine so große Anonymität wie in New York, oder?
Kollek: Ja, das hat mich auch sehr betroffen gemacht: wenn du in Israel in eine neue Wohnung ziehst, lernst du sofort deine Nachbarn kennen, sie laden dich zum Kaffee ein usw. In New York dagegen habe ich oft jahrelang in Häusern gewohnt, ohne meine Nachbarn zu kennen.
Schreiben die Leute ihre Namen an die Tür?
Kollek: Nein, da stehen meistens nur die Wohnungsnummern dran, oder ein Name von jemandem, der dort mal vor 20 Jahren gewohnt hat.
Haben Sie Ihren Namen an die Tür geschrieben?
Kollek: Nein, ich auch nicht. Irgendwie genießt man in New York ja auch diese Art von Anonymität, die Möglichkeit, sich total abzukapseln.
Sie sagten, viele Menschen kommen nach New York, um eine Karriere zu beginnen - wie war das bei Ihnen?
Kollek: Als ich das erste Mal nach New York gekommen bin, zum ersten Mal die Skyline und alles sah, war das schon sehr aufregend für mich. Ich hatte darüber vorher nur Filme gesehen und Bücher gelesen und jetzt fühlte ich mich dieser Welt irgendwie verbunden. New York ist insgesamt sehr arbeitsorientiert, es gibt sehr viele talentierte Menschen, gute Schauspieler, die wirklich arbeiten wollen, die nach New York kommen, weil sie entdeckt werden wollen.
Sie haben aber auch mit nichtprofessionellen Akteuren gearbeitet und beispielsweise die Prostituierten in "Fiona" mit echten Prostituierten besetzt. Wie war diese Erfahrung für Sie?
Kollek: Diese Frauen hatten eine sehr einfache Beziehung zur Wahrheit, es schien so, als hätten sie nichts zu verbergen, sie hatten vor der Kamera keinerlei Hemmungen. Das war anders, als mit einem richtigen Schauspieler zu arbeiten, der immer seinen Text lernt und dann versucht, eine möglichst interessante Vorstellung abzuliefern. Hier haben bei "Fiona" versucht, etwas ganz Natürliches zu finden.
Inwiefern sind die Filme auch durch Ihre persönlichen Erfahrungen geprägt?
Kollek: Also, vor allem die Angst vor der Einsamkeit findet man in den Rollen wieder, die Anna spielt. Auch, dass man in New York schnell in eine ausweglose Situation geraten kann, habe ich oft erlebt. Ich habe dort viele Leute kennen gelernt - nicht nur Frauen - die in solchen Situationen waren. Und irgendwann habe ich erkannt, dass das in dieser Stadt jedem passieren kann.
Sie haben früher auch selbst vor der Kamera gestanden. Ist diese Zeit vorbei?
Kollek: Ja, ich denke, damit bin ich fertig. Es gab eine Zeit in meinem Leben, wo ich ein Filmstar werden wollte, da war ich ungefähr 20 Jahre alt. Und der erste Film in dem ich spielte basierte auf einem Roman, den ich selbst geschrieben hatte. Ich habe auch in zwei Filmen gespielt - "Don't Ask Me If I Love" und "Goodbye, New York" - wo die Rollen meiner Person etwas ähnelten. Genauso der Film "Whore 2", wo ich einen Schriftsteller gespielt habe, der in New York Prostituierte interviewt. Ich habe also Rollen gespielt, die in irgendeiner Wiese auch auf einem Aspekt meiner Person, meines Lebens basierten.
Und dieser Wunsch, Filmstar zu werden, kam der Ihnen in New York?
Kollek: Nein, das war einfach ein Kindheitstraum.
Wie war denn Ihr erster Kontakt zum Film?
Kollek: Ich bin als Kind sehr gerne in Jerusalem ins Kino gegangen, ich habe Western gesehen... Und ich erinnere mich noch, als Paul Newman nach Israel kam, um "Exodus" zu drehen, dass war glaube ich Anfang der 60er, da war ich 14. Ich habe damals die Filmsets besucht, wenn berühmte Schauspieler nach Israel kamen. Kirk Douglas zum Beispiel, und eben auch Paul Newman.
Wie viel Kinos gibt es heute in Jerusalem?
Kollek: Das weiß ich gar nicht genau, da hat sich auch viel verändert. Keines der Kinos von damals ist übrig geblieben, das waren früher glaube ich 12 Kinos im alten Zentrum von Jerusalem. Jetzt ist es aber so wie überall auf der Welt: du hast diese großen Einkaufszentren und da drin diese Multiplex-Kinos mit acht oder mehr Sälen. Insofern gibt es auf jeden Fall mehr Leinwände als früher.
Und werden Ihre Filme in Israel gezeigt?
Kollek: Ja, manchmal. "Fast Food Fast Woman" war ein großer Kinohit in Israel. "Sue" dagegen wurde komischerweise in den Kinos nicht gezeigt, sondern nur im Fernsehen. Und ich weiß gar nicht, warum "Fast Food Fast Woman" in Israel so gut funktionierte, das hat mich eher überrascht. Es ist ja auch nicht so, dass dieser Film jetzt besser ist als all die anderen. "Bridget" mögen auch sehr viele, aber er war in keinem Land übermäßig erfolgreich. In Israel wurde er noch gar nicht gezeigt.
Obwohl Sie dafür auch Szenen in Israel gedreht haben.
Kollek: Das hilft nicht notwendiger Weise, wenn man den Film in dem Land dann auch ins Kino bringen will. Die Israelis wollen ja auch immer eine andere Gegend sehen, sie wollen woanders hin, wenn sie ins Kino gehen, sie wollen nicht unbedingt die eigene Heimat auf der Leinwand sehen.
Es gibt in "Bridget" diese amüsante Szene, wo Anna Thomson an der Grenze zu Israel in eine Gasstätte kommt, wo sich gerade zwei lesbische Frauen mit stark bayerischem Dialekt unterhalten. Haben Sie so eine Situation selbst erlebt?
Kollek: Ja, es gab so eine Situation, allerdings war das in Prag. Dort war ich auf dem Film-Festival "Karlovy Vary" und abends bin ich in ein indisches Restaurant gegangen. Und da waren diese beiden Frauen, die so ein ähnliches Gespräch führen. Das Restaurant war total lehr, nur die beiden saßen da und führten eine sehr emotionale Unterhaltung auf Deutsch. In dem Moment kam mir das total bizarr vor.
Gibt es noch andere Deutsche in Ihren Filmen?
Kollek: Ja, ich habe in den 80ern mal einen Film mit Hanna Schygulla gedreht, "Forever Lulu" hieß der. Ich war ein großer Fan von ihr und ich habe sie damals in Israel getroffen. Jemand hatte mir gesagt, sie käme für einen Tag nach Israel. Da bin ich extra nach Tel Aviv gefahren, nach Jaffa an den Strand, wo sie sich angeblich aufhielt und zu Mittag essen wollte. Eigentlich ist das gar nicht meine Art, aber ich bin einfach hingefahren und habe sie angesprochen. Und kurz darauf war es dann so, dass ich sie mit meinem Auto nach Jerusalem gefahren habe, weil sie dort hin musste. Aber als sie aus dem Auto stieg, hat sie ihre Schuhe vergessen - und die habe ich heute immer noch. Das sind so Schuhe mit sehr hohen Absätzen in beige und schwarz, ein bisschen Safari-Stil. Heute ist das einer meiner wichtigsten Schätze, einfach eine schöne Erinnerung.

Amos Kollek über seinen Film "Bridget", über Freaks und seine Liebe zum Humor
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=682 | © planet-interview.de | Foto: Monitorpop Entertainment
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