03. September 2007
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Adrian Topol über seine Rolle als junger SS-Soldat im Kinofilm "Franz + Polina", die Suche nach der Menschlichkeit, Dreharbeiten im kalten Weißrussland und die Gefahr, sich zu "verausspielen"

© ZA Film
Der in Polen geborene deutsche Schauspieler Adrian Topol bekam für die Rolle „Abel“ im ZDF-Film "Königskinder" 2003 den Nachwuchspreis des „Deutschen Fernsehpreises“. Er war unter anderem in den Kinofilmen "Kombat Sechzehn" und "Das Lächeln der Tiefseefische" zu sehen. Tobias Goltz traf ihn im August 2007 in Berlin anlässlich des Kinostarts von "Franz+Polina", einer russischen Produktion.

"...ab und zu hab ich mit dem Tonmann ein paar Schlückchen Wodka getrunken, um wach zu werden und die Kälte ein bisschen besser auszuhalten."
Voriges Zitat
"Ich glaube, wenn man sich etwas vornimmt, bildet sich die Welt um einen herum und eines kommt zum anderen. "
Voriges Zitat"Der erste gute Freund war mein Computer."
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Adrian, du hast 2003 für "Königskinder" gleich zu Beginn deiner Karriere den Deutschen Fernsehpreis bekommen und anschließend in relativ kurzer Zeit ziemlich viele Filme gedreht. Wie bewertest du die letzten Jahre im Rückblick?
Topol: Es war eine sehr intensive Zeit, in der wirklich alles sehr schnell ging. Ich habe die letzten Jahre immer als Weiterbildung angesehen. Aber jetzt habe ich auch gemerkt, dass ich aufpassen muss, mich nicht zu "verausspielen", damit ich für besondere Projekte auch noch Geheimnisse für mich behalte.
Was für Geheimnisse meinst du?
Topol: Wenn ich eine Rolle spiele, versuche ich immer, ihr ein gewisses Geheimnis zu geben, ein gewisses Etwas. Wenn man zu viel macht, kann es passieren, dass man oberflächlich wird. Das möchte ich nicht. Ich will vermeiden, dass ich faul werde, weil ich viele Filme drehe. Ich sage dann lieber Sachen ab und mache – sofern ich es mir leisten kann – nur ein oder zwei Filme im Jahr. Das ist besser als so ein halbes Ding.
Inwiefern hast du selbst das Gefühl, dich von Film zu Film weiterentwickelt zu haben?
Topol: Es fängt immer wieder von vorne an. Jedes Mal, wenn ich eine Rolle spiele, denke ich: „Oh Gott, schaff ich das noch? Wie geht das noch mal?“. Man hat mit der Zeit zwar mehr Erfahrung, aber die Sicherheit hat man nie.
Deine Kollegin Anna Maria Mühe sagt, sie habe im Moment noch nicht das Recht sich als Schauspielern zu bezeichnen, weil sie noch nicht so lange dabei sei, keine Ausbildung habe und bisher noch auf keiner Theaterbühne stand. Ab wann hast du gedacht: „Hey, jetzt bin ich Schauspieler!“?
Topol: Ich weiß nicht, ob ein Schauspieler nur dann ein Schauspieler ist, wenn er eine Schauspielschule besucht hat. Ich denke, man ist Schauspieler, sobald man seinen Beruf ausüben und andere Menschen damit begeistern kann. Für mich ist der Schauspielerberuf mehr, als mich selber darzustellen. Ich möchte an die Menschen, die im Kino oder vor dem Fernseher sitzen, etwas weitergeben, etwas mit ihnen teilen. Das ist für mich Schauspielerei! Ich finde, sobald ich das schaffe oder es zustande kommt, bin ich Schauspieler. Bei den Dreharbeiten zu "Franz + Polina" in Weißrussland hatte ich jedoch so ein bisschen das Gefühl, einen Ritterschlag zu bekommen. Das Gefühl dazuzugehören war anschließend noch viel stärker als zuvor. Ich denke, man wächst schlussendlich durch die Projekte.
In "Franz + Polina", einem russischen Kinofilm, spielst du einen jungen SS-Soldaten, dessen Trupp im Jahr 1943 in einem weißrussischen Dorf stationiert ist. Er verliebt sich dort in ein Mädchen, mit dem er sich jedoch nicht mit Worten verständigen kann. Wie bist du an diese Rolle gekommen?
Topol: Zuerst sollte ein russischer Schauspieler die Rolle spielen, aber das hat scheinbar nicht funktioniert. Ich bin dann zusammen mit vier anderen deutschen Schauspielern nach Minsk zum Casting eingeladen worden. In Deutschland habe ich dann Bescheid bekommen, dass ich für die Rolle ausgewählt worden bin. Ich bin dann auch gleich rüber. Das ging alles so schnell, dass ich nicht mal genug Zeit hatte, um das Drehbuch vollständig zu lesen.
Hattest du Bedenken, weil du gar nicht wusstest, was da auf dich zukommt?
Topol: Die Bedenken hatte ich. Schließlich wusste ich nicht, ob ich nur der böse SS-Mann bin, wie der Film am Ende aussieht. Während der Dreharbeiten habe ich dann aber ein immer klareres Bild bekommen.
Spannend ist die Tatsache, dass ein russischer Film die deutsche Besatzung aus der Sicht eines deutschen SS-Soldaten erzählt.
Topol: Es ist eine interessante Perspektive. Ich denke, für Russland stellt "Franz + Polina" eine neue Sichtweise auf diese Zeit dar. Für viele in Russland ist es wahrscheinlich gar nicht so einfach zu sehen, dass hier in erster Linie ein Deutscher der Held ist. Vorher waren die russischen Filme, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst haben, immer sehr patriotisch. Da gab es dieses klare Bild von Gut und Böse. Die Deutschen waren die Bösen, die Russen die Guten, man hatte seine Helden. Die meisten Filme wurden auf diese Weise gedreht und die Deutschen wurden oft auch als ein bisschen dümmlich dargestellt. Ich fand es ziemlich spannend, einen Menschen darzustellen und keinen SS-Soldaten in dem Sinne, kein Klischee. Es geht gar nicht mehr um Deutsche und Russen, sondern eben um Menschen. In diesem Film steckt für mich die Suche nach der Menschlichkeit.
Die Anfangsbilder sind sehr warm, sehr herzlich, so dass eine friedliche und idyllische Atmosphäre entsteht…
Topol: Gerade für meine Generation, die andere Sachen gewöhnt ist, ist diese Langsamkeit zu Beginn etwas sehr Ungewöhnliches. Die kennt eher das, was danach kommt. Und das ist dann der Wahnsinn, da ist von Menschlichkeit gar nichts mehr übrig. Alles wirkt sehr hart, sehr kühl und lässt einen richtig schaudern.
Als die Soldaten ohne Vorwarnung damit beginnen, das ganze Dorf zu liquidieren, soll Franz sich seinem Vorgesetzen als Mann beweisen und Polina erst vergewaltigen und dann erschießen. Was ist Franz für ein Mensch, wie würdest du ihn beschreiben?
Topol: Für mich ist er jemand, der eigentlich so ähnlich ist wie ich. Jemand, der unreflektiert versucht, die Dinge so zu nehmen wie sie kommen, aber halt in gewisser Weise einen sehr gesunden Menschenverstand hat. Der mehr ein Bauchmensch als ein Kopfmensch ist. Franz ist für mich wie ein junger Hund. Ein Welpe, der im Laufe der Zeit zu einem großen Hund heranwächst, zu einem kleinen Wolf.
Weil es der Regisseur wollte, bist du schon während der Vorbereitungszeit in Uniformhose und Stiefeln in Minsk herumgelaufen. Was war das für ein Gefühl?
Topol: Der Regisseur wollte, dass ich ein Gefühl dafür kriege, wie es ist, den ganzen Tag in solchen Stiefeln zu laufen, damit es irgendwie zu meinem Eigen wird. Es war ansonsten ja zum Glück wirklich nur die Hose, das Oberteil wäre schon ziemlich heftig gewesen. Ich glaube, damit hätte ich nicht auf der Straße herum laufen können, sondern wäre schnell im Gefängnis gelandet… Und marschieren musste ich üben: deutschen Stechschritt! Ein alter General hat mir gezeigt, wie das geht. Der hat sich total gut ausgekannt und mir dann erzählt, wie das alles entstanden ist. Dass er deutsche SS-Stechschritt ganz krass war: schneller, weiter – um Stärke zu zeigen. Im Film war das nie da, ich hab’s im Endeffekt nur für das Gefühl gemacht.
Wie hast du Land und Leute wahrgenommen?
Topol: Dadurch, dass wir in einem kleinen nachgebauten Dorf gedreht haben und ganz viele Menschen dort hin geholt wurden, hatte ich sehr viel Kontakt mit den Menschen. Auch mit welchen, die den Zweiten Weltkrieg selbst noch erlebt haben. Als die mich dann in dieser SS-Uniform gesehen haben, war das für die wahrscheinlich eine sehr krasse Rückversetzung. Die hatten natürlich auch Berührungsängste, weil ich für die einfach auch der westliche Deutsche war. Aber sie haben sehr freundlich auf mich reagiert und waren immer sehr zuvorkommend. Sie haben es sehr gut verstanden – die älteren Menschen sogar besser als die jüngeren. Die jüngeren haben öfters doppeldeutige Scherze gemacht, aber das hat sich alles gelegt. Wir sind alle gute Freunde geworden, am Ende waren wir wie eine Familie.
Du sprichst kein Russisch, der Regisseur Mikhail Segal weder Deutsch noch Englisch. Daher die Frage: Wie hat die Zusammenarbeit mit ihm funktioniert?
Topol: Wir hatten eine Dolmetscherin, die vorher allerdings noch nie was mit Film zu tun hatte. Das hat die Sache manchmal verkompliziert, weil sie immer versucht hat, alles Wort für Wort zu übersetzen. Ich habe zum Teil den Kontext einfach nicht verstanden und nicht kapiert, was der Regisseur von mir wollte.
Und was die Kommunikation mit den anderen Schauspielern betrifft?
Topol: Die ersten zwei Wochen war mit Uwe Jellinek noch ein weiterer deutscher Schauspieler da. Danach konnte ich mich nur mit der Svetlana Ivanova, die die Polina spielt, unterhalten. Die konnte englisch.
Ihr habt teilweise bei minus zehn Grad gedreht. Es heißt, du hättest zum Schluss beinahe einen Nervenzusammenbruch bekommen…
Topol: Es gab halt nicht diesen Luxus, den wir hier in Deutschland haben. Es gab kein ganzes Tagescatering. Einmal am Tag kam so ein alter gelber Postwagen vorbei, der in Deutschland wahrscheinlich gar nicht mehr fahren dürfte und hat das Essen angeliefert. Durch die lange Strecke war es oft nicht mal mehr warm. Es gab auch keine Zelte, wir haben immer draußen gegessen. Von daher war das so ein Feeling wie in einem Flüchtlingslager. Und dann gab es den ganzen Tag über nur Tee, schwarzen Tee. Ab und zu hab ich dann mit dem Tonmann ein paar Schlückchen Wodka getrunken, um wach zu werden und die Kälte ein bisschen besser auszuhalten.
Hast du ab und zu gedacht: Wieso mach ich das hier eigentlich?
Topol: Auf jeden Fall, das dachte ich sehr oft. Ich habe mich gefragt: Überleb' ich das hier überhaupt? Man kann sich im Nachhinein gar nicht vorstellen, wie hart das teilweise gewesen ist. Ich bin manchmal so weit an meine Grenzen gekommen bin, dass ich dachte: Noch ein Tag und ich brech’ zusammen…
Was hat dir dabei geholfen, die Dreharbeiten durchzustehen?
Topol: Das ging ganz nach dem Motto: Augen zu und durch. Ich bin immer wieder neu aufgestanden und hab weitergemacht. Es gab Tage, an denen es leicht lief. Und dann gab es wiederum superharte Tage… Ich glaube, ich war noch nie so froh, als die Dreharbeiten vorbei waren.
Erinnerst du dich noch daran, wann du zum ersten Mal mit dem Nationalsozialismus konfrontiert worden bist?
Topol: Das war in Deutschland, in Polen gar nicht. Da wird man erst später, wenn man älter ist, damit konfrontiert. Aber auch in Deutschland haben wir uns in der Schule nie wirklich differenziert und stark damit auseinandergesetzt. Man geht das Thema an, guckt irgendwelche – aber vielmehr auch nicht. Allerdings finde ich, dass sich Deutschland und die deutsche Kultur an sich sehr aktiv mit diesem Erbe auseinandergesetzt hat, das finde ich gut. Viele andere Länder haben sich mit ihrer nahen Geschichte noch immer nicht auseinandergesetzt. Ob nun die Amerikaner mit dem Vietnam-Krieg oder dem jüngsten Irak-Krieg oder die Chinesen mit Mao.
Du hast mal gesagt, dass du einen "inneren Abstand" zu Deutschland hättest, da du in Polen geboren bist. Inwiefern hat es dir das bei dieser Rolle als SS-Soldat geholfen?
Topol: Da ich mich in Polen nicht so sehr mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen musste wie es die Deutschen tun, hatte ich vielleicht einen ganz anderen Zugang dazu, der vielleicht freier war, mehr künstlerischer…

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Wie ging es bei dir mit der Schauspielerei eigentlich los?
Topol: Ich habe mit 11 angefangen, mit der Kamera meines Vaters ein wenig herum zu experimentieren und habe selber Kurzfilme gedreht. Mit 16 hab' ich dann bei einem Off-Theaterstück mitgemacht. Mit der Zeit wurde der Wunsch, Schauspieler zu werden, immer größer.
Als 16-jähriger hast du dann auch zwei Monate in einem für Kampfkunst berühmten Shaolin-Kloster in China verbracht. Wie kam das?
Topol: Die ersten Filme, die ich gesehen habe, waren Bruce Lee-Filme. Ich habe Kampfsport danach über alles geliebt. Ich habe sehr früh damit angefangen und wollte dann in so ein Kloster gehen und gucken: Was ist Fiktion? Was ist Wahrheit? Das war für mich der erste entscheidende Schritt. Ich habe mir gesagt: Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich auch alles andere. Und nachdem das geklappt hatte, hatte ich mehr Selbstbewusstsein, mehr Kraft, so dass ich es dann auch gewagt habe, nach Stuttgart zu gehen, um Schauspieler zu werden. Ich bin dann einfach auf eigene Faust losgezogen und habe versucht, das durchzusetzen. Ich glaube, wenn man sich etwas vornimmt, bildet sich die Welt um einen herum und eines kommt zum anderen. Ich hab das Gefühl, es findet mich. Aber auch wenn etwas mal nicht klappen würde, würde es halt dazugehören. Für mich hat alles seinen Sinn.
Wie hast du die Zeit auf der Schauspielschule erlebt?
Topol: Die ersten zwei Jahre waren die wichtigsten, da bekommt man die Basis vermittelt, da beginnt man ansatzweise zu begreifen, was Schauspiel ist… Dann habe ich angefangen zu drehen und konnte die Schule nicht zu Ende machen, weil ich die anderen auch nicht immer sitzen lassen wollte, wenn wir Theaterstücke geprobt haben. Die Schauspielschule war dennoch wichtig für mich. Ein Muss, um Schauspieler zu werden, ist sie aber auf keinen Fall.
In verschiedenen Kampfkunstarten bist du sechsmaliger deutscher Meister. Hilft dir dein sportliches Talent in Bezug auf die Schauspielerei?
Topol: Was Präsenz und Disziplin angeht auf jeden Fall. Durch den Kampfsport hat man eine gewisse körperliche Ausstrahlung, die auch beim Theaterspielen und beim Film dabei hilft, nicht unterzugehen.
Eine eigene Produktionsfirma hast du auch bereits gegründet…
Topol: Ja, zusammen mit einem Freund. Um 'ne Basis nebenbei zu haben. Das gibt einem eine gewisse Freiheit. Wir haben mit "Tears Of Kali" auch schon unseren ersten Film gedreht. Ich habe keine Lust dazu, immer nur zu jammern. Ich will nicht zu Hause sitzen und rumheulen: „Der deutsche Film ist am Ende und das ist alles so scheiße“. Da mach ich lieber was Eigenes. Auch wenn’s was Kleines ist.
Du bist in Polen geboren und mit acht Jahren nach Deutschland gekommen. Was hast du für Erinnerungen an die ersten Jahre deiner Kindheit?
Topol: Ich weiß noch, dass ich geweint habe, als ich zum ersten Mal in den Kindergarten musste. Auch an die Uniformen, die wir in der Schule getragen haben, kann ich mich erinnern. Ich hab’ die aber gerne getragen, total crazy… ich war richtig stolz auf die! Und dann bin ich viel mit meiner Oma gereist. Ich war generell viel mit älteren Menschen zusammen, habe Wärme und Liebe verspürt. Das war in Deutschland dann erst einmal total anders. Da ging’s um Markensachen und so was. Ich hatte halt keine, sah insgesamt sehr östlich aus und die anderen haben zu mir gesagt: „Iiihhh, du stinkst“. Unter den Kindern wurde auch nicht so viel geteilt wie in Polen. Ich hatte das Gefühl, dass die sozialen Kontakte hier sehr viel kälter waren…
Die erste Zeit in Deutschland war demnach nicht einfach für dich, zumal du kein Deutsch konntest?
Topol: Ich war sehr alleine und bin auch auf dem Schulhof immer alleine herum gelaufen. Der erste gute Freund war mein Computer. Der Anfang war schon hart: Polen und Deutschland waren komplett verschiedene Welten.
Unsere Schlussfrage lautet: Das Leben ist ein Comic – welche Figur bist du?
Topol: Ich wäre gerne Batman! Das ist die menschlichste aller Superfiguren…
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=145 | © planet-interview.de | Foto: ZA Film
» Ich glaube, dass Daniel Kehlmann irgendwann in der Schule dieselbe Bedeutung wie Schiller und Goethe haben wird.«
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